"Queen Lear" am Gorki-Theater - Shakespeare und Star Wars

Mo 21.02.22 | 11:10 Uhr | Von Katja Weber
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Svenja Liesau (l-r) als Sister Eddi, Corinna Harfouch als Queen Lear und Oscar Olivo als Clown stehen auf der Bühne bei der Fotoprobe von „Queen Lear" im Maxim Gorki Theater. Das Stück in Regie von Christian Weise feiert am 20. Februar 2022 Premiere. (Quelle: dpa/Monika Skolimowska)
Audio: Radioeins | 21.02.2022 | Katja Weber | Bild: dpa/Monika Skolimowska

Draußen Sturm, drinnen Shakespeare - erst musste alles wegen Krankheit verschoben werden, dann gab es eine Umbesetzung im Ensemble, die Schlechtigkeit der Welt ist dennoch nicht aufzuhalten. Am Sonntag feierte "Queen Lear" Premiere am Gorki-Theater. Von Katja Weber

Eine wilde Mischung hat Regisseur Christian Weise angerichtet, sein Theater verleibt sich andere Kunstformen ein: Slapstick, Comic, großartige Live-Kamera-Arbeit mit Stummfilm-Elementen. Sein König Lear ist eine Königin, andere Rollen werden ebenfalls von Männer- in Frauenrollen gewandelt und umgekehrt, Drag gibt es auch.

Queen Lear erwehrt sich ihrer ruchlosen Söhne nicht im antiken Britannien, sondern im Weltall, denn Weise versetzt Shakespeares Intrige und Kriege in eine Star Wars-Saga. Und nachdem das Theaterpublikum zwei Jahre per Streaming Serien genossen hat, bedient er auch diese Sehgewohnheiten: Die Netflix-Serie "Succession" lässt schön grüßen

Triggerwarnung: Dieser Abend könnte Gewalt enthalten!

Aber egal, ob die Tragödie im antiken Britannien oder in unendlichen Weiten ihren Lauf nimmt: An den Anfang gehört im Jahr 2022 eine Triggerwarnung. Fabian Hagen vom Nationaltheater Weimar trägt sie vor, er ist kurzerhand für einen erkrankten Kollegen eingesprungen (und dabei erstaunlich sicher in der neuen Rolle). Als Graf Kent, als Vertrauter der Queen, warnt er uns. Das alles heute Abend könnte ziemlich aus dem Ruder laufen.

"Es könnte zu fürchterlichen Szenen von Gewalt kommen, zu verbaler Gewalt, physischer Gewalt, sexualisierter Gewalt, zu kollektiver Gewalt". Folter ist auch nicht ausgeschlossen. Noch ist das nur eine Möglichkeit, aber bei Shakespeare und angesichts der Natur des Menschen wird es genauso kommen. Und Kent, der loyale Berater, wird verstoßen: Wegen unbotmäßiger Ehrlichkeit fällt er in Ungnade bei der Queen.

Tragödie mit minutiöser Kameraarbeit

Der Abend findet bis zur Pause fast ausschließlich hinter der Bühne statt. Vorn auf der Bühne, unter einer großen Leinwand, sitzt dabei meist nur der Musiker Jens Dohle, um den düsteren Endzeit-Soundtrack zum finsteren Geschehen beizusteuern. Die Intrigen selbst werden auf der Hinterbühne oder in den Gorki-Räumlichkeiten gesponnen, in den scienefictionhaften Kulissen von Julia Oschatz.

In zweidimensionalen Raumgleitern, in denen das fabelhafte Ensemble sich dreidimensional in den Wahnsinn oder den Tod treibt. Zwei Kamerafrauen übertragen das Ränkespiel für das Publikum auf die Leinwand, so, als sei die Notwendigkeit, Theater künftig wieder verstärkt streamen zu müssen, schon mitgedacht worden. Im Laufe des Abend verlagert sich das Geschehen auf die klassische Theaterbühne. Bis dahin werden Drinnen und Draußen, Vorne und Hinten kunstvoll verknüpft; eine längere Szene spielt auch in der Dorotheenstraße hinter dem Theater.

Generationen-Krieg. Plus: Kampf der Männer gegen Frauen

In diesem anspruchsvollen Aufbau setzt Queen Lear das Unglück selbst in Gang. Sie will aufs Altenteil und ihr Reich unter ihren drei Kindern aufteilen. Vorher aber besteht sie auf wortreichen Liebesbekundungen, je großartiger und schmeichelhafter die Liebensschwüre, desto besser: "Wer von Euch wird künftig mich, die ich mich selbst entkleide der Macht des Eigentums, am meisten lieben? Daran soll Euer Erbe sich bemessen".

Die beiden erstgeborenen Söhne tragen dicke auf, behaupten dabei, "das Ausmaß meiner Liebe sprengt die Sprache", aber ausgerechnet die innig geliebte Tochter Cordelia bleibt schlicht und aufrichtig. Queen Lear schäumt vor Wut und verstößt sie. Die bevorzugten Söhne erweisen sich als undankbare Erben, sie demütigen Lear und treiben sie in den Wahnsinn. Parallel dazu entfaltet sich der Generationenkonflikt zwischen Gräfin Bossy Gloster, deren zynischer, eiskalter Sohn Proud Boy Edmund wiederum seine Schwester in Sachen Erbe ausstechen will. Hier arbeiten sich Männer an Frauen ab, Söhne an ihren Müttern und Schwestern. Das Genderthema wird ständig mitverhandelt.

Corinna Harfouch als Queen Lear im Darth-Vader-Look

Ausgelöst hat diesen Kampf aller gegen alle Queen Lear. Corinna Harfouch spielt sie erst als launische Herrscherin, gepanzert im lackschwarzen Darth-Vader-Ganzkörper-Gewand. Dann barfuß mit gelösten Haaren im Büßerkleid. Ist sie schon senil, als sie ihr Reich vererbt? Oder verliert sie ihren Verstand erst, als ihr klar wird, dass sie das einzige aufrichtige Kind verstoßen hat? Das bleibt offen. "Du bist alt geworden, bevor du weise warst", sagt ihr Clown zu ihr. Harfouch verleiht ihrer Queen auch in deren aufbrausenden Momenten liebenswerte Züge.

Ein furioser, gefühlt kurzer Theaterabend

Dabei ist die Inszenierung kein Star-Vehikel rund um Corinna Harfouch. Der Abend versammelt lässt einige großartige DarstellerInnen glänzen: Aram Tafreshian als Erzbösewicht, Proud Boy Edmund. Svenja Liesau als dessen Schwester, eine große Komödiantin. Wobei der Abend im letzten Akt den komödiantischen Unterton abstellt und voll auf die Tragödie setzt und den hohen Ton. Der Kampf aller gegen alle bricht aus, das muss erwartungsgemäß schlimm enden. Oder wäre das zu verhindern gewesen?

Ein furioser Theaterabend, die 3 Stunden vergehen wie im Flug. Am Ende spendet das Publikum langen, dankbaren Applaus, Standing Ovations. Die nächsten Vorstellungen werden sicherlich genauso ausverkauft sein wie die Premiere.

Sendung: radioeins, 21.02.2022, 8:55 Uhr

Beitrag von Katja Weber

1 Kommentar

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  1. 1.

    "Succsession" ist von HBO und nicht von Netflix... :))

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