Interview | Comicfigur wird 70 - "Das Marsupilami hat etwas Anarchisches und bringt viel Chaos"

So 06.02.22 | 09:57 Uhr
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MARSUPILAMI , das verrueckteste Wesen, das der Dschungel je gesehen hat, Aufnahme von 1998. (Quelle: dpa/Rtl)
Audio: Radioeins | 31.01.2022 | Interview Flix mit Marion Brasch | Bild: dpa/Rtl

Witzig und Quelle von großem Chaos: Das Fabelwesen Marsupilami taucht vor 70 Jahren zum ersten Mal in einem Comic auf. Zum Geburtstag zeichnet Flix einen Jubiläumsband, der in Berlin spielt, und Marsupilami noch mal groß rausbringt.

Vor 70 Jahren erblickte ein Wesen das Licht des Dschungels, das man zuvor noch nie gesehen hatte: gelb mit schwarzen Flecken und einem extrem langen Schwanz. Es ist das Marsupilami. Sein Schöpfer ist der belgische Comiczeichner André Franquin (1924–1997), der damit die Fantasiewelt seiner Serie Spirou und Fantasio um ein wundervolles Fabelwesen bereicherte. Comiczeichner Flix hat den Band "Spirou in Berlin" gezeichnet und arbeitet gerade an einem Jubiläumsband über das Marsupilami, der im August erscheinen soll.

rbb: Flix, ist Ihnen zum 70. Geburtstag von Marsupilami feierlich zumute?

Flix: Total, es fühlt sich tatsächlich ein bisschen so an, als ob gerade ein Familienmitglied Geburtstag hat, weil das Marsupilami gerade auf meinem Küchentisch wohnt.

2020 gab es den ersten Band: Wie kam es dazu, dass Sie einen franko-belgischen Comic-Klassiker wie Spirou zeichnen durften?

Das war so eine Art Wahnsinnstat. Man muss sich das so vorstellen: Menschen leben auf der Erde, man sieht den Mond und denkt, eines Tages möchte man mal da hin. Irgendwann hat dann bei Neil Armstrong - zum Beispiel - das Telefon geklingelt und er wurde gefragt, ob er mal zum Mond will. Er sagte ja, ist dann losgeflogen und wusste nicht, worauf er sich einlässt. So ähnlich war es bei mir auch. Spirou kennt man in Deutschland schon ewig, die Figur ist seit 1938 im Geschäft. Ich habe das als Kind gelesen. Irgendwann meldete sich mein Verlag bei mir und fragte, ob ich Spirou zeichnen möchte. Ich habe gelacht und die Frage für einen Witz gehalten. Ich wusste, dass die Rechtefrage nicht einfach ist und noch niemand außerhalb Frankreichs an diese Figur rangelassen wurde. Und auf einmal soll das ein Deutscher sein ... und dann auch noch man selbst.

Zur Person

Flix beim RadioEins Berlinale-Talk auf der Berlinale 2020 am 26.02.2020. (Quelle: dpa/Tobias Seeliger)
dpa/Tobias Seeliger

Flix (*16. Oktober 1976 in Münster) ist ein deutscher Comiczeichner, -autor und Cartoonist. Zurzeit arbeitet Flix an einem Jubiläumsband für das Marsupilami.

Dann haben Sie sich in diese Welt vertieft und sind irgendwann dem Marsupilami begegnet. Das gehört nicht direkt in dieses Spirou-Universum?

Ja und Nein ist die korrekte Antwort. Das Marsupilami stammt aus dem Spirou-Universum. Spirou hat einen Kumpel, das ist der Reporter Fantasio, und mit dem geht er oft auf Weltreise. 1952 haben sie zusammen ein Abenteuer erlebt, das "Die aufregende Erbschaft" heißt. Sie reisen an unterschiedliche Orte, unter anderem in den Dschungel des Fantasiestaats Palumbien. Da haben sie dieses Tier, das Marsupilami, gefunden, Freundschaft mit ihm geschlossen und es mit nach Hause genommen. Fortan war das Marsupilami neben dem Eichhörnchen ihr ständiger Begleiter.

Nun lebt es in Ihrem Kopf, in Ihrer Fantasie: Was ist das Marsupilami für ein Wesen?

Ich habe das Gefühl, das ist so eine Lücke in der Evolution. Das Marsupilami ist also eigentlich ein Tier, was es geben sollte, was scheinbar aber nur den Ausweg über den Kopf des Zeichners gefunden hat. Es ist ein Urwaldwesen, eine Mischung aus Säugetier und Amphibium, kann aber auch Eier legen. Es hat ein sehr sonniges Gemüt. Eigentlich ist es vom Charakter her wie so ein fünfjähriges Kind, mal bockig, mal fröhlich und alles aus vollem Herzen.

Es hat ein sehr, sehr reines Herz, kann auch irgendwie unterscheiden zwischen Gut und Böse. Wer zum Clan gehört, der wird auch verteidigt. Es hat einen acht Meter lang Schwanz - unfassbar, was er mit dem alles machen kann. Wie eine Art Schweizer Taschenmesser ist er mal Rettungsseil und mal Sprungfeder. Es kann vorn einen Knoten reinmachen und damit auch noch irgendwie Nilpferde in die nächste Palme boxen.

Das Marsupilami hat was Anarchisches und bringt viel Chaos. Man weiß nie so richtig, was als Nächstes kommt. Man hat einen Plan, man setzt es dahin, und es kommt dann da auch irgendwie an - aber auf völlig anderen Wegen, als man sich das vorstellt. Das ist natürlich für einen Comic oder für eine Geschichte das, was man möchte. Man braucht so einen X-Faktor, so was Unberechenbares, eine Prise Wahnsinn. Und die bringt das Marsupilami in diese Welt.

Wieviel Freiheit hat man eigentlich als Zeichner, wenn man die Figur eines Kollegen quasi adoptiert?

Es geht sehr viel. Das Schwierigste ist, den Respekt zu verlieren. André Franquin ist einfach ein Zeichner, der einer der besten ist, die wir in Europa hatten. Wenn man ihn seit Kindestagen kennt und auf einmal dessen Schöpfung bearbeiten darf, kann einen das in Ehrfurcht erstarren lassen. Das muss man beiseitelegen und sagen: Der hat sich auch morgens einen Kaffee gemacht, sich hingesetzt und geguckt, was der Tag so bringt. So ähnlich muss man anfangen. Man nimmt die Figuren und lässt sie agieren. Man eignet sie sich so an. Dann spielen sie und je mehr sie spielen, desto spannender wird es und sie führen einen dahin, wo sie hingehören - aber wo sie eben noch nie waren.

Sie arbeiten an einem Jubiläumsband mit dem Marsupilami. War André Franquin prägend für Ihre Arbeit?

Total. Ich glaube, den allermeisten jungen Zeichnern geht André Franquin nah. Er hatte einen unglaublich dynamischen Stil. Er hat alles mit Pinsel gezeichnet - das ist eine so hohe Kunst. Qualitativ ähnlich hat nur Uderzo gearbeitet, der Asterix zeichnet. Das sind die Allerallerbesten und die hatten nicht nur das handwerkliche Können, sondern auch diesen Humor, den Witz, das Gefühl für Timing, was sie in ihre Geschichten reinpacken.

Die Comicfigur Marsupilami aus der belgischen Comic-Serie Spirou und Fantasio, aufgenommen am 12.06.2016. (Quelle: dpa/Norbert Schmidt)
Bild: dpa/Norbert Schmidt

Wie hat es bei Ihnen abgefangen mit dem Zeichnen?

Es gab früher in den Deckeln der Nutella-Gläser Zeichenschablonen unter anderem von den Schlümpfen. Bei uns Zuhause gab es kein Nutella, aber meine Oma hat für mich Nutella gekauft. Ich habe die Zeichenschablonen herausgenommen und angefangen, damit Schlümpfe zu zeichnen. Nicht nur einen, sondern Hunderte und dann wurde langsam die Schablone nicht mehr gebraucht. Irgendwann konnte ich das passable Freihandzeichnen und war damit natürlich in der Schule der King.

Im August wird der Jubiläumsband erscheinen. In welchem Zustand sind das Marsupilami und Sie?

Wir sind zeichnerisch im letzten Drittel. Die Geschichte ist entworfen und so weit geschrieben. Die Skizzen sind weitgehend gemacht, müssen aber an Stellen noch ergänzt werden. Und jetzt bin ich am Tuschen. Das heißt, ich mache die schwarzen Linien auf das Papier, scanne das ein und danach müssen noch Licht, Farbe und Wetter gemacht werden. Ich hoffe, dass ich in den nächsten Monaten damit fertig werde.

Gibt es ein Lektorat?

Ich habe, was Comics angeht, kein Studium oder eine Ausbildung. Deshalb habe ich mir eine Art zu arbeiten angewöhnt, wirklich alles allein zu machen. Ich suche mir dann gezielt Leute, die ich mir für verschiedene Phasen als Probeleser nehme. Die sagen mir, ob der Gag ankommt und man am Ende berührt ist oder nicht. Oder ob es interessant ist oder leider auch langweilig. Solche ehrlichen Leute sind Gold wert.

Sagt Ihnen das Marsupulami auch mal, so läuft das nicht?

Ja, schon. Ich stelle beim Zeichnen fest, dass dieses Tier aus dreierlei Mimik besteht. Es hat die Mimik im Gesicht, dann hat es den Körper, der sehr ausdrucksstark ist und der Schwanz hat noch mal eine eigene Gestik. Das ist toll, weil man sich, wenn es irgendwo durchs Bild läuft, noch eine zweite Geschichte für die Seite ausdenken kann, was der Schwanz in der Zeit macht. Ich kann verstehen, warum André Franquin diese Figur erfunden hat und so liebgewonnen hat.

Können Sie kurz spoilern, um was es in der Geschichte geht?

Ganz grob: Der Titel der Geschichte ist "Das Humboldt-Tier". Alexander von Humboldt, der hier im Berliner Naturkundemuseum durchaus ordentlich vertreten ist, ist 1802 durch Südamerika gereist. Nun ist es denkbar, dass er auf seiner Reise, wo er alles Mögliche kartiert, vermessen und eingesammelt hat, auch so ein schwarz-gelbes Tier gefunden hat.

Dieses Tier hat er dann, weil er sich, ehrlich gesagt, für Affen nicht so sehr interessierte, einfach in eine Kiste gepackt und vergessen. Diese Kisten, das weiß man, stehen im Naturkundemuseum in Berlin. Ein Bekannter von mir ist dort wissenschaftlicher Zeichner gewesen und hat mir irgendwann erzählt, dass noch nicht alle Kisten, Umschläge und Beutel, die Humboldt mitgebracht hat, heute ausgepackt sind. So, und jetzt die Vorstellung, was könnte in diesem Fall im Beutel drin sein?

Das Interview mit Flix führte Marion Brasch für Radioeins. Dieser Text ist eine gekürzte und redigierte Form des Gesprächs. Das vollständige Interview können Sie oben im Beitrag im Audio hören.

Sendung: Radioeins, 31.01.2022, 19:40 Uhr

6 Kommentare

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  1. 5.

    "Deutsche Literaturgeschichte - stinklangweilig"
    Ja - merkt man ab und an. Beeinflussen Kuscheltiere in der Kindheit eigentlich die Entwicklung? ;-)

  2. 4.

    Ha, meins lebt auch noch. Die treffenden Karikaturen der palumbianischen Pistoleros hab ich erst Jahre nach dem Comicerwerb so richtig zu schätzen gewusst. Flix, die Latte liegt hoch...!

  3. 3.

    Oh ja,das Marsupulami. Ich habe auch eins aber das sitzt ,wie das im Museum, in einer Kiste. Es ist auch schon ziemlich alt (schätze so 40 Jahre) und ich befürchte es fällt auseinander wenn ich es befreie. Herzlichen Glückwunsch kleines Marsupulami

  4. 2.

    Klasse, ich freu mich drauf :-) ich hatte mal n Marsupilami auf dem Beifahrersitz meines damaligen total spießigen 316'er BMW und bin damit in den Achtzigern so auch im Transit gefahren. Die blöden Blicke der Grepos haben Bände gesprochen......

  5. 1.

    Unterricht Deutsche Literaturgeschichte - stinklangweilig - im Heft ein Marsu-Comic. Der Pauker hats geschnallt und da Schiller auf dem Programm war, sollte ich was von "Die Glocke" raushauen.
    Houba, Houba, Loch in Erde, Bronze rinn, Glocke fertig, bimm, bimm, bimm
    Muttern konnte sich das Heft beim Rex abholen, das Kuscheltier hab' ich heut' noch :-) und mir gerade den August gaaaanz dick auf dem Kalender angestrichen (schwarz/gelb natürlich).
    Danke RBB

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