Gruppenausstellung "Twister" in Berlin - Künstler aus dem östlichen Mittelmeerraum setzen sich mit Nationalismus auseinander

Mo 28.02.22 | 13:17 Uhr | Von Andrea Handels
ngbk Galerie in der Kreuzberger Oranienstraße. (Quelle: dpa/Schoening)
Bild: dpa/Schoening

"Twister" meint im Englischen so etwas wie Tornado oder Wirbelsturm. Hier steht es für die zerstörerischen Stürme, die die Staatschefs und Regierungen im östlichen Mittelmeerraum entfacht haben und immer noch entfachen.

Grobe Steinbrocken, aus denen sich lange, feuerrote Wollfäden wie Blutströme über den Boden ergießen - ein starkes Bild, das einen gleich am Anfang der Ausstellung der Neuen Gesellschaft für bildende Kunst (NGBK) in Berlin empfängt.

Silvina Der-Meguerditchian, eine Künstlerin mit armenischen Wurzeln, in Buenos Aires aufgewachsen, seit Langem in Berlin ansässig, hat ihre Installation "The silence of the stones" genannt. Sie gemahnt mit ihren blutspeienden Steinen an das zerstörte kulturelle Erbe in der Region vorderer Orient. Sei es im vom IS zerstörten Palmyra, in der von der türkischen Armee zerbombten Innenstadt der türkisch-kurdischen Stadt Diyarbakir oder auch in Armenien und Aserbeidschan, wo der Krieg unter anderem historische Friedhöfe dem Erdboden gleich gemacht hat.

Explosionen aus Damaskus zu hören

Die Kriege in Syrien, dem Kosovo, Armenien und Aserbeidschan, der Konflikt der türkischen Regierung mit den Kurden, der Streit zwischen Griechenland und der Türkei auf Zypern und in der Ägäis – all das kommt in der Ausstellung vor. Denn der östliche Mittelmeerraum ist eine Region, in der es schon lange brodelt, in der Nationalismus viel Unglück angerichtet und viele Menschen vertrieben hat.

Die Kunstwerke erzählen davon auf sehr unterschiedliche Weise: Zum Beispiel eine Fotoserie mit aus dem ägäischen Meer ragenden Felseninseln von Christina Dimitriadis. Für manche sind sie romantische Urlaubsversprechen, für andere vielleicht Rettungsinseln auf ihrer Flucht vor dem Krieg in ihrer Heimat. "Island Hoping" hat die Künstlerin ihre Serie genannt.

Oder die Videoarbeit "Mnemonic" von Mouna Abo Assalis: Man sieht Berlin in einer Silvesternacht, Feuerwerk, Menschen laufen durch die Straßen, zünden kleine Raketen, doch der Ton stimmt nicht mit den Bildern überein. Irgendwann stellt sich heraus: Der Ton sind echte Explosionen aus Damaskus, im Herbst 2015.

Elena Mouzourou stellt mit ihrem Forschungsprojekt "Searching for the National Plant" den nationalistischen Anspruch ihrer Heimat Zypern auf die angeblich nur dort vorkommende Eichenart Latzia in Frage. Das Funke Künstlerkollektiv thematsierit mit seiner Installation eines fiktiven Kontrollraums, in dem es Informationen regnet, die Beherrschbarkeit der Welt. Eine Kontrolle der Ereignisse ist nicht möglich.

Verwundete Regionen in den Fokus stellen

Zehn Kunstwerke sind es insgesamt in diesem langgezogenen Ausstellungsraum der NGBK, plus eine Schaufensterausstellung in Hellersdorf, wo auch Workshops zum Thema stattfinden werden. Dem Kuratoren-Team ging es bei "Twister" darum, die Künstler:innen aus den verschiedenen Ländern des östlichen Mittelmeerraumes, die alle jetzt in Berlin leben, in einem künstlerischen Dialog zusammenzubringen. Und zugleich diese verwundeten Regionen in den Fokus zu stellen, die autoritären Regime anzuklagen, nationalistischen Wahnsinn und dessen Folgen vorzuführen. Durch die Ereignisse in der Ukraine sind diese Fragen gerade wieder sehr aktuell geworden.

"Twister", 26. Februar bis 30 April 2022, NGBK, Oranienstr. 25, Berlin-Kreuzberg

Sendung: rbbKultur, 26.02.2022, 9:45 Uhr

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