Festival-Saison 2022 - "Die Situation im Konzertkartenverkauf ist dramatisch"

Mi 13.04.22 | 09:56 Uhr | Von Efthymis Angeloudis
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Symbolbild: Open-Air Konzert (Quelle: dpa/Christoph Soeder)
Video: Abendschau | 13.04.2022 | C. Rubarth | Bild: dpa/Christoph Soeder

Die Maskenpflicht ist bei Kulturveranstaltungen abgeschafft, Großkonzerte dürfen ohne Auflagen stattfinden. Doch irgendwie scheint nichts mehr wie früher zu sein. Darf man sich diesen Sommer noch amüsieren? Von Efthymis Angeloudis und Götz Gringmuth-Dallmer

Lichter und Menschen bewegen sich zur frenetischen Bass-Gitarre. Körper berühren sich, Schweiß läuft an Nacken und Armen herab. Keine Scheu, keine Angst und weit und breit keine einzige Maske. Irgendwie kommen Katja Lucker die Bilder des Pop-Kultur Festivals wie ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten vor. "2019 war die Welt noch in Ordnung", seufzt die Geschäftsführerin des Festivals in der Berliner Kulturbrauerei. "Wir waren ausverkauft mit 10.000 Menschen."

Damals gab es die Veranstaltung zum letzten Mal in vollem Glanz auf der Bühne. 2020 fiel auch die Berliner Pop-Kultur, wie viele andere Veranstaltungen coronabedingt aus. Ein digitales Filmprojekt diente zwar als virtueller Ersatz, doch Besucher und Künstler ließen sich nicht mehr wie sonst zusammenbringen. 2021 fand die Pop-Kultur in einem kleineren, eher regionalen Rahmen statt.

Nicht nochmal so ein Jahr

Jetzt plant die Pop-Kultur wieder mit einer Zuschauerkapazität von 10.000 Menschen. "Wir können es nicht nochmal in so einer Form wie letztes Jahr machen", sagt die Geschäftsführerin. "Das kann ich meinen Mitarbeitern nicht zumuten, wir werden dann alle wahnsinnig." Raum für Fehltritte gibt es nicht. Die Konzerte müssen stattfinden, einen Plan B gibt es laut Lucker nicht. "Wir müssen jetzt einfach wieder zum Live-Business zurück kommen."

Die Anstrengungen, die dafür geleistet werden müssen, hätten sich durch den Fachkräftemangel vervielfacht. Viele Menschen in der Branche, die während der Pandemie keinen Job hatten, hätten jetzt das Berufsfeld gewechselt. "Gleichzeitig merken wir, dass Menschen in der Pandemie auch krank geworden sind, und mental oft nicht mehr in der Lage sind Sachen zu machen”, sagt Lucker. Immer öfter höre sie die Worte "ich kann nicht mehr", auch von Menschen, von denen es man nicht erwartet hätte.

Neues Festival auf dem Flughafen Tempelhof

Unter solchen Bedingungen ist ein Comeback äußerst schwierig, ein Neustart wiederum unvorstellbar. Trotzdem glaubt Stephan Thanscheidt, dass gerade jetzt der richtige Zeitpunkt ist, um ein neues Festival ins Leben zu rufen. "Es ist auf jeden Fall mutig", lacht der CEO des Kulturveranstalters FKP Scorpio. "Tempelhof Sounds" soll vom 10. bis 12. Juni auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof stattfinden. "Die Location hat auf jeden Fall für sehr positive Stimmung gesorgt, als wir die Idee vorgetragen haben."

Dabei war es dem "Tempelhof Sounds" auch wichtig, eine breite Plattform für weibliche Acts zu bieten. Um zu gewährleisten, dass die Künstlerinnen, die jetzt vielleicht noch ein bisschen unbekannter sind, eine Bühne haben, um zu wachsen und die Headlinerinnen von morgen werden.

Künstlerinnen und Künstler zeigten sich beeindruckt von dem geschichtsträchtigen Austragungsort. Florence and the Machine, Muse, The Strokes und viele andere kamen schnell als Line-Up zusammen. "Da alle Acts, die wir jetzt haben, auch an dem Wochenende kommen konnten und der Flughafen an dem Wochenende frei war, haben wir gesagt, okay, jetzt machen wir einen mutigen Schritt."

Angst ist kein guter Ratgeber

Angst vor all dem was schiefgehen könnte, hat Thanscheidt nicht. "Wir machen das sehr häufig und wir sind sehr professionell, aber natürlich ist es immer aufregend, wenn man zu einem großen Festival fährt," erklärt der Veranstalter. "Läuft alles so, wie wir uns das vorgestellt haben, reagieren die Menschen entsprechend, haben alle Spaß, gehen danach unsere Besuchenden nach Hause und sagen, wir hatten eine großartige Zeit auf dem Festival?" Das alles seien Fragen, die einem durch den Kopf gehen.

"Angst ist kein guter Ratgeber." Vielmehr sei es eine Herausforderung, die man zu bewältigen habe, weil die ganze Wertschöpfungskette der Live-Entertainment-Branche hinten dranhängt. Das Personal, das Material, Tonfirmen, Lichtfirmen, Caterer, Security Firmen seien noch da, teilweise aber nicht mehr so schlagkräftig wie früher. "Wir haben schon extreme Bedingungen gerade und kämpfen natürlich mit vielen vielen Unwägbarkeiten und Problemen, die wir noch lösen müssen", sagt Thanscheidt.

Dazu gehört nicht nur, dass ein Rockfestival im technoverrückten Berlin seinen Platz finden muss, sondern auch der Flickenteppich an Regelungen und Maßnahmen, die der Veranstaltungsbranche zu schaffen machen. "Eins ist ganz klar, vernünftig planen konnte man bisher nicht."

Konzerte sind mit vielen Risiken verbunden

Die Maskenpflicht wurde bei kulturellen Veranstaltungen abgeschafft, Großkonzerte dürfen nun auch ohne Auflagen stattfinden. Jens Michow, Präsident des Bundesverbands der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft, blickt dennoch mit gemischten Gefühlen auf die neue Festival-Saison.

"Ich mache keinen Hehl daraus, dass wir mit der Hotspot-Regelung überhaupt nicht glücklich sind", erklärt Michow im Gespräch mit dem rbb. Vieles sei dadurch nicht planbar. "Und der Flickenteppich wird noch größer." In einzelnen Ländern seien unterschiedliche Regelungen möglich und die Maßnahmen, die ergriffen werden könnten seien dazu nicht an gewisse Voraussetzungen geknüpft. "Das heißt, ein Land kann sagen, hier gilt nicht nur Maskenpflicht, sondern hier werden auch Veranstaltungen nicht im vollem Umfang durchgeführt." Dann würde das Ganze wieder sehr unberechenbar werden.

Was sich der Verband von der letzten Ministerpräsidentenkonferenz gewünscht hätte, sei dass man Planungssicherheit habe. "Und das setzt vor allem voraus, dass Ausfallkosten erstattet werden." Seit dem vergangenen Sommer bieten Corona-Sonderfonds des Bundes für Kulturveranstaltungen eine Wirtschaftlichkeitshilfe für kleinere Veranstaltungen bis zu 2.000 Personen. Sie greift, wenn weniger Gäste kommen dürfen, als ursprünglich eingeplant war. Seit Herbst gibt es zudem die Ausfallabsicherung. Michow wünscht sich aber auch, dass beide Programme des Sonderfonds über dieses Jahr hinaus verlängert werden. "Konzerte sind mit sehr, sehr vielen wirtschaftlichen Risiken verbunden. Kein Versicherer übernimmt das Risiko einer pandemiebedingten Absage."

Tickets bleiben liegen

Denn auch nach den Lockerungen sieht bei weitem nicht alles prächtig aus. "Es gibt sicherlich einen großen Hunger auf Festivals. Aber dennoch wagen sich viele nicht in die Veranstaltungen." Die Besucher würden erstmal abwarten, ob Konzerte und Festivals überhaupt stattfinden. Das hat zur Folge, dass auch der Konzertkartenverkauf nicht so läuft, wie man sich das erhofft hatte. Viele Karten würden in den Vorverkaufsstellen liegen bleiben.

"Die Situation im Konzernkartenverkauf ist dramatisch, das muss man wirklich so sagen", erklärt Michow. "Wir können nur hoffen, dass sich das langsam wieder an die Normalität des Jahres 2019 anpassen wird."

Dürfen wir uns amüsieren?

Diese Normalität liegt für Katja Lucker in weiter Ferne. "Wir haben alle den festen Willen, dieses Jahr tatsächlich wieder durchzustarten, in der Hoffnung, dass eine neue Variante uns nicht im Sommer die Festivalsaison kaputt macht."

Doch diese Befürchtung ist bei weitem nicht die einzige Sorge. Hinzu kämen die Ängste die Menschen aktuell haben, weil ein Krieg vor der Haustür herrscht. "Und auch so einem undefinierten Gefühl, darf ich mich überhaupt amüsieren in Zeiten in denen Menschen auf der Flucht sind, Menschen sterben?", fragt Lucker.

"2019 war eines unserer besten Jahre", denkt sie zurück. "Damals wussten wir noch nicht, wie die Welt sich entwickeln würde."

Sendung: Abendschau, 13.04.2022, 19:30 Uhr

Beitrag von Efthymis Angeloudis

27 Kommentare

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  1. 27.

    Wir haben hier noch Karten für ein halbes Dutzend Veranstaltungen liegen, von den niemand weiß, ob und wann die nachgeholt werden.
    Bevor das nicht abgearbeitet ist, kaufen wir doch nix Neues, das den Stapel womöglich wachsen lässt.
    Tut mir ja auch leid für die Veranstalter - um mein Geld tut's mir aber auch leid.

  2. 26.

    Dann machen Sie mal eine Umfrage wie viele Berliner ein lautes Musik-Konzert auf dem Tempelhofer Feld gut finden.
    Ich schätze nicht mehr als 10%.

    Übrigens, ich schätze das 80% der Berliner sich eine ruhige Wohnung wünschen.
    Ist auch normal, da Lärm gesunheitsschädlich ist, auch Großstadtlärm.

  3. 25.

    Nun, noch nicht mitbekommen, dass es darauf nur noch darauf ankommt, dass eine Minderheit der Mehrheit ihren Willen aufzwingt?

  4. 24.

    Sie leben in einer Großstadt. Da wird es auch mal laut. Wenn Sie so ein Bedürfnis nach ständiger Ruhe haben, dann sollten sie in ein Dorf ziehen.

  5. 23.

    Vielleicht sollte man auch mal über die Kartenpreise nachdenken und sie den Gegenheiten anpassen, es nicht auch wie die Hotelerie machen. Vielleicht lockt das auch den einen oder anderen zur Veranstaltung. Künstler und Veranstalter können auch wie normale Bürger leben.

  6. 22.

    Sie übertreiben "etwas", werte Svenja. Vom Feld nach Buckow sind es schlanke sieben Kilometer Luftlinie. Bei der Entfernung muss man aber gaaaanz genau hinhören. Als Beispiel ... sieben KM vom Wacken-Open-Air hört man fast nix - und da sind Bässe und Drums und viel mehr Leute (und lockere Anwohner mit guter Stimmung, "Open Garden" und lecker "Omi-Kuchen").

  7. 21.

    Das ist halt Großstadt und ist auch gut so. Allgemeinwohl geht vor. Wem das nicht passt, der muss halt aus der Großstadt wegziehen.

  8. 20.

    Kein wunder, wenn zu jeder Zeit plötzlich Berlin zu einem Hotspot ausgerufen werden könnte. Mal davon abgesehen, was uns wohl wieder ab September blühen wird. Ich geh jetzt stattdessen direkt in Spanien auf Konzerte. Dort hat man zumindest die Gewissheit, das es auch tatsächlich stattfinden wird.

  9. 19.

    Zum einen habe ich noch reichlich Tickets von mehrfach verschobenen Konzerten, die jetzt nach und nach stattfinden können, werde also dieses Jahr voraussichtlich so viele Konzerte sehen wie selten zuvor, ohne dafür neue Tickets kaufen zu müssen.
    Zum anderen könnte ich mir neue Karten aktuell leider gar nicht leisten.

  10. 18.

    Dramatisch auch bei Konzerten in geschlossenen Räumen, Theatern usw. Ich kenne viele Veranstalter, die kurz vor dem Aufgeben sind. Ähnlich prekär ist die Lage bei Technikern, Konzertagenturen und natürlich bei den von Absagen und Dauerverschiebungen finanzuell geschädigten Künstlern.
    Es geht nicht nur um Festivals sondern die gesamte Musikszene. Klassik, Jazz, Chanson inbegriffen.
    Es muss von der Politik jetzt gehandelt werden, pragmatische Lösungen müssen gefunden werden...

  11. 17.

    Die Pandemie ist doch noch nicht vorbei, im Herbst gibt es wieder Maßnahmen. Wahrscheinlich wird Corona für immer bleiben, die Herdenimmunität ist nicht zu erreichen wenn Tiere das Virus auch übertragen können. Also im Sommer die Zeit für Konzerte nutzen und die Preise erhöhen damit die Veranstalter überleben können.

  12. 16.

    Die Frage "DARF ICH MICH ÜBERHAUPT AMÜSIEREN?" ist eine sehr neue.
    Wieso stellt man sich die nicht auch wegen des HUNGERS auf der WELT. Deswegen scheinen die Leute keinen FEIER-STOP in Erwägung gezogen zu haben.
    Sorry, ein weiteres Kapitel aus dem großen Buch der SCHEINHEILIGKEIT.
    Außerdem hat uns doch die Politik mit einem KONZERT-WERBETRAILER angelockt, sobald alle 2 x geimpft sind.
    Offenbar erkennt trotz 130.000 Toten selbst die so "moralisierende" Politik FEIERN, TANZEN + SINGEN als Grundbedürfnis an.

  13. 15.

    Die Konzertveranstaltungen sind (leider) nur ein Problem.
    Das andere ist, wie es sich zeigt, die Menschen durch die politischen Umstände manipulierbar sind und immer waren.
    Hier sollten sich gerade die Menschen an die eigene Nase fassen, wenn sie mit erhobenem Zeigefinger auf andere Länder und Staaten zeigen und dabei der Meinung sind, dass nur sie das alleinige Recht besitzen, die Moral gepachtet zu haben.

    Ich erinnere nur daran, wie sich Künstler, Schauspieler etc. "erdreisten" konnten, gegen die Corona Maßnahmen zu demonstrieren und medial abgekanzelt, als Rechts Sympathisierer in diese Ecke gestellt wurden.

  14. 14.

    Wir brauchen eine Anti-Angst-Therapie für die ganze deutsche Bevölkerung. "Angst fressen Seele auf" gilt mittlerweile für Kinder, Schüler, Azubis und Sturdenten, Erwachsene und Senioren (alle m/w/d). Angst kann zuweilen hilfreich sein, aber nicht auf Dauer. In diesem Sinne: _Fröhliche_ Ostern!

  15. 13.

    Von 0 auf 100 wird schwierig, denn es wurde in die Köpfe "geprügelt" wie schlimm es für jeden einzelnen ist. Das dauert noch ein paar Wochen, bis es wieder verschwindet. Aber man sieht ... die vorsichtigen werden weniger.... und wer beim einkaufen die Maske weglässt wird sie auch bei einem Konzert nicht benutzen.
    Und in den Berichten und Nachrichten werden die Mahner auch immer weniger.... selbst Lauterbach scheint nun mitbekommen zu haben permanent vor dem Herbst der Impfquote usw. zu warnen interessieret die breit Masse nicht mehr so.

  16. 12.

    Die Rückabwicklung wurde schon benannt. Da hab ich auch keine so gute Erfahrung in den letzten 2 Jahren gemacht - aber vielmehr ist es in meinem Umfeld tatsächlich der Krieg- Sensiblere Leute haben unabhängig von Corona und Alter, aktuell einfach wenig Freude am "Abfeiern". Andere sehen es wie Udo : "Immer lustig und vergnügt, bis der Arsch im Sarge liegt." Letzteres ist natürlich mehr Branchen unterstützend.

  17. 11.

    Richtig, Rückabwicklung ist ein Problem. Firma Eventime hat mir eine Karte von zweien ersetzt. Merkwürdigerweise sei ausgerechnet jene Karte mit einem seltenen Relief Aufdruck nicht bei der Firma angekommen, obgleich beide per Einschreiben gesendet. Riesensauerei, damit haben sich für uns Konzerte bei diesem Veranstalter erledigt. Tut mir leid für die Künstler. Wenn das Problem nicht bestünde, würden wir in Ruhe über Einschränkungen und Gefahren nachdenken.

  18. 10.

    "Darf man sich diesen Sommer noch amüsieren?" Warum nicht?
    Haben uns die Flüchtlingsströme seit 2015 abgehalten, oder die vielen Kriege, die sie veranlassten?
    Wegen meiner jeden Tag ein Open Air, jeden Tag auf dem Temperhofer Feld - wo sonst?

  19. 9.

    Ich hoffe, sie stören ihre ruhige Nachbarschaft weder mit dem Rasenmäher, dem Staubsauger oder Smoothiemaker, noch mit Ihrem Auto.
    Ich bezweifle übrigens, dass bei Ihnen inn Buckow die Bässe vom Templhofer Feld Ihren Fernseher übertönen.

  20. 8.

    Daran ist die Branche zum großen Teil selbst Schuld. Meine Erfahrung: 3 Konzerte wurden in der Zeit abgesagt. Bei einem hat die Band entschieden das unkompliziert zu erstatten (Geld zurück, inkl. VVK-Gebühren und Versandkosten). Da würde ich jederzeit wieder ein Ticket buchen.

    Die anderen 2 Events via Eventim: Rückerstattung nur mit unterschriebenem Antrag und Ticketrückversand via Post (wozu - das Event findet eh nicht mehr statt). Und selbst dann werden noch VVK-Gebühren einbehalten. Damit verprellt man treue Stammkunden.

    Da waren selbst Airlines kulanter. Bei einer konnte ich z.B. zwischen Rückerstattung und Fluggutschein mit 10% Bonus wählen.

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