Ausstellung | Digitales Experiment im DHM - Die friedliche Revolution als interaktive Graphic Novel

Fr 25.02.22 | 16:49 Uhr
Gamestation im DHM <<Leipzig 89 – Revolution reloaded>>. (Quelle: rbb/Orlowski)
Bild: rbb/Orlowski

Das Deutsche Historische Museum wagt ein Experiment: Vier Wochen lang können die Besucher den 9. Oktober 1989 in Leipzig als interaktives, digitales Spiel erleben. Von Corinne Orlowski

9. Oktober 1989, 18 Uhr: Start der Montagsdemonstration. Ein Tag der Entscheidung. Alles deutet auf eine Eskalation hin. 70.000 Menschen wollen gegen das DDR-Regime protestieren und sehen sich einer Vielzahl von Sicherheitskräften gegenüber. Wer an diesem Tag auf die Straße geht, kann nicht ahnen, was einen Monat später geschehen sollte: der Fall der Berliner Mauer.

Was wäre gewesen, wenn...? Wenn beispielsweise ein Volkspolizist im sich bückenden Demonstranten einen Steinewerfer gesehen hätte? Dass Geschichte ein Ergebnis aus Zufällen und Entscheidungen ist und ganz anders hätte verlaufen können, möchte jetzt das digitale Spiel "Leipzig 89 - Revolution reloaded" im Deutschen Historischen Museum erlebbar machen.

Gamestation im DHM <<Leipzig 89 – Revolution reloaded>>. (Quelle: rbb/Orlowski)
Bild: rbb/Orslowski

Geschichte – ein Ergebnis aus Zufällen und Entscheidungen

"Es war an dem Tag nicht absehbar wie er enden würde", sagt Projektleiterin Elisabeth Breitkopf-Bruckschen. Dass Geschichte ein offener Prozess ist und nicht in bestimmte Bahnen verläuft, dass der Geschichtsprozess auf Handlungen, auf glückliche und unglückliche Konstellationen beruht, wollen die Macher:innen erlebbar machen.

Mit einer Art interaktiven Graphic Novel, ganz reduziert in aquarellen Blau- und Beige-Tönen gehalten, geht das DHM so neue Wege der Geschichtsvermittlung. Man kann in sieben Charaktere schlüpfen und so den Tagesverlauf vom 9. Oktober beeinflussen– ob als SED-Genossin oder als Bürgerrechtlerin, als Kameramann oder Krankenschwester, aber auch als Egon Krenz, Sekretär des ZK in der Partei für Sicherheitsfragen zuständig, oder Kurt Masur, Kapellmeister im Leipziger Gewandhausorchester. Wird der Tag friedlich bleiben?

Wird der Tag friedlich bleiben?

Niels Hölmer hat als wissenschaftlicher Mitarbeiter für das Projekt recherchiert, welche Handlungsoptionen tatsächlich auf dem Tisch lagen: "Egon Krenz kann an diesem Tag darüber entscheiden, ob er die Sicherheitskräfte die Demonstration auflösen lässt oder ob er diese zurückzieht. Während Bürgerrechtlerin Sabine aktiv darüber entscheiden kann, was sie auf die Flugblätter drucken möchte, die sie an diesem Tag verteilt." Im Spiel zeigt sich: Wie leicht hätte Sabine verhaftet werden können. Und Kurt Masur. Der Kapellmeister soll an diesem Abend noch "Till Eulenspiegels lustige Streiche" dirigieren. Soll er die Probe stattfinden lassen? Soll er einen Aufruf zur Gewaltfreiheit an beide Seiten senden? Wenn man im Spiel alle Entscheidungen zum Wohle des Friedens getroffen hat, hören die Menschen überall in der Stadt seine Stimme: "Wir alle brauchen einen freien Meinungsaustausch über die Weiterführung des Sozialismus in unserem Land. Wir bitten Sie dringend um Besonnenheit, damit der friedliche Dialog möglich wird. Es sprach Kurt Masur."

Funktioniert das überhaupt im Museum?

Das Programm ist noch ein Prototyp und ausdrücklich zum Testen bestimmt. Inwieweit ermöglichen die Mittel des Gamedesigns Interaktion mit dem Publikum? Eigenen sich digitale, historische Spiele, sogenannte "serious games", um neue Zugänge zu historischen Inhalten zu schaffen? Funktioniert das überhaupt im Museum oder lohnt so eine Anwendung eher für die Nutzung zu Hause? Diese Fragen sollen am Ende evaluiert werden.

Im Erdgeschoss des Pei-Baus im DHM finden sich neben dem QR-Code zum Spiel zusätzlich einzelne Sammlungsobjekte wie Flugblätter oder ein Telefon der Parteiführung. Museum 4.0 nennt sich das. Zum ersten Mal werden so historische Zeugnisse zum Sprechen gebracht. Fritz Backhaus ist Sammlungsdirektor des DHM. Ihm war es wichtig, die realen Objekte zum Ausgangspunkt des Spiels zu machen und so nach dem Mehrwert des Digitalen zu fragen. Vor allem ließen sich aber alternative Geschichtsverläufe, also nicht realisierbare Möglichkeiten, darstellen. Kontrafaktisches Erzählen heißt das bei den Historikern. Die Gamern sagen dazu schlichtweg nur Spielen.

Historische Urteilskraft stärken

Das ist eher lehrreich als unterhaltsam und man hätte sich für das textbasierte Spiel etwas mehr Audioelemente gewünscht. Aber klar wird: Geschichte ist im Rückblick leicht zu beurteilen, aber dass es so gekommen ist, beruht auf Handlungen, kleinen wie großen und jeder trägt etwas dazu bei. Und vielleicht hilft dieses Spiel durch den Perspektivwechsel auch, seine historische Urteilskraft zu stärken. In Zeiten, in denen historische Mythen zum Kriegsanlass in Europa erklärt werden, ist das umso wichtiger.

Noch bis zum 27. März 2022 kann über das eigene Smartphone oder eines von drei bereitgestellten Tablets im Deutschen Historischen Museum die digitale Graphic Novel "Leipzig 89 – Revolution reloaded" getestet werden.

https://www.dhm.de/ausstellungen/leipzig-89-revolution-reloaded/

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