Tocotronic-Album "Nie Wieder Krieg" - Nicht leicht, sie nicht gut zu finden

Fr 28.01.22 | 08:01 Uhr | Von Jakob Bauer
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Band "Tocotronic". (Quelle: dpa/Rudi Keuntje)
Bild: dpa/Rudi Keuntje

Tocotronic - das sind die weisen gealterten Herren des deutschen Indie-Rock. Ihr neues Album wollte die Band in der Volksbühne vorstellen. Corona hat das verhindert. Draußen ist es aber nun trotzdem - aufgenommen in den Berliner Hansa-Studios. Von Jakob Bauer

Das Werk von Tocotronic lässt sich grob in zwei Phasen einteilen: Die 90er, in denen drei kauzige Studentenjungens zu wuchtiger Gitarren-Schrammelei einen T-Shirt Slogan nach dem anderen herausballerten: "Die Idee ist Gut, die Welt noch nicht bereit" hieß es damals zum Beispiel, "Jungs hier kommt der Masterplan" oder "Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein".

Und dann kam der Bruch. Die Musik wurde zarter, die Texte unschärfer, die Slogans zum Ausdrucken allerdings blieben bis heute. "Nie Wieder Krieg" ist so ein Slogan, der Titelsong der das Album eröffnet. In dem Song geht es – ein Thema, das sich durchzieht – um die Suche nach Heilung. Etwas ist zerbrochen. Gesellschaftlich. Persönlich. "Nie wieder Krieg" wünscht sich eine "abgeschabte" Figur auf einem Raststättenklo, die einen Sanifair-Bon in der Hand hält und in den Spiegel schreit.

Wie das gehen könnte, mit der Heilung, das hört man auf dem Schlusstrack des Albums: Vielleicht ja doch einfach mit der Kraft der Liebe?

Kitsch und Doppelbödigkeit

Ein bisschen kitschig, ja, aber in seinem heftigen Pathos eben auch doppelbödig. Es ist ein künstlerisches Merkmal von Tocotronic, dass nie so ganz klar ist, wann die Band eher ironisch unterwegs ist oder ihre Botschaften bierernst meint. Dazu trägt immer auch der überkandidelte Gesang von Dirk Von Lowtzow bei, der Wörter wie "abgeschabt" oder "Schlund" in den Songs platziert, zum Beispiel im schwer entzifferbaren Liebeslied "Ich tauche auf" mit der österreichischen Sängerin Soap & Skin, das nur über Bilder und Sprachklang funktioniert: "Ich tauche aus dem Wasser auf/Wie aus einem tiefen Schlund/Wohl auch deshalb/Ist mein Mund/Fest zugepresst."

Band "Tocotronic" (Quelle: dpa/Henrik Josef Boerger)

Zu viel fließt einfach nur gefällig vorbei

Musikalisch entwickeln sich Tocotronic seit Jahren allerdings in eine seltsam beliebige Richtung. Selbst wenn die Gitarren eigentlich schreien und jaulen, ist der Sound wattig und weich, fast unnahbar. Eine bewusste, ironische Brechung der Rockerpose, klar, aber die Musik verliert so ihre identifikationsstiftende Kraft, die ästhetische Wucht, den Moment, in dem die zweideutigen Texte das Herz erreichen und plötzlich einen Sinn ergeben.

Künstlerisch interessant fließt da für mich dann doch zu viel einfach gefällig vorbei. Besser sind Tocotronic dann, wenn die Musik auch den Text wirklich reflektiert, eine Atmosphäre, ein Sog entsteht. "Ein Monster kam am Morgen" vermischt kindliches Glockenspiel, das Monster unter dem Bett, mit dem Wunsch des Erzählers, dem Monster durch die Schranktür zu folgen. Und zwar für immer. Schaurig-schönes Unbehagen stellt sich ein, wenn am Ende des Lieds ein unheilschwangeres Streicherarrangement gemeinsam mit der Gitarre immer tiefer und tiefer sinkt.

Wahlweise stark berührt oder genervt

Ich reibe mich an diesem Album. Ich bin genervt von der exzentrischen Künstlichkeit und habe trotzdem Lust zu interpretieren. Ich finde die Musik meistens eher dröge und bin in manchen Momenten dann doch stark berührt. Immer wieder denke ich, ich könnte Tocotronic jetzt aber langsam mal wirklich zu den Akten legen. Aber die Band macht es einem nicht leicht, sie nicht gut zu finden.

Sendung: Inforadio, 28.01.2022, 06:55 Uhr

Beitrag von Jakob Bauer

7 Kommentare

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  1. 7.

    Ich habe nun nicht alle Scheiben von Tocotronic im Schrank und vieles gefällt mir auch nicht unbedingt, aber sie überraschen doch immer wieder mal mit tollen Songs, die so nur wenige deutsche Bands hinbekommen.

  2. 6.

    Seit 1993 bin ich absoluter Fan. 1994 war ich das erste Mal auf einem ihrer Konzerte. Sie waren toll. Die Musik und Texte gingen unter die Haut, haben mich begleitet. "Ich möchte irgendwas für dich sein", "Michael Ende", "Freiburg", "Jenseits des Kanals"...toll... sie waren gegen den Kommerz...immer. Und jetzt? Geld, Geld, Geld. Nicht einmal ein Foto wollte Dirk mit mir machen, als ich ihn im F'hainer Volkspark traf. "Oh neeee...jetzt nicht." hieß es. Ich will nicht mehr.

  3. 5.

    Tut mir leid, langweilige Musik.
    Aber wem es gefällt, habe damit kein Problem.

  4. 4.

    Hab eine ähnliche Einstellung zu Tocotronic. Musikalisch fand ich sie immer unerheblich und uninteressant, eigentlich langweilig. Die Texte und auch die Stimme reißen einiges wieder raus. Und ja, ich finde das auch manchmal arg künstlich. So ganz warm wurde ich mit denen nie, obwohl ich eigentlich tendenziell ins Beuteschema passe. Die Alben habe ich trotzdem/vielleicht deswegen alle....:-)

  5. 3.

    Ich habe das Album gerade gehört. Treffender als es hier geschrieben wurde, kann man es in meinen Augen nicht tun.
    Danke, dass ich für meine Meinung keine Worte mehr suchen muss, sondern ganz einfach auf diesen Artikel verweise.

  6. 2.

    "Nie wieder Krieg" wünsch ich mir auch immer wieder an allen möglichen Orten. Nur die Realität sieht leider anders aus, kriegerische Auseinandersetzungen nehmen weiter zu, auch die Grünen befürworten die Fortsetzung der Auslandseinsätze der Bundeswehr wahrscheinlich wieder, Rüstungsausgaben explodieren - im wahrsten Sinne des Wortes - hier und weltweit.
    Wann kommt das Verbot der Rüstungsproduktion?
    Wann dürfen wir auf Atomwaffen verzichten?
    Danke an die Künstler*innen, die das Thema nicht verschweigen.

  7. 1.

    Ich habe mich doch sehr gewundert, wie einfallslos auf musikalischer Ebene der Mainstream bedient wird.
    Hier wird uns ein gelber Klecks als Sonne verkauft.
    Schade, eine Platte, die ich nicht haben muss.

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