Wegen russischer Wurzeln - Dänische Veranstalter sagen Ausstellung Berliner Künstlerinnen ab

Fr 04.03.22 | 15:20 Uhr | Von Vera Block
  31
Natalia und Maria Petschatnikov (Quelle: Vera Block)
Audio: Inforadio | 04.03.2022 | Vera Block | Bild: Vera Block

Der Krieg in der Ukraine hat die Kunstszene erreicht. Auf der einen Seite werden Putin-nahen Kunstschaffenden Engagements und Auftritte gekündigt. Andere bekommen die Auswirkungen zu spüren, obwohl sie sich aktiv gegen das Putin-Regime engagieren. Von Vera Block

Es sollte eine Ausstellung über die Schönheit des Zerbrechlichen werden, über einen fragilen Alltag. Überdimensionale Objekte aus Pappmaschee, die dänischem Porzellan nachempfunden sind. Dargestellt als Scherben und Bruchstücke. Eigentlich sollten sie in der dänischen Stadt Horsens in Jütland ausgestellt werden – dazu wird es aber nicht mehr kommen.

Die Berliner Künstlerinnen Natalia und Maria Petschatnikov haben vor wenigen Tagen erfahren, "dass es möglicherweise problematisch ist, weil es eine staatliche Institution ist und wir haben russische Namen. Aber die Kuratoren und Museumsdirektor haben für uns gekämpft!"

Vergeblich. Die offizielle Absage kam am 1. März. Eine regionale dänische Zeitung, erzählen die Schwestern, zitierte dazu einen Lokalpolitiker: "Ich weiß, dass Maria und Natalia Petschatnikov nichts mit dem Krieg zu tun haben, aber wir können russische Kultur momentan nicht unterstützen."

Ein falsches Signal

Zerbrochenes Porzellan, lächeln Natalia und Maria Petschatnikov bitter. Die beiden sitzen nebeneinander in ihrem Atelier in der Nähe der Jannowitzbrücke. An den Wänden hängen gezeichnete Entwürfe zur geplanten Ausstellung. Die Schwestern wirken erschöpft und bedrückt. Am Vormittag haben sie Spenden für Kinder aus Odessa in eine jüdische Einrichtung gebracht. Am Abend davor waren sie am Berliner Hauptbahnhof, um ankommenden Geflüchteten zu helfen.

Es ist schade, sagt Natalia, dass wir in dieser Situation sind, aber es gibt wichtigere Fragen, gerade jetzt. Und Maria fügt hinzu: "Wir denken aber, es ist jetzt falsch, russische Namen von anderen Namen zu unterscheiden."

Maria und Natalia Petschatnikov stammen aus Sankt Petersburg, aus einer russisch-jüdischen Familie. Allerdings leben sie mehr als die Hälfte ihres Lebens schon im Ausland: "Wir leben seit dreißig Jahren außerhalb von Russland, wir haben nicht in Russland studiert, sondern in den Vereinigten Staaten und anderswo. Wir können natürlich sagen, wir sind überhaupt gar keine Russen. Das wollen wir aber nicht! Wir sind Russen, aber es gibt Russen, die eine andere Meinung haben. Wir denken, es setzt ein falsches Signal."

Wir denken aber, es ist jetzt falsch, russische Namen von anderen Namen zu unterscheiden.

Maria Petschatnikov

Migrationsgeschichte als Politikum

Viele Jahre, erzählen die Schwestern, wurde ihre Herkunft in den Ausstellungen hervorgehoben, auch gegen ihren Willen. Ihr Migrationshintergrund wurde mitunter durchaus zelebriert: "Bei uns wird oft betont, dass wir diese russische klassische Malerei beherrschen, obwohl wir an mehreren Stellen gesagt haben, dass wir nichts mit der russischen akademischen Schule zu tun haben. Wir haben zwar nichts gegen diese Schule, aber wir gehören nicht dazu. Aber wir haben das Gefühl, dass Nationalitäten - genauso wie bei vielen anderen Künstlern - politisch benutzt werden."

Die Sorgen, die sich die beiden wegen der abgesagten Ausstellung machen, haben wenig mit den finanziellen Verlusten zu tun: "Es ist in nicht all zu ferner Vergangenheit, dass Menschen auf Basis ihrer Namen beurteilt wurden."

Trotz der Absage der Ausstellung: Natalia und Maria Petschatnikov wollen Putins Propaganda keinen Grund liefern, sie als im Westen unterdrückte russische Künstlerinnen zu instrumentalisieren: "Das wollen wir nicht, wir wollen zusammen mit den Russen stehen, die in St. Petersburg zum Beispiel verhaftet werden. Für ihre Meinung."

Sendung: Inforadio, 04.03.2022, 15:55 Uhr

Beitrag von Vera Block

31 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 31.

    Ich habe verstanden, dass sich manche schwer tun, beziehungsweise nicht verstehen wollen, das sich der Westen solidarisch mit der Ukraine zeigt, und dass die Sanktionen auch weh tun können.
    Vieleicht hilft es, einmal an ukrainische Künstler und Sportler zu denken, da ist einmal in Dänemark nicht ausstellen zu können, kein großes Opfer. Wenn es Ihnen so am Herzen liegt, dann organisieren Sie doch eine Ausstellung, private Vernisagen sind kein Problem.

  2. 30.

    Wenn man Ihnen beruflich zugesicherte Vereinbarungen entziehen würde, weil Sie gerade einer Krieg führenden Nation qua Geburt angehören, finden Sie das sicher auch völlig in Ordnung. Genau das ist "in Verantwortung nehmen". Und das ist falsch.

  3. 29.

    Die zwei Künslerinnen werden nicht in Verantwortung genommen, sondern ihnen wird lediglich bei einer staatlichen Institution das Austellen ihrer Werke derzeit verwehrt, übrigens aus nachvollziehbaren Grund.
    Dänemark setzt seine Solidarität mit der Ukraine ohne wenn und aber um, diese Damen sind keine bekannte Künstlerinnen, dort weis man über sie nichts, und gute Worte aus Berlin, das an Städtepartnerschaft mit Moskau fasthällt, sind wohl nicht.....

  4. 28.

    Wie gut fundiert allgemein geltende Gesetze in einer Demokratie sind, ist erst in Krisenzeiten zu beobachten. Einzelne Menschen für die Politik ihres Geburtslandes in die Verantwortung zu nehmen ist geradezu lächerlich, wenn es nicht so traurig wäre. Bekannte Persönlichkeiten sollten sich positionieren. Aber Bekenntnisse innerhalb weniger Tage zu erzwingen finde ich ziemlich problematisch und dem Ernst der Sache nicht angemessen. Es mag so das eine oder andere Lippenbekenntis dabei sein ...

  5. 27.

    Zu Friedenszeiten wären Ihre Überlegungen durchaus nachvollziehbar, aber Russland hat die Ukraine überfallen, und nun gelten für den Westen andere Maßstäbe, der hat seine Werte zu verteidigen und der Ukraine vollen solidarischen Beistand zu leisten, insbesondere auf politischen Ebene.
    Die menschlichn Beziehungen, das ist eine andere Ebene, und die ist nach wie vor den altbekannten Werten verpflictet.

    Hat man sich schon gefragt, was die Dänen davon halten, dass Berlin die Städtepartnerschaft mit Moskau nicht aussetzen will, dies kommt in den Nachbarländern nicht gut an! Man denke daran, die Regierung von Berlin möchte mit Regierungssitz von Putin gar nichts ändern, und hält an einer Städtepartnerschaft fest, obwohl diese mit dem Volk gar nichts zu tun hat.

  6. 26.

    Sanni, Sie schießen mit Kanonen auf Spatzen.
    Wenn Sie davon ausgehen, dass Dänemark auch so ein "Antidiskriminierungsgesetz" hat, oder die dänische Demokratie in Frage stellen.
    Nur komisch, dass ich ihren Protest bei der "Diskriminierung" einer weltweitbekannten und größten lebenden Sopranistin nicht lesen konnte.
    Messen Sie mit zweierlei Maß?

  7. 25.

    Ausgerechnet in Dänemark! Kurator und Museumsdirektion haben sich für die Künstlerin eingesetzt. Da es sich um ein staatliches Museum handelt, hat wohl eine Behörde politisch entschieden, dass russische KünstlerInnen derzeit nicht unterstützt und ihre Werke gezeigt werden sollen. Das halte ich zwar für falsch (völlig egal wie mulitkulti der Hintergrund der Betroffenen ist, wie in diesem Fall), denn wer sich nicht auf Putins Seite schlägt, ist genauso zu behandeln, wie jede*r andere - bin mir aber nicht sicher, ob in Deutschland anders entschieden worden wäre. Wäre ich betroffen, würde ich prüfen, ob aufgrund eines Antidiskriminierungsgesetzes der Rechtsweg gegen die Entscheidung möglich ist. Das Vorgehen ist eines demokratischen Staates unwürdig, wenn das Schule macht, hat das fatale Folgen.

  8. 24.

    Zitat: "Solche Kollateralschäden gibt es weil Menschen wie Sie nicht zwischen Regierenden (= Herrschenden ) und Bevölkerung unterscheiden."

    Sie haben meinen Beitrag offenbar nur oberflächlich überflogen und interpretieren ihn völlig falsch, Jürgen. Natürlich solidarisiere ich mich auch mit den Menschen, die in Russland mutig gegen die kriegführende Regierung protestieren und bedauere Auswirkungen, wie bsw. die im Artikel beschriebenen. Aber diese "Dänische Angelegenheit" hat nichts mit dem Deutschen GG oder einer angbl. Geschichtsvergessenheit zu tun, wie hier mehrfach insinuiert wurde.

  9. 23.

    Solche Kollateralschäden gibt es weil Menschen wie Sie nicht zwischen Regierenden (= Herrschenden ) und Bevölkerung unterscheiden. Ich solidarisiere mich lieber mit den Russ*innen die gegen den Krieg sind statt diese auszugrenzen und in die Arme Putins zu treiben.

    Ich bin auch gegen den Distanzierungswahn . Warum weil Russland Kritiker in den Knast steckt mit fadenscheinigen Argumenten ( wie übrigens auch Erdogan u.a. ).

    Und wir sollten auch gelernt haben das das Grundgesetz für alle gilt.

  10. 22.

    An Sie und auch an "Helia": Hier geht es nicht um das Deutsche GG und auch nicht darum, dass die Deutschen angbl. nichts aus ihrer Geschichte gelernt haben, was, neben bei bemerkt, absoluter Quatsch ist, sondern um die Absage einer Ausstellung zweier russischstämmiger Berliner Künstlerinnen in Dänemark.
    Das ist natürlich sehr ungerecht, zumal die beiden sich ja mit den Anti-Kriegs-Demonstranten in Russland solidarisiert haben. Aber solche "Kollateralschäden" wird es im Umfeld eines Kriege immer geben - leider.

  11. 21.

    ICh finde die Entscheidung Dänischen Veranstalter richtig und wichtig.

  12. 20.

    Stoppt die Diskriminierung von Russen bzw. russischstämmigen Menschen.

    Von Putinfreunden kann soll man sich distanzieren aber bitte keine rassistische "Diskriminierung aufgrund von Rasse, Herkunft ..." so steht es im Grundgesetz .

  13. 19.

    Wenn russischstämmige Menschen wegen ihres Namens diskriminiert werden ist das rassistisch. Punkt aus!

  14. 18.

    Ja, in Kriegszeiten werden, und müssen Nationalitäten politisch genutzt und benutzt werden, und das möglichst konsequent.

  15. 17.

    Die wirklichen Kriegsverbrecher sind da, wo die Medien sie nicht identifizieren.

  16. 16.

    Man muss nicht zwingend Russe sein. Eine Meinung jenseits des Mainstreams reicht, um auch als Deutscher von den eigenen Landsleuten „alles Gute“ gewünscht zu bekommen…..

  17. 15.

    Ich dachte in Dänemark leben vorrangig Dänen und sicher auch ein paar Deutsche.
    Klingt aber so als ob es Dänen waren, die das in Dänemark beschloßen haben ohne Deutsche zu fragen.
    Schweden waren es aber sehr wahrscheinlich auch nicht.
    Lesen manche Leute überhaupt die Artikel bevor sie kommentieren?

  18. 14.

    Alle, die grundsätzlich gegen Kriege, Aufrüstung und Militär sind und stattdessen friedliche Konfliktbeilegung befürworten werden kaum noch gehört. Das fing schon vor der letzten großen Friedensdemo am Sonntag an. Gerne mal den Aufruf der Veranstaltenden mit den Medienberichten vergleichen.
    www.ippnw.de/frieden/konflikte-kriege/ukraine.html
    Antirussische Ressentiments gehören inzwischen fast schon zum "guten Ton". Gut das der rbb kritisch dazu berichtet. Wenn auch anhand eines dänischen Beispiels; manchmal hilft die Distanz etwas klarer zu erkennen. Viel Erfolg den Künstlerinnen mit ihrer geplanten Ausstellung, die sich hoffentlich trotzdem noch realisieren lässt.

  19. 13.

    Schlimm diese wiederlichen Ausgrenzungen - die Deutschen haben aus ihrer Vergangenheit nichts gelernt.
    Die jetzt meinen sie tun was Gutes damit indem sie unschuldige Russen diffamieren sollen sich was schämen.

  20. 12.

    „SChade und bestürzend, dass diese beiden Weltbürgerinnen mit ihrer klaren Haltung von Schweden ausgeladen werden.“

    Schweden? Das erinnert mich an eine lustige Anekdote des vorherigen US-Präsidenten … : )

    Sehr bedauerlich für die beiden Damen und nicht nachvollziehbar. Ungerecht, dass sie momentan unter Putins Zarenwahn zu leiden haben. Aber es kommen auch wieder andere Zeiten!

  21. 11.

    Auf keinen Fall dürfen Menschen einer bestimmten Nationalität für das ausgegrenzt werden, was sie selbst nicht zu verantworten haben. Konkret die Schwestern Maria und Natalia Petschatnikov leben seit 1999 in Deutschland, erst in Hamburg, seit 2009 in Berlin und zeitweise im europäischen Ausland. Was bitte haben diese Künstlerinnen mit Putins Machenschaften zu tun? Wenn jetzt russische Menschen ausgegrenzt werden, grenzt man auch die aus, die gegen Putin sind. Das kann doch wohl nicht sein.

  22. 10.

    . ich dachte, Europa wäre aufgeklärter.

    diese Aufklärung ist leider nur Fassade in unbeschwerten und guten Zeichen

  23. 9.

    " wir haben das Gefühl, dass Nationalitäten - genauso wie bei vielen anderen Künstlern - politisch benutzt werden."

    und das Gefühl trügt nicht, leider

  24. 8.

    Es war zu befürchten, dass die Entwicklung irgendwann eine "Eigendynamik" bekommt, die nicht mehr kontrolliert werden kann. Das Ausmaß eines Verbrechens (wie der Überfall Putin-Russlands auf die Ukraine) kann und sollte nicht dazu führen, dass mit Grobheit ggü. gewöhnlichen Bürgern geantwortet wird, dass das rechtstaatl. Prinzip in ein faktisch inquisitorisches überführt wird: Solange Du dich vor aller Augen und öffentlich nicht von Putin distanzierst, bist Du für diesen Krieg !

  25. 7.

    Das geht entschieden zu weit. Auch wenn die beiden möglicherweise gegen Angriffe geschützt werden sollen. In Berlin sollen ja schon Menschen (Kinder) wegen ihrer russischen Sprache angegangen worden sein (Abendschau). Für mich sind Putin und seine Vasallen die einzig Schuldigen an dieser Tragödie. Also bitte keine Sippenhaft!

  26. 6.

    Ich stehe voll und ganz hinter der dänischen Entscheidung.
    Es müssen Zeichen gesetzt werden.

  27. 5.

    SChade und bestürzend, dass diese beiden Weltbürgerinnen mit ihrer klaren Haltung von Schweden ausgeladen werden. Es darf nicht dazu kommen, dass nur die Herkunft zum Stigma wird - aber wenn ich andere Nationalitätenherkunften betrachte, ist dies längstens usus geworden. Namen werden zum Stigma gemacht - es ist so traurig.... ich dachte, Europa wäre aufgeklärter.

  28. 4.

    Wie traurig, wenn Menschen aufgrund ihrer Herkunft und ihres Namens diskriminiert werden. Ein Beitrag zum Frieden ist das definitiv nicht. Meine Hochachtung den Künstlerinnen, die sich gegen Putin engagieren und vom Krieg Betroffenen helfen!!!

  29. 3.

    Tja, Staatsoper und viele andere machen es vor und dann eskaliert es.

  30. 2.

    Ich stehe hundert Prozent hinter der Ukraine, spende und helfe aktuell ankommenden Flüchtlingen. Auch war ich auf der großen Demo am Sonntag und finde die Sanktionen gegen Russland müssten noch verschärft werden. ABER dieses Ausschließen von Menschen mit russischen Wurzeln oder von MEnschen, die sich als Privatpersonen nicht öffentlich von Russland distanzieren ist schlicht Diskriminierung und Hetze gegen Menschen mit russischer Migrationserfahrung bzw. Wurzeln. Da muss aufhören. Jetzt.

  31. 1.

    Halten Sie bitte durch und lassen sich nicht unterkriegen!
    Es ist alles nur noch schrecklich!
    Ich habe Angst, wo dies alles noch enden soll ,,,
    Wir haben scheinbar nichts aus der Vergangenheit gelernt :-(

Nächster Artikel