Performance-Kritik | Opera Lab Berlin - Mit dem "Hu-Man Orchestra" in die Cloud

Do 24.02.22 | 12:57 Uhr | Von Jakob Bauer
Opera Lab Berlin "HUM-AN ORCHESTRA" im Theater im Delphi foto: Sophie Pischel
Sophie Pischel
Audio: Inforadio | 24.02.2022 | Jakob Bauer | Bild: Sophie Pischel Download (mp3, 4 MB)

Das Opera Lab Berlin experimentiert in seiner neuen Produktion im Theater Delphi in Weißensee mit dem Zusammenspiel von Musik und Digitalem, Körper und Maschine. Jakob Bauer hat einen musikalisch tollen und inhaltlich verknäulten Abend erlebt.

Am Anfang steht die Unschärfe. Verhüllt von einer transparenten Leinwand ist im Theater Delphi in Berlin-Weißensee ein dreistöckiges Neuneck in der Mitte des Zuschauerraums aufgebaut. Verteilt auf den Ebenen: die sechs Musiker-Performer:innen des Opera Lab Berlin, von denen nur schemenhafte Schattenrisse zu erkennen sind. Verdeckt von einer transparenten Leinwand hängen sie in Seilen und Gurten, stupsen dabei zaghaft ihre Instrumente: die Bratsche, die Geige, das Cello, das Akkordeon und das Klavier. Lange geht das, locker zehn Minuten, aber dann fällt die Leinwand und die Maschine kommt in Gang.

Archivbild: Das ehemalige Stummfilmkino Delphi in Berlin - Weißensee. (Quelle: imago images/B. Friedel)
Bild: imago images/B. Friedel

Aus dem Zwei-Mann-Orchester wird das Hu-man Orchestra

Maschine deshalb, weil die Produktion "Hu-man Orchestra - Repetition Repetition Repetition Bang Bang" angelehnt ist an das Stück "Zwei-Mann-Orchester" des argentinisch-deutschen Komponisten Mauricio Kagel. Dieses Zwei-Mann Orchester, 1973 uraufgeführt, war eine vom Menschen gemachte Musikmaschine. Gebaut aus mehr als 200 Instrumenten, die allerdings durch die Art der Konstruktion auf der Bühne von ausschließlich zwei Menschen gespielt werden konnten.

Um dieses riesige Instrument bedienen zu können, war alles durch Drähte und Seile verbunden, die die Musiker*innen dann kontrollierten. Das "Hu-man Orchestra" ist die Weiterentwicklung: Vielleicht in naher Zukunft, vielleicht heute schon bedienen nicht mehr wir die Maschinen, stattdessen werden wir durch die Digitalisierung Teil der Maschine. Formen unsere Identität im Virtuellen. Existieren in der Cloud. Das darzustellen und daraus Musik zu machen, das ist die Idee des Stücks.

Im Internet ist immer was los

Und was wir hier in 90 Minuten zu sehen bekommen streift diese Gedanken immer wieder. Das Neuneck, das wie ein offener Käfig wirkt, den die Performer:innen nie verlassen, könnte ein Raum sein, den wir "Internet" nennen. Oder "Cloud" oder einfach "das Digitale". In diesem digitalen Raum interagieren jetzt alle komplett analog miteinander. Immer hat jemand anderes die Oberhand, dauernd ist etwas los. Es wird sich angefaucht und angehimmelt. Die einen spielen ein wunderschönes Lied, den anderen ist das zu süß - die Stimmung kippt ins Aggressive. Liebliche Melodie trifft auf wildes Cluster-Geknalle auf dem Klavier.

So entsteht ein immer stärker werdender Drive auf der Bühne, Gefühle und Meinungen befeuern sich gegenseitig. Man kommt sich körperlich nahe – hier spielen dann wieder die verbindenden Seile eine Rolle, wenn die eine im wahrsten Sinne des Wortes drei ihrer Mitstreiter:innen einwickelt. Jede dieser Interaktionen hat eine musikalische Entsprechung. Das ist die Mechanik dieser Maschine, so entstehen Klänge, die sich nacheifern, widersprechen, anfeuern, auslöschen.

Unscharfe Deutung, musikalisch begeisternd

Der abstrakte Überbau verliert hinter dem Erlebnis dabei an Wichtigkeit. Immer wieder strahlt zwar etwas rein. Wenn eine Stimme von außerhalb das Geschehen kommentiert, etwas gleichzeitig in die Körper aller Performer:innen fährt oder aus einer einfachen Zählübung das Chaos wird, dann sind das gelungene Irritationen, die eine Wehrlosigkeit gegenüber der Maschine anreißen.

Aber die Deutungsangebote, was jetzt dieses "Hu-man Orchestra" eigentlich genau ist und wie es in die Zukunft weist, sind so unscharf wie Anfang und Ende des Stückes. Was das punktgenaue, musikalisch spannende und häufig auch einfach urkomische Zusammenspiel angeht, ist es aber in jedem Fall ein begeisternder Abend.

Beitrag von Jakob Bauer

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