Kultur-Areal gekündigt - Die Zukunft am Ostkreuz ist ungewiss

Fr 14.01.22 | 15:37 Uhr | Von Jenny Barke
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Zukunft am Ostkreuz (Quelle: rbb)
Bild: rbb

Kino, Kneipe, Konzerte auf 2.500 Quadratmetern: Über zehn Jahre stand die "Zukunft am Ostkreuz" für Kultur. Den Mietern wurde zu Ende März gekündigt. Vertreter aus Bezirk und Kultur versucht den Ort zu retten - bislang mit ungewissem Ausgang. Von Jenny Barke

Das Kulturareal am Ostkreuz sieht im vormittäglichen Januargrau so aus, wie sich dessen Betreiber seine nahende Zukunft ausmalen: verlassen, ohne Leben, in trüber Tristesse. Denn sollte sich nicht doch noch im letzten Augenblick etwas ändern, steht die "Zukunft am Ostkreuz" in zwei Monaten vor dem Aus. Schon jetzt sei es schwer, das Theater- und Musikprogramm zu planen, sagt Betreiber Manuel Godehardt. "Wir sind jetzt seit zwei Jahren quasi eh nur mit einem Bein im Geschäft. Der Mietvertrag wurde uns also in einer sowieso schon schweren Zeit, mitten in der Pandemie gekündigt."

Zukunft am Ostkreuz, Manuel Godehardt und Andi Sommer (Quelle: rbb)
Bild: rbb

Dabei loben Godehardt wie auch sein Kollege Andi Sommer das bisherige Verhältnis zum Vermieter. Seit der Gründung der "Zukunft am Ostkreuz" auf den Brandruinen eines ehemaligen Filmlagers vor über zehn Jahren sei das Verhältnis zum Eigentümer immer gut gewesen, er habe sich kulturinteressiert gezeigt und die Kultur- und Kunstschaffenden arbeiten lassen. Erst vor einem Jahr wurde der Mietvertrag nicht mehr verlängert.

Einen Grund für die Kündigung nennt der Eigentümer, die Grundwert Real Estate Beteiligung GmbH, nicht. Godehardt und Sommer können nur Vermutungen anstellen. "Hier ums Ostkreuz passiert einiges, es sind einige Neubauten geplant. Wahrscheinlich wächst in diesem Zusammenhang auch der Verwertungsdruck auf unser Gelände", so Godehardt.

Verdrängung und Neubauten am Ostkreuz

Denn der Abriss droht nicht nur dem mit Holzfassaden verkleideten und Lichterketten dekorierten Gelände, auf dem sich ein Freilichtkino, zwei Kinosäle, eine Galerie, eine Bar, ein Theater, eine Brauerei und ein Konzertsaal befinden: Durch den Bauabschnitt der A100, der durch Treptow, Friedrichshain und Lichtenberg führt, sind auch die nahegelegenen Clubs About Blank und die Wilde Renate bedroht.

Am Ostkreuz entsteht gerade das Bürohaus Axis Offices und der sogenannte "Ostkreuz Campus". An der Rummelsburger Bucht werden Luxuswohnungen gebaut. Ebenfalls am Ufer der Bucht soll das umstrittene Aquarium Coral World entstehen - und soll nach neuesten Plänen des Unternehmens sogar noch wuchtiger gebaut werden, als zunächst im Bebauungsplan vorgesehen.

Dominoeffekt auf weitere Kinolandschaft

Gegen die fortschreitende Verdrängung formiert sich Protest in dem Viertel. Im November fand in Friedrichshain eine Demonstration gegen die weitere Veränderung des Gebiets und für den Erhalt der "Zukunft am Ostkreuz" statt. Mit Plakaten wie "Konzerte statt Konzerne" und "Zukunft statt Ostkreuz-Campus" drückten die etwa 650 Teilnehmer:innen ihre Solidarität mit dem Kulturareal aus.

Das Aus der "Zukunft" könnte zudem eine Kettenreaktion auslösen: Sollte das Kino auf dem Gelände schließen, sind auch die Kinos Tilsiter Lichtspiele und Kino Intimes in Friedrichshain in Gefahr. Denn sie werden mit Bier aus der Brauerei der Zukunft am Ostkreuz beliefert, wodurch hauptsächlich die Einnahmen der kleinen Programmkinos generiert würden, erklärt Godehardt.

Zukunftsrat gegründet

Aus Angst vor der Schließung starteten die Betreiber der "Zukunft" im November eine Petition, um "den Rauswurf" zu verhindern [change.org]. "Sonst stirbt einer der letzten verbliebenen Kulturstandorte von Friedrichshain", heißt es auf der Seite im Netz. Die Mieter sorgen sich darum, dass vielleicht "das Gelände jahrelang leerstehen" wird. Über 18.000 Berlinerinnen und Berliner haben die Petition bereits unterschrieben. "Wenn man diese 18.000 Leute runterbricht, dann sind das zehn Prozent der Einwohner von Friedrichshain-Kreuzberg. Das zeigt: Das hier ist ein sehr relevanter Ort für Kultur in Berlin", so Godehardt.

Und Ton-Techniker Andi Sommer ergänzt: "Wir hoffen, dass wir durch die Petition den Druck auf die Politik erhöhen." Die hat die Brisanz des Themas erkannt. Bereits im August vergangenen Jahres hat die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) von Friedrichshain-Kreuzberg einen Rettungsantrag beschlossen, in dem der Eigentümer aufgefordert wurde, die Kündigung zurückzunehmen. Weitere Beschlussvorschläge folgten [berlin.de]. Außerdem wurde ein sogenannter Zukunftsrat mit stadtpolitischen Akteur:innen wie Lokalbau, mit Vertreter:innen der Politik wie Bezirksbaustadtrat Florian Schmidt und den Mietern gegründet [baustelle-gemeinwohl.de].

Ausweichstandort suchen oder Zukunft in Neubau integrieren?

Für Bezirksbaustadtrat Florian Schmidt (Die Grünen) ist das Kulturareal "für die Nachbarschaft und den Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg von herausragender Bedeutung, ein letzter Ort für Subkultur, von Menschen für Menschen ohne kommerzielle Beweggründe." Er hofft, dass durch die Verhandlungen des Zukunftsrats mit dem Eigentümer zunächst die Kündigungsfrist nach hinter verschoben werden kann. Doch es müssten auch längerfristige Lösungen gefunden werden.

Aktuell suche der Bezirk nach möglichen Ausweichstandorten und habe ein kooperatives Verfahren entwickelt. In einer sogenannten "Visionsskizze" haben die Akteur:innen Konzepte vorgestellt, wie der Kulturstandort in einen möglichen Neubau integriert werden könnte.

Schmidt beschreibt die Zusammenarbeit mit dem Eigentümer als kooperativ - "andererseits wird auch ein bisschen Versteckspiel betrieben", so der Baustadtrat. "Da muss jetzt was kommen und konkreter werden. Wir wünschen uns, dass auch die Hinterleute, also die Gesellschafter mit an den Tisch kommen." Bis Ende Januar wollen der Zukunftsrat und der Eigentümer ihre Verhandlungen abgeschlossen haben und ihre Ergebnisse präsentieren.

Senat sieht sich in Vermittlerrolle

Doch die Betreiber bleiben skeptisch, ob die drohende Kündigung noch abgewendet werden kann. "Wir freuen uns natürlich über die Unterstützung aus der Politik", so Sommer. "Gleichzeitig sind wir ja aber auch nicht der einzige Laden, den das betrifft und haben da in der Vergangenheit sehr oft gesehen, wie das schiefgegangen ist." Sie würden sich wünschen, dass die Politik bessere Mittel in der Hand hätte, um solche Räumlichkeiten zu schützen. "Oder, wie in unserem Fall konkret, schnell ein Ersatzgelände anbieten zu können."

"Wir haben da keine Hebel in der Hand", bestätigt allerdings auch die Senatskulturverwaltung. Auf höherer Ebene könne der Senat bisher nichts bewirken, denn es handle sich um ein privates Gelände, der Eigentümer habe das Recht zu kündigen. "Wir sind am Ende der Nahrungskette", sagt der Sprecher der Senatskulturverwaltung, Daniel Bartsch. Doch im Rahmen ihrer Möglichkeit wolle der Senat vermitteln und stehe als Berater zur Seite. "Wir begleiten das Gremium des Zukunftsrats mit unserer Expertise", so Bartsch. Denn jede Kultureinrichtung, die der Stadt verloren gehe, sei ein Wegbrechen der Berliner Kulturlandschaft. "Das wollen und können wir nicht hinnehmen."

Sang- und klangloser Abschied?

Trotz der schlechten Aussichtschancen hoffen Sommer und Godehardt darauf, dass zumindest der Mietvertrag noch etwas verlängert wird und sie danach eine neue Perspektive bekommen.

Auch, weil ein rasches Ende der "Zukunft" jetzt besonders düster wäre. Sollte das Areal Ende März schließen müsste, würde es, meint Godehardt, pandemiebedingt wohl sang- und klanglos vonstatten gehen: ohne große Party, Kultur, Musik und die vielen Gäste, für die die "Zukunft am Ostkreuz" all die Jahre stand.

Sendung: rbb24, 14.01.2022, 16 Uhr

Beitrag von Jenny Barke

12 Kommentare

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  1. 12.

    Leider setzt sich nicht immer durch, was taugt, sondern wofür am meisten geklappert wird. Das ist natürlich das, was am meisten kommerziellen Erfolg verspricht. Künstler ohne Lobby haben es zunehmend schwerer, überhaupt wahrgenommen zu werden. Stattdessen werden uns irgendwelche Plastikgestalten vorgesetzt, die nichts zu sagen haben. Das hat für mich mit Qualität oft nichts zu tun.

  2. 11.

    Wirtschaftliche Eckdaten zu den bisherigen Aktivitäten auf dem in Rede stehenden Gelände finden man in dem Beitrag nicht. Auf den 2.500 Quadratmetern in bester Zentrumslage baut sich natürlich ein Verwertungsdruck auf. und nicht jeder Eigentümer ist wie der heilige Martin.

  3. 9.

    Wohl wahr. Nur, Städte wie London, NewYork, Paris, Barcelona, Venedig funktionieren weiterhin und sind Sehnsuchtsorte, nach wie vor. Berlin verändert sich. Die Zeit des umsonst bzw. low-level geht vorbei. Das mag schade sein, ist aber auch mit Qualität verbunden. Was taugt, bleibt und setzt sich durch. Das war noch nie anders. Die Museen geben Einblick. Konzerthäuser und Bühnen spielen es. Die Kinos flimmern. Wer, außer der grad verstorbene Achternbusch, macht noch Filme unter Millionen und ohne Förderknete? Trotzdem – auch ich vermisse die Schmuddelecken und miefigen Abhängorte. Für die Jugend ist es sicher am schlimmsten. Das kulturelle und gastronomische Angebot hingegen besteht zunehmend auf hohen Niveau, mehr als in jede anderen deutschen Stadt. Kein Grund für Trübsal.

  4. 8.

    Alle wollen in Berlin wohnen? Bald nicht mehr, wenn es nur noch eine Schlafstadt ist. Arbeiten, schlafen und einkaufen ist nicht alles im Leben.

  5. 7.

    Für mich funktioniert eine Stadt in der meine Herzensorte reihenweise schließen müssen und das ganze kulturelle Leben sich einer Verwertungslogik unterordnen muss, in der im Zweifel Bürokomplexe mehr zählen, nicht. Das ist ungerecht, nicht menschenfreundlich und macht Berlin als Stadt kaputt. Wenn das der freie Markt sein soll, wundert es mich nicht dass sich viele von diesem Konzept abkehren und in Referenden Mehrheiten für Enteignungen gefunden werden. Vielleicht gibt es tatsächlich zu viel “Freiheit” auf dem Immobilienmarkt. Warum steht auch das Profitinteresse eines einzelnen Eigentümers über dem Kulturinteresse eines ganzes Kiezes/ eines ganzen Viertels/ einer Stadt? Vielleicht sollten wir uns nochmal grundsätzlicher darüber unterhalten wie wir eigentlich in Zukunft leben wollen. Und daran dann auch die rechtlichen Rahmenbedingungen neu orientieren.

  6. 6.

    Kann es sein, dass die Stadt und Bezirke keine Übersicht, Ahnung und Plan von einer lebenswerten Stadt haben?
    An der Mühlenstraße entstand ein, umstrittenes, modernes Hochhaus. Hoffnung? Daneben entsteht ein Block, der keinen Durchblick lässt. Wer hat das genehmigt? Wo ist der Plan vom Städtebau? Eine Stadt, bzw. die Einwohner benötigen neben Wohnraum und Verkehrsinfrastruktur noch Versorgung/Handel, Kultur, Sport und grüne Freiflächen. Oder etwa nicht? Sind Streaming, Lieferdienste, Home-Fitnesscenter das neue Leben? Jeder für sich, fexibel, ohne Verpflichtungen, ohne Plan. Da interssiert das Umfeld keinen mehr. Ich mag das nicht glauben, aber es sieht so aus. Wie ist Berlin vor 100 Jahren nur so groß geworden?

  7. 5.

    Korrekt! Das stimmt. Alle wollen in Berlin wohnen, Wohnraum braucht Platz und funktionierende Infrastruktur sowie Wirtschaft!

  8. 4.

    Bin bis mitte letzten Jahres täglich da vorbei und fand die Ecke nicht gerade vorzeitiges. Also bloß weg mit dieser Dreckecke …

  9. 3.

    Meine Güte, die Planung steht seit 10 Jahren. Pachtverträge entsprechend abgeschlossen. Jetzt wird's halt Zeit einen neuen Standort zu suchen. Und einen neuen Bierlieferanten finden die Kinos bestimmt. Kein Grund schon wieder Weltuntergang zu verkünden ... Und so einen Artikel kann man durchaus auch mal sachlich und ausgewogen formulieren. Die Mehrheit der Berliner möchte die Autobahnanbindung, und auch neue Wohnungen und ja sogar ein Aquarium :)

  10. 2.

    Aus Duldung leitet sich kein Recht ab! Zwischennutzung dient der Kompensation von Betriebskosten und Grundsteuer mittels Betreibern, die auf dem Markt kein Land sehen – ein Wagnis mit Risiken. Die Nutzung ist mit Betonung auf Kurzzeit begrenzt, was ausgeblendet wird, wenn die Unternehmung – ohne ortsspezifische Perspektive – erfolgreich ist. Selbst wenn der Verbleib für Konsumenten und Anbieter wünschenswert ist, bleiben die Rechte am Grundstück bestehen. Mit gesteigertem Konfliktpotenial, geschürt durch Politik, wird das Angebot dieser marktunkonformen Möglichkeiten abnehmen. Um Grundstücke werden Zäune errichtet und Wachdienste installiert (Køpi-Platz). Der Gesetztgeber kann wenig ändern. Selbst wenn, wie eine Frist zur Pflichterfüllung nach Erwerb, läuft das am Interesse von Nutznießern an Off-Places vorbei, weil dann wird mit Turbo vermarktet. Das Wende-Berlin, mit all den Unklarheiten, die derartige Bespielung begünstigten, war gestern.

  11. 1.

    na dann "brechen wir die 18.000 Leute mal runter"

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