Karl-Marx-Ausstellung im DHM - Opium und Dampfmaschine

Mi 09.02.22 | 13:21 Uhr | Von Maria Ossowski
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Eine Person fotografiert die Büste von Karl Marx von Constantin Baraschi, 1953 in der Ausstellung "Karl Marx und der Kapitalismus" im Deutschen Historischem Museum. (Quelle: dpa/Annette Riedl)
Video: rbb24| 08.02.2022 | A. Breitfeld | Bild: dpa/Annette Riedl

Karl Marx war einer der einflussreichsten Deutschen des 19. und 20. Jahrhunderts. Sein umstrittenes Werk wirkt bis heute. Das Deutsche Historische Museum in Berlin widmet ihm ab Donnerstag eine Ausstellung. Von Maria Ossowski

Karl Marx, hat der uns eigentlich noch was zu sagen? Genau mit diesen Bezügen zum Heute beginnt die Ausstellung im ersten Stock des Neubaus vom Deutschen Historischen Museum in Berlin-Mitte. Im vergangenen Jahr hatte das Haus eine repräsentative Umfrage durchführen lassen. Das Ergebnis: Marx ist aktuell, nach der Finanzkrise, in Zeiten steigender Lebenshaltungskosten.

Aber er ist umstritten, so die Kuratorin Sabine Kritter: "Über 40 Prozent der Befragten waren der Ansicht, dass die Kapitalismuskritik von Marx noch etwas zu sagen hat, um die Probleme der heutigen Ökonomie zu verstehen."

Gefragt wurde auch, ob Marx ein Wegbereiter für Diktatur und Gewalt war oder noch ist. "Da war ein Drittel der Meinung ja, ein Drittel war der Meinung nein, und ein Drittel war unschlüssig", sagt Kritter. Marx steht also für den Widerspruch. Diese Ambivalenz zieht sich durch die gesamte, höchst aufschlussreiche Präsentation mit dem Titel "Karl Marx und der Kapitalismus".

Ein Museumsmitarbeiter steht auf einer Leiter vor dem Kunstwerk "Der Streik" 1886, von Robert Koehler. Letzte Handgriffe stellen die Ausstellung "Karl Marx und der Kapitalismus" im Deutschen Historischen Museum fertig. (Quelle: dpa/Annette Riedl)
Bild: dpa/Annette Riedl

Er hoffte auf die Revolution, erlebte sie aber nicht mehr

Die Industrialisierung im 19. Jahrhundert, die konkreten sozialen Umbrüche, die Marx beschäftigten, bilden das Zentrum der Ausstellung. Sie verweist zu Beginn und am Schluss klug auf die Gegenwart. Auf die entfremdeten Arbeitsumstände in den Textilfabriken Asiens zum Beispiel. Eine Wand mit großem Foto zeigt Hunderte asiatische Arbeiterinnen und Arbeiter, die für unsere Billigshops nähen. Davor: enge Boxen, in die wir eintreten können, um dort, so Sabine Kritter, die anderen, die gemeinsam mit uns produzieren, nicht mehr sehen zu können.

"Das ist dieser Prozess der Entfremdung bei Marx, den wir hier auf einen sehr einfachen Punkt bringen, den letztlich arbeitsteiligen Prozess, in dem wir nicht mehr die Kontrolle über das haben, was hergestellt wird". Das Bild entstand in einer der üblichen Textilfabriken in Vietnam, in denen Kleidung im Akkord produziert wird.

Marx hat die ökonomischen Umbrüche seiner Zeit präzise analysiert. Maschinen faszinierten ihn, die Dampfmaschine konnte Zeit sparen, aber sie verdichtete die Arbeit. Bis zu 16 Stunden waren die Männer gezwungen, in den Fabriken zu malochen. Frauen schwitzten in den Spinnereien, dank der automatischen "Spinning Jenny", auch sie ist ausgestellt.

Dem Bürgertum brachte die Industrialisierung hingegen Wohlstand und Erleichterungen: die erste Baumwollunterwäsche, industriell gefertigte Fahrräder, die Konfektion der Kleidung.

Einerseits beobachtete Marx den Fortschritt, den diese Produktivität des Kapitalismus geschaffen habe, so Sabine Kritter. Er sieht andererseits aber auch die Armut, die wächst. Er analysierte die Chance der Arbeitszeitverkürzung durch diese Maschinen.

Zugleich beschrieb er, dass die Arbeiterinnen und Arbeiter länger arbeiten mussten und dass Unfälle zunahmen. Immer wieder hoffte Marx auf eine Revolution, so in der Weltwirtschaftskrise von 1857. Doch erst 1905, 22 Jahre nach seinem Tod, wurde diese in Russland konkreter.

Marx schwieriges Verhältnis zur Religion

Widersprüchliche Motive durchziehen auch die Biografie von Marx. Die Ausstellung spiegelt auch dies wieder. Den Enkel eines Rabbiners hat sein zum Protestantismus konvertierter Vater taufen lassen. Marx' Mutter hatte mit dem Übertritt noch gezögert, um ihre jüdische Familie nicht zu kränken.

Der Philosoph, der Ökonom, der Journalist und der Aktivist Karl Marx hatte einerseits in vielen Schriften gegen Juden als Kapitalisten und Finanziers argumentiert und polemisiert, andererseits, so erfahren wir, stand Marx mit einem gewissen Stolz zu seiner Abstammung.

Marx war jedoch Atheist. Jede Form der Religion lehnte er ab. Eine Opiumpfeife in einer Vitrine verweist auf einen millionenfach zitierten Satz von Marx, Religion sei Opium fürs Volk. "Ihm ging es darum, deutlich zu machen, dass die Religion der 'Seufzer der bedrängten Kreatur' ist", so Kuratorin Kritter.

Religiosität sei für Marx ein Ausdruck von sozialem Elend, ein Versuch der Menschen, sich die Situation erträglich zu machen und sich mit der Religion, wie mit dem Opium zu betäuben. "Marx kam zu der Kritik, dass – um die Religion überflüssig zu machen – das soziale Elend abgeschafft werden müsse."

Zum Schluss sind all die Bücher zu sehen, die nach der Finanzkrise von 2008 über Marx entstanden sind: Auseinandersetzungen mit seiner Theorie. Topaktuell ist ein Spruchband, das die steigenden Immobilienpreise anprangert: "Lieber Marx und Engels als Engels und Völckers".

Die Ausstellung über Karl Marx und den Kapitalismus ist lehrreich und sehr sehenswert. Sie zeigt auch die Folgen von Marx’ Ideologie in menschenverachtenden Diktaturen. Sie präsentiert einen widersprüchlichen Denker, dessen Analysen in die Jahre gekommen sind, dessen Beobachtungen aber gültig bleiben.

Sendung: rbbKultur, 09.02.2022, 07:40 Uhr

Beitrag von Maria Ossowski

22 Kommentare

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  1. 22.

    Die Marx-Statue ist eine eigene Geschichte:
    Es gab ein Angebot aus China, dort eine über 8 Meter hohe Marx-Figur als Spende und kostenfrei hinzubauen. Die Antwort aus Trier war, das man inzwischen erkannt habe, dass Marx mit seinen Schriften und seinem Engagement ein ehrenwerter Sohn der Stadt sei, doch eben, die Statue wäre zu hoch.

    In der Tat trifft das ja auch zu, dass sowohl das vorherige Bundesgebiet als auch das jetzige - anders als der Staat der ausgerufenen Gleichen - Personen-Denkmäler eher in Lebensgröße als in Übergröße aufstellt. Dann gab es ein gewisses Hin & Her, was die Marx-Statue angeht, bis ein Pfiffikus auf die Idee kam, dass 5,50 m eine akzeptable Lösung sei, mit der beide Seiten leben könnten. 5.5. = 5. Mai = Marx Geburtstag.

  2. 20.

    Ist mal eine Erkenntnis, dass man für seine (Lohn-)Rechte immer wieder aufs neue kämpfen muss, statt darauf zu warten, dass unbefugte (!) Politiker zuteilen. Und wenn man weiß, wie Kapital sich verhält, können befugte (!) Politiker steuern... unendlich wegnehmen funktioniert auch nach Marx nicht. Und starke unterschiedliche Anstrengungen und Nutzen seiner Chancen, hat genauso starke Einkommensunterschiede (zum Glück) zur Folge. Wenn dann noch Einzahler in das Solidarsystem "hofiert" werden könnten, statt obskure Lebensentwürfe der ständigen "Work-Life-Balance"-Generation ihr Leben zu finanzieren? Und damit ist nicht nur das "Festkleben" auf Straßen gemeint...Es ist gerecht, wenn das Leben genauso brutal zurückschlägt, wie es von manchem ausgenutzt wird, damit man echte Bedürftigkeit erfüllen kann.

  3. 19.

    Wie wahr, und es gab Zeiten wo sich die Arbeiterschaft desen voll bewusst war, der Organisationsgrad in den Gewerkschaften beträchtlich war. Auf der intenationalen Ebene gab es zwischen den Gewerkschaften Kontakte, zum Teil auch Zusammenarbeit, beispielsweise nach 1989, vor der Osterweiterung der EU.
    Warum die Gewerkschaften für die Jüngeren so wenig Bedeutung haben, keine Ahnung .

  4. 18.

    Zu 100% Ostblock
    Zu 100% Jugoslawien
    Zu 100% Kuba,
    und Nordkorea habe ich gar nicht mitgezählt.

  5. 17.

    Uiiii...300 Prozent! Können Sie einem vielleicht vermitteln, wo alles über 100 Prozent herkommt?

  6. 16.

    Der dialektische und historische Materialismus und die universale Geschichtlichkeit. Es geht immer um den Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit. Ein neues altes Thema. Marx erlebt eine Renaissance. Seine Statue in Trier haben wir zu seinem 200. Geburtstag angeschaut und gestaunt, welchen Zuspruch er dort bekam. Marx erkannte, dass die Arbeiter aller Länder zusammenhalten sollen, dass der Zusammenhalt stark macht und man die Rechte der Arbeit nur gemeinsam erkämpfen kann. Hört sich gar nicht so an, als wäre das ein überholtes Thema.

  7. 15.

    Ja, es geht garnicht um die Frage, ob Karl Marx Recht hatte, sondern in welchem Ausmaß. Zweifellos gehörte er zu den präzisesten Analytikern seiner Zeit, doch seine Analyse blieb - zeitverhaftet - bei einem glatten Ökonomismus stehen. Psychologische Aspekte sind nahezu gänzlich ausgespart.

    "Schützt Karl Marx vor den Marxisten !", so ließe sich das beschreiben. Seine Niederlegungen sind zehnmal mehr wert, wenn auch seine Verkürzungen mit ins Bild kämen, das Rest ist immer noch wichtig genug, gehört und gelesen zu werden. Ökonomismus? Das meint auch die vollkommen naive Fortschrittsbegeisterung, bei der es nur darum ginge, dass die richtigen Akteure an den Schalthebeln sitzen, die selbst als unumgänglich bezeichnet werden. Die kritiklose Fortentwicklung der Produktivkräfte mittels Atomenergie, das Erstellen von Plattenbauten in endloser Serie allein zur Baukostenersparung sind dann späte Belege für die ungenügende Entfernung von Marx - auch ihm.

  8. 14.

    Karl Marx war ein Philosoph, und wie es den philosophischen Theorien zu eigen ist, gehen dieseTheorien am Faktor - Mensch vorbei, und die Umsetzung muss scheitern. beii Marx trifft es zu 300% zu,

  9. 12.

    Danke für den Hinweis! Wir haben das geprüft und korrigiert.

  10. 10.

    Gut erkannt. Ob es Absicht ist, „Umstritten“ in den Vordergrund zu stellen und DAS Lebenswerk „Kapital“ zu vernachlässigen ? Er hat erstmals Gesetzmäßigkeiten in der Gesellschaft festgestellt, die immer gelten, nämlich wie Kapital sich verhält... immer, auch heute, im Großen wie im Kleinen. Auch in der DDR war das gut in der „Schattenwirtschaft“ zu erkennen. Wenn man das einmal verstanden hat, gestalterisch damit umgeht, ist die Leistung von Marx nicht hoch genug zu bewerten und Erfolg möglich. Pflichtlektüre an allen Unis? Falsch wäre es nicht, weil es einen schlauer macht. Wohlgemerkt, es geht um das Hauptwerk „Kapital“..., was der Artikel „untergehen“ lässt.

  11. 9.

    Sie schreiben:
    “ Immer wieder hoffte Marx auf eine Revolution, so in der Weltwirtschaftskrise von 1857. Doch erst 1883, zwölf Jahre nach seinem Tod, wurde diese in Russland konkreter.”

    Erstens starb Karl Marx am 14 März 1883, zweitens fand der erste Revolutionsversuch in Russland im Jahre 1905, also 22 Jahre nach dem Tod von Karl Marx, statt.

  12. 8.

    Hallo, Interessent,
    einfach mal googeln...das deutsche Historische Museum hat eine eigene website. Dort finden Sie alle Infos.
    Weil ich jedoch ein netter Mesch bin ;-), hier der link:

    https://www.dhm.de/ausstellungen/karl-marx-und-der-kapitalismus/#/

  13. 7.

    Bitte im zweiten Absatz die letzte Zeile noch einmal prüfen. Marx starb 1883 und wenn auf die russische Revolution von 1905 abgestellt wird, dann waren das 22 Jahre nach Marx' Tod.

    Viele Grüße

  14. 6.

    Zur Pflichtlektüre in meinem Deutsch-/Literaturunterricht gehörte Marx´s Werk "Das Kapital". Als junger Mensch habe ich es gehasst, diesen Wälzer lesen zu müssen und dann mit eigenen Worten zu interpretieren.
    Erst im reiferem Alter mit 60+ und nach der Zusammenführung Berlins wurde dieses Buch interessant für mich:
    Als in der DDR Geborene erlebte u. erlebe ich zwei verschiedene Gesellschaften - Sozialismus u. Kapitalismus.
    Marx war ein Visionär und weiser Mann, wenn auch umstritten. Nach meinem Erleben u. Erkenntnissen sind die Aussagen von Marx heute aktueller denn je. Wir erleben Kapitalismus u. Industriealisierung mit Digitalisierung in Reinkultur. Zur Gewinnmaximierung großer Konzerne werden dabei die Ärmsten d. Armen in Drittländern ausgebeutet u. den Nutznießer/Verbraucher stört´s nicht. Wie schon zu Zeiten der Industrialisierung im 19. Jahrhundert.
    Ich werde mir die Ausstellung auf jd. Fall ansehen.

  15. 5.

    Die Behauptung, Marx habe "in vielen Schriften gegen Juden als Finanziers argumentiert und polemisiert", ist einfach unwahr. Durchsucht man Marx' viele tausend Seiten umfassendes Werk nach Referenzen auf Juden überhaupt, wird man sich schwertun eine volle Zitatenseite zusammenzustellen, die meisten historisch-sachlich und vielleicht eine Handvoll dem Zeitgeist entsprungene Klischees; immer handelt es sich um Nebensätze oder beiläufige Bemerkungen; niemals zeigt Marx Interesse daran, als Antisemit das Judentum zu attackieren. Selbst die in diesem Zusammenhang meist zitierte Schrift "zur Judenfrage" ist bloß ein Antwort auf den Antisemiten Bruno Bauer, der von den Juden gefordert hatte sich vom Judentum zu "emanzipieren"; dem hält Marx eine Kritik der bürgerlichen Ideologie gegenüber und ihrer Teilung der Gesellschaft in private und öffentliche Sphäre; diese stehe der Emanzipation der Menschen entgegen, und nicht irgendeine Religion. Viele Vorwürfe sind bloß Versuche Marx zu tabuisieren.

  16. 4.

    Schön, dass da einem ausgewiesenen Antisemiten eine Ausstellung gewidmet wird.

  17. 3.

    Empfehle Ihnen, eine Suchmaschine zu benutzen. Ist sofort zu finden. https://www.dhm.de/ausstellungen/karl-marx-und-der-kapitalismus/#/

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