Ausstellung "Power von der Eastside" - Wie das Jugendradio DT64 einen Crashkurs in Demokratie gab

Fr 25.03.22 | 16:32 Uhr | Von Corinne Orlowski
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Archivbild: Aktion für den Erhalt des Jugendradios DT 64 auf dem Berliner Alexanderplatz am 17.12.1991. (Quelle: dpa/Jan Bauer)
Audio: Radioeins | 25.03.2022 Corinne Orlowski | Bild: dpa/Jan Bauer

Eigentlich sollte mit dem einstigen DDR-Jugendradio DT64 schon 1991 Schluss sein. Doch es bildete sich eine unvergleichliche Rettungsbewegung, die partiell auch erfolgreich war. In der Berliner Brotfabrik wird zurückgeblickt auf diesen Kampf. Von Corinne Orlowski

Mit dem Mauerfall änderte sich für die Menschen im Osten alles. Aber wenigstens eines sollte bleiben: DT64, ein Jugendradio, das vor der Wende noch als uncool abgewunken wurde, aber rund um die friedliche Revolution massenhaft Zuhörer erreichte. Denn da saßen Menschen vor den Mikrofonen, mit denen sich die Jugend plötzlich identifizieren konnte.

Mit dem Programm von vor '89 hatte das nicht mehr viel zu tun, wie Alexander Pehlemann, Stammhörer von DT64 in Greifswald, sagt. Der Sender habe sich freigestrampelt und in der Zeit mit der Hörerschaft zusammen die Veränderung durchgemacht. Dadurch sei ein Programm auf Augenhöhe entstanden. "Zu diesen potenziellen Veränderungen gehörte dann auch die Abschaffung des Senders, die man gemeinsam mit den Hörer:innen thematisiert hat und dagegen gemeinsam gekämpft hat. Das ist ein Phänomen", so Pehlemann.

Die Frage war ja, wer hat für einen weiter gesprochen? Das heißt, wer hat wie über den Osten berichtet?

Alexander Pehlemann

DT64 war plötzlich Kult

Ihn prägte DT64 bis heute dermaßen, wie er sagt, dass er jetzt eine mobile Ausstellung kuratiert hat, die sich der identitätsstiftenden Rettungsbewegung widmet. Und da griffen die Hörer:innen zu radikalen Maßnahmen: Tausende gingen auf die Straße, manche bis zum Hungerstreik. Und teilweise waren sie damit sogar erfolgreich, denn DT64 sendete noch bis 1993 und ging dann im Programm von MDR Sputnik auf. In der Berliner Brotfabrik sind die Ereignisse auf einem Zeitstrahl chronologisch aufgearbeitet und auf zwei Meter hohen, bunten Platten eindrücklich dargestellt.

Das Thema Medien sei im Diskurs der Wiedervereinigung viel zu sehr vernachlässigt worden, sagt Pehlemann. "Die Frage war ja, wer hat für einen weiter gesprochen? Das heißt, wer hat wie über den Osten berichtet? Und da ist ja die Frage, mit welcher Erfahrung, mit welcher Desillusionierung ist man hineingegangen in diese Demokratie, die ja auch neu für einen war."

Und deshalb war DT64 plötzlich Kult. Für eine ganze Generation wurde der Kampf um den Erhalt zur Schule der Demokratie, in der man crashkursartig lernte, wie man seine Meinung sagen konnte. Ein ganzes Pressearchiv fängt das in der Ausstellung ein, aber auch spannende Dokumente, Briefe, Protokolle von Landtagssitzungen und Filmausschnitte der Aktionen sind zu sehen.

Archivbild: Das Team von Jugendradio DT64 will durchhalten. Auch von der Abwicklung bedroht, wird nach Möglichkeiten zum Weitersenden nach dem 31.12.1991 gesucht. (Quelle: dpa/H. Link)
Das Team des Jugendradios DT64 im September 1991 | Bild: dpa/H. Link

"Ich habe Radio gemacht, wie ich es nie wieder gemacht habe"

Die Hörfunk-Journalistin Marion Brasch war damals mittendrin, als Moderatorin. Sie schätzt die unsentimentale Art, mit der in der Brotfabrik von der "Power von der Eastside" erzählt wird. DT64 sei für sie prägend gewesen, sagt Brasch. Damals, als der Sender zu Ende ging, sei sie 30 Jahre alt gewesen. "Ich habe gerade in der Zeit '89 bis '91 Radio gemacht, wie ich es vorher und nachher […] nie wieder gemacht habe", so Brasch

Es gab eine absolute Narrenfreiheit, alles war erlaubt. Schade nur, dass in der Rückschau so wenig von dem Sound der damaligen Zeit zu hören ist.

"Power von der Eastside! DT 64 - Das Jugendradio und seine Bewegung" ist noch bis zum 3. April in der Berliner Brotfabrik zu sehen. Der Eintritt ist frei. Begleitet wird die Ausstellung mit diversen Events.

Sendung: Radioeins, 25.03.2022, 05:55 Uhr

Beitrag von Corinne Orlowski

3 Kommentare

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  1. 3.

    "Verboten" ist gar nichts. Aber die meisten heutigen Sender sind nach Kommerz-Kriterien durchformatiert. Bloß nicht zu viel Inhalt, die Nebenbei-Hörer nicht stören, 08/15-Musik auf Basis des kleinsten gemeinsamen Nenners, aufgezeichnete Sendungen statt Live-Programm, Musik wird als MP3 vom Computer automatisch abgedudelt. Viele Kommerzsender haben kaum noch eine eigene Nachrichten-Redaktion. Das Material wird von bundesweiten Dienstleistern eingekauft und digital in die Sendesoftware importiert. Ist billiger, als eigene Leute vorzuhalten. "Echtes" Live-Radio gibt es nur noch bei wenigen Stationen - und selbst dort nur noch tagsüber. Ab 19 Uhr, spätestens 20 Uhr dudelt auf den meisten Wellen nur noch ein Computer. Selbst Moderationen können da aufgezeichnet eingestreut werden. Nennt sich "Voicetracking". Hört sich an wie Live ist aber Fake.

  2. 2.

    Uncool war DT64 zui DDR-Zeiten nie.

  3. 1.

    Wenn damals „alles erlaubt war“ - was ist denn aktuell verboten?

    Inzwischen sind ja einige der damals Jungen im Radio 1 oder in Rente… Ich fand DT64 schon zu DDR-Zeiten sympathischer als die bisweilen schnöseligen Herren vom RIAS Treffpunkt.

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