Frühkritik | "Der Chinese" – Komödie im Schiller Theater - Gruselidylle Made in Deutschland

Mo 14.02.22 | 12:57 Uhr
Der Chinese (Yu Fang) wird bei seiner Ankunft von Vater Alexander (Thomas Heinze) und dessen Tochter Maria-Lara (Anna Julia Antonucci) begrüßt. (Quelle: Franziska Strauss)
Audio: Inforadio | 14.02.2022 | Ute Büsing | Bild: Franziska Strauss

Gerade ist China in aller Munde. Wegen der Olympischen Winterspiele und der auf allen Kanälen mitgelieferten kritischen Hinterfragung des chinesischen Systems. Wie passgenau erscheint da die Premiere der Komödie "Der Chinese". Im Fokus dabei stehen allerdings: die Deutschen.Von Ute Büsing

Wir schreiben das Jahr 2045. Deutschland gehört wieder ganz den Deutschen, seit eine völkische Bewegung die Verhältnisse rückwärtsgedreht hat. In der neuen Gruselidylle aus Retro-Seligkeit, totaler Ökodiktatur und Stasi-ähnlicher Überwachungsstaatlichkeit hat sich eine Vorzeigefamilie um die 40 mit Sohn und Tochter häuslich-holzvertäfelt rund um den heimischen Herd eingerichtet. Der Vater rühmt sich seiner Erfindungen, denen er ganz ohne die abgeschafften Chefs zuhause nachgehen kann, die neueste ist ein "Trenner" zur Spaltung der Gesellschaft. Die Mutter kocht in Rosa Regionales. Diese Familie empfängt jetzt einen Chinesen.

Aufeinanderprall von Angewohnheiten und Kulturen

Es dauert, bis Herr Ting in der handverlesenen Gastfamilie aufschlägt und seine Geschenke präsentiert: die Puppe für das Mädchen, den Mercedes für den Jungen, einen Roboterstaubsauger für die Mutter und einen farbenfrohen chinesischen Kaiser-Mantel für den Vater. Alles aus Plastik und Kunstfasern, was im deutschen Haushalt ebenso verpönt ist wie Biertrinken, Rauchen, Gendern und Handys. Das alles wurde abgeschafft. Genau das aber mag der Chinese (betont freundlich lächelnd: Yu Fang, bekannt u.a. aus der ProSieben Comedyserie "Check Check").

Nur bedingt schlägt Benjamin Lauterbachs 2011 zum Stückemarkt des Berliner Theatertreffens eingeladene und später (2012) am Staatstheater Darmstadt uraufgeführte, für die Komödie jetzt noch einmal bearbeitete Dystopie Funken aus dem Aufeinanderprall der Angewohnheiten und Kulturen. Vieles wirkt doch sehr gewollt und ausgestellt in diesem, bei allem intendierten bitteren Ernst doch überwiegend heiteren Ringen um hehre Werte wie Glück, Freiheit und Humanität. "Liebt China auch die Freiheit, Herr Chinese?!" fragt der Sohn und als Besuchs-Antrittsständchen wird dem Chinesen mit dem großen Geschenkekoffer "Die Gedanken sind frei" dargeboten. Überhaupt ist man sangesfreudig, um Gefühle, auch verdrängte, auszudrücken. Die an den Herd verbannte Hausfrau macht sich mit "Über sieben Brücken musst du gehen" Luft. Am Ende singt der Chor der Komödie von den Rängen "Über den Wolken".

Deutsche Kleinfamilie in totalitärer Schieflage

Die vermeintlich ach so glückliche deutsche Kleinfamilie befindet sich bereits in eben totalitärer Schieflage, bevor der perfekt deutsch sprechende Fremde in sie eindringt und unwillentlich den Einsturz des Konstrukts befördert. Nur, Mamma, Papa und die Kids sind so duselig-versponnen in ihre entrückten Rituale wie die Zubereitung ausschließlich biodeutschen Essens, Desinfektionsduschen, ständig gesunden Schlaf einlegen und "Paarungseid", dass sie ihre Lächerlichkeit nicht mal bemerken. Das Publikum indes sehr wohl. Henny Reents (dem größeren Publikum bekannt als Polizistin in der ARD-Kult-Serie "Nord bei Nordwest") und Thomas Heinze (seit "Allein unter Frauen" Film- und Fernsehstar) geben eine gute Partie als scheinbare Normalität wahrende Verblendete.

Ihr Spiel ist glaubhaft bei aller Abgedrehtheit, während die wie aufgezogen wirkenden Kids (Anna Julia Antonucci und Maximilian Diehle) in Daniel Krauss' Regie oft hart an der Grenze zur Penetranz agieren.

Dem Schlussakkord fehlt die Härte

Nach der Pause schlägt die Figurenaufstellung neue Volten, der Chinese wird nach Hause geschickt und es sind die Kinder, die mit den angelernten Überwachungsmethoden grausam gegen die Eltern – und damit sich selbst - zurückschlagen. Alles andere als behutsam an die Hand genommen von den eben an die Stasi erinnernden, ins traute Heim polternden Überwachungsbeamten (Michael Kind, Kirstin Warnke). Aber auch dem Schlussakkord – über den Wolken - fehlt letztlich die Härte. Da kommt noch zu viel Versöhnungswille ins durchaus animierte Spiel. Dennoch: für die Komödie ist "Der Chinese" eine mutige Stoffwahl.

Sendung: Inforadio, 14.02.2022, 6:55 Uhr

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