Künstlerbücher in der Neuen Nationalgalerie - "Man betritt nicht die malerische Welt, sondern das System Gerhard Richter"

Do 10.02.22 | 10:18 Uhr | Von Maria Ossowski
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Ein Mann steht in der Neuen Nationalgalerie vor dem Bild «Atelier» von Gerhard Richter aus dem Jahr 1985. (Quelle: dpa/W. Kumm)
Audio: rbb Kultur | 09.02.2022 | Maria Ossowski | Bild: dpa/W. Kumm

Zum Anlass des 90. Geburtstags von Gerhard Richter werden in Berlin seine Künstlerbücher ausgestellt. Die Werke in der Kunstbibliothek der Neuen Nationalgalerie sollen über sein Denken und Selbstbild aufklären. Maria Ossowskis Herz hängt eher an Richters Bildern.

Kein Geschenk zum 90. Geburtstag soll die Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie sein, sondern eine Hommage an den einzigartigen Künstler Gerhard Richter. Im Eingang des Sonderausstellungsraumes hängt ein großes Werk, "Atelier" heißt es. Aber es ist auch das einzige monumentale Objekt.

Nur wenige Meter mußte es transportiert werden, es stammt aus dem Besitz der Neuen Nationalgalerie. Das sei, so die Verantwortlichen, auch ökologisch sinnvoll, kein Bild musste reisen. Stattdessen reisten die Künstlerbücher, sie sollen das System Gerhard Richter erklären.

Bücher sollen Gedankenwelt erfahrbar machen

Es sind keine bibliophilen Objekte, die da auf dem Tisch vor dem "Atelier"-Bild liegen, sondern von Richter mitgestaltete Erklärungen seiner Kunst. Welches Bild hat er als Künstler von sich selbst? Was bedeutet Fotografie für ihn und welche Rolle spielt der Zufall in seinem monumentalen Werk?

"Das Künstlerbuch ist ein sehr demokratisches Medium für Künstlerinnen und Künstler, da sie hier eine Form finden, die viele Menschen erwerben können, die man mit nach Hause nehmen kann", erklärt Michael Lailach, Leiter der Sammlung Buchkunst der Kunstbibliothek. "Mit ihnen kann man eine ganz andere Intimität haben als mit einer Ausstellung." Sie erlaubten "einen ganz anderen Blick auf die künstlerische Idee".

Und so sind Fotografien zu sehen, Übermalungen, Zeitungsausschnitte, Druckgrafiken, die Entstehungsgeschichte von den ersten graufarbigen Bildern nach Fotografien bis zu den großen farbigen abstrakten Werken. Richter hat sich selbst ironisch verfremden können, ohne sich in den Mittelpunkt zu stellen. Als Autor seiner Bilder stellt er sich in Büchern, Katalogen, Einladungen und Plakaten vor. Manchmal als Versteckspiel und schützende Maskerade, nach der Formel Stilbruch als Stilprinzip. "Neue Realisten" ist auf einem Plakat von 1964 zu lesen, Richter sitzt zwischen Sigmar Polke und Konrad Lueg im grauen Mantel.

Sinn der Ausstellung sei es, Richters Gedankenwelt sinnlich erfahrbar zu machen, sagt Lailach. "Diese Form der Erklärung findet sich in gewisser Weise auch in den Künstlerbüchern wieder. Diese Bücher haben aufgrund ihrer hohen Auflage, ihrer Verbreitung und ihrer Popularität im Medium Buch die Möglichkeit für den Künstler darzustellen, was ihn bewegt, warum er so arbeitet und wonach er sucht."

"Man betritt das System Gerhart Richter"

Das ist für Richter-Kenner und Kunstexperten eine spannende Ausstellung. Für jene, die den Maler und seine Kunst schlicht sehr schätzen, stellt sich jedoch die Frage: Ist das nicht alles etwas sehr verkopft? Nicht für Moritz Wullen, den Direktor der Kunstbibliothek: "Das System Gerhard Richter ist ein bestimmtes System zu denken und zu kommunizieren, auch mit seinem eigenen Werk umzugehen, sein Werk zu beobachten, aus der Beobachtung des Werks neue Werke zu produzieren und diesen Arbeitsprozess mit der Öffentlichkeit zu kommunizieren", erklärt er. "Das heißt, es ist ein System, das aus Kommunikation besteht, aber auch aus Kognition." Das sei das Thema der Ausstellung: "Man betritt eigentlich nicht die malerische Welt von Gerhard Richter, sondern das System Gerhart Richter. Wenn man etwas aus dieser Ausstellung mitnimmt, dann eine Ahnung davon, wie Gerhard Richter denkt."

Auch Köln und Dresden feiern Richter

Reicht das für eine Hommage zum 90. Geburtstag? Es gab atemberaubende Ausstellungen zum Werk dieses Jahrhundertkünstlers: "Panorama" in London und in der Neuen Nationalgalerie Berlin, "Abstraktionen" im Barberini Potsdam. Richter wurde über die Jahre geehrt und bewundert in Zürich, New York oder Jerusalem, in Retrospektiven oder mit neuen Bildern dieses so vielseitigen Künstlers. "Ema", der Akt auf der Treppe, ist jetzt im Museum Ludwigs in Köln zu bewundern. Gleichzeitig zu den "Künstlerbüchern" in Berlin präsentieren Köln und Richters Heimatstadt Dresden große Richterausstellungen mit vielen seiner berühmten Bilder, die den Blick auf die Welt verändern, die verschleiern und die berühmten Illusionen und Rätsel schaffen.

Freuen wir uns also auf die hundert Werke, die als Dauerleihgaben im Museum des 20. Jahrhunderts ausgestellt werden. Für den Zyklus "Birkenau" planen die Architekten Herzog/de Meuron einen eigenen - berührenden und bezwingenden - Raum.

 

Die Ausstellung "Gerhard Richter Künstlerbücher" ist vom 10.02. bis zum 29.05.2022 in der Neuen Nationalgalerie zu sehen. Mehr Informationen auf smb.museum.de

Sendung: Radioeins, 11.02.2022, 13:00 Uhr

Beitrag von Maria Ossowski

3 Kommentare

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  1. 3.

    ....Kunst muss man nicht verstehen, sie muss einen berühren:) man sieht es und weiß gar nicht was/ da so fasziniert? Und man ist Das macht doch Kunst aus überschätzt ist Richter auf gar keinen Fall!

  2. 2.

    Ich bin jedesmal vollkommen beeindruckt über die Werke von Gerhard Richter. Besonders seine Abstrakten Gemälde spornen mich an als Hobbymaler.
    Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag und mögen noch viele weitere gute Gemälde folgen.

  3. 1.

    Herzlichen Glückwunsch! Allerdings muss ich sagen, dass ich seine Kunst nicht verstehe und keinen Zugang dazu finde. Möglicherweise liegt das aber an mir. Ich halte Richter für künstlerisch überschätzt.
    Möge er gesund bleiben.

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