Premiere in der Deutschen Oper - "Ihre Stimme ist unsterblich" - Marina Abramović als Maria Callas in Berlin

Do 07.04.22 | 09:11 Uhr | Von Cora Knoblauch
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Die Performance-Künstlerin Marina Abramovic posiert zu Beginn einer Pressekonferenz zum Opernprojekt "7 Deaths of Maria Callas" in der Deutschen Oper für die Fotografen. (Quelle: dpa/Wolfgang Kumm)
Video: Abendschau | 07.04.2022 | Christian Tietze | Bild: dpa/Wolfgang Kumm

Performance-Künstlerin Marina Abramović schlüpft in der internationalen Opern-Koproduktion "7 Deaths of Maria Callas" in die Rolle der Diva - und stirbt sieben Bühnentode. Am Freitag ist Premiere in der Deutschen Oper Berlin. Von Cora Knoblauch

Seit 30 Jahren denke sie über dieses Opernprojekt nach, erzählt die Performance-Künstlerin Marina Abramović im Foyer der Deutschen Oper Berlin. Marina Abramović, die bekannteste und bedeutendste lebende Performance-Künstlerin weltweit, schlüpft in einer internationalen Koproduktion, an der fünf Opernhäuser beteiligt sind, in die Rolle der Sopranistin Maria Callas und stirbt sieben ihrer Bühnentode. Singen wird die Performance-Künstlerin in "7 Deaths of Maria Callas" nicht, die Gesangsparts übernehmen Solistinnen der Deutschen Oper Berlin.

Abramović, international bekannt geworden durch teils spektakuläre Performances wie "The Artist Is Present", als die Künstlerin im Museum of Modern Art in New York über Tage und Wochen wildfremden Menschen unbeweglich gegenübersaß, nimmt sich einer der bekanntesten und tragischsten Sängerinnen des 20. Jahrhunderts an. Als sie 14 Jahre war, hörte Abramović bei ihrer Oma in Belgrad Maria Callas im Küchenradio singen, wie sie erzählt. Sie sei zu Tränen gerührt gewesen, obwohl sie kein Wort verstanden habe. Seitdem sei sie immer fasziniert gewesen von der Sängerin. Maria Callas, 1977 gestorben an gebrochenem Herzen in Paris. Live habe sie die Sopranistin leider nie gesehen, sagt Abramović.

Femizide auf der Opernbühne

Schöne Frauen stürben auf der Opernbühne ja oft an gebrochenen Herzen, sagt der Intendant der Deutschen Oper, Dietmar Schwarz, bei der Pressekonferenz. Es scheint, diese Tatsache täte ihm ein bisschen leid. Doch diese Stereotype frustrieren Abramović nicht, wie sie sagt: "Das ist wohl die menschliche Natur. Frauen verlieben sich fast immer in die falsche Person, und dann müssen sie eben leiden und sterben." Sie habe darüber nachgedacht, auf welch unterschiedliche Arten Frauen wie Tosca oder Desdemona in der Oper sterben und zählt auf: "Es gibt den Tod durch Erstechen, Strangulieren, Stürzen, sie sterben an Tuberkulose, gebrochenem Herzen, Wahnsinn, Herzinfarkt - und alles wegen der Liebe."

Diese Tragik interessiere sie auch an Maria Callas, sagt Abramović. Denn die sei wirklich an gebrochenem Herzen gestorben. "Als Onassis starb, wollte sie auch nicht mehr leben. Sie war bereit, ihr Leben und ihre ganze Karriere für diese Liebe zu geben", sagt die Performance-Künstlerin. "Insofern war eine Hommage an sie etwas ganz Natürliches für mich. Ich wollte sieben ihrer Bühnentode inszenieren. Am Ende meiner Oper haben wir aber noch einen achten Tod, nämlich ihren eigenen. Opern dauern in der Regel vier, fünf oder sechs Stunden, meine nur eine Stunde und 36 Minuten." Abramović fügt trocken hinzu: "Denn Sterben geht ja meistens recht schnell."

Willem Dafoe als Counterpart

Als Performance-Künstlerin lehne sie eigentlich die Künstlichkeit der Oper ab, sagt Abramović: "Da sitzen Leute im Dunklen, der Vorhang geht auf und das Licht geht an. Das ist alles so künstlich. Performance ist genau das Gegenteil. In der Performance geht es um echte Zeit, echten Schmerz, echte Gefühle." Der US-amerikanische Schauspieler Willem Dafoe, mit dem Abramović schon öfter zusammengearbeitet hat, habe sie vom Gegenteil überzeugte: "Wenn ein Schauspieler oder Sänger wirklich eine Rolle annimmt, in sie hineinschlüpft, können die Gefühle seiner Rolle zu echten Gefühlen werden. Er hat mir gezeigt, dass das geht." Willem Dafoe mimt in der Videoprojektion des Abends den Counterpart der Maria Callas, er ist sieben Mal der Mann, wegen dem Callas ihren Bühnentod stirbt.

Auf der Bühne "eine andere Marina"

Intendant Dietmar Schwarz erzählt, dass Maria Callas vor ihren Auftritten immer so nervös gewesen sei, dass sie sich habe übergeben müssen. Danach habe sie sich angeblich immer sehr rein gefühlt. Ob sie, Marina Abramović, das nachfühlen könne und was sie so an Callas generell fasziniere, möchte Schwarz wissen. Abramović schmunzelt und sagt: "Okay, lassen Sie uns zuerst übers Kotzen sprechen. Ich muss nicht auf die Opernbühne gehen, um mich zu übergeben. Ich bin extrem nervös vor all meinen Performances, das was mein ganzes Leben so. Ich rede hier von 50 Jahren Karriere. Bevor ich irgendwas auf einer Bühne machen muss, finden Sie mich im Bad. Ich bin ein Wrack, ich habe Bachkrämpfe, mein Blutdruck ist irgendwo im Himmel. Diese Nervosität erlaubt es mir, auf die Bühne zu gehen. Aber in dem Moment, wo ich die Bühne betrete, verschwindet alle Angst und ich bin eine andere Marina. Dann betrete ich den Raum."

Was sie schon immer an Maria Callas fasziniert habe, sei diese Mischung aus unglaublicher Stärke und unglaublicher Zerbrechlichkeit. Diese Kombination aus beidem sei herzzerreißend, sagt Abramović: "Callas sagte einmal, wenn sie auf der Bühne sei, dann habe ein Teil ihres Gehirns absolute Kontrolle und der andere Teil sei völlig frei. Wenn diese beiden Teile ausgeglichen und in Balance seien, dann werde die Performance magisch."

Der musikalische Leiter, Yoel Gamzou, erzählt von einer aufregenden, vierjährigen Produktionszeit: "Jeder von uns hat etwas gemacht, was er noch nie vorher in seinem Leben gemacht hat. Marina hatte noch nie zuvor eine Oper gemacht. Der Komponist Marko Nikodijević wusste nicht, wieviel Musik er überhaupt schreiben soll, wir wussten nicht, welche Arien wir überhaupt nehmen wollen, ob wir mit Videos arbeiten." Marina Abramović habe dem Team das Gefühl großer kreativer Freiheit gegeben, berichtet Gamzou: "Es gab nichts, was verboten war. Das ist das Tolle an Marina, dass sie auch den Mut hat zu sagen: das ist alles Quatsch, was wir hier gerade machen. Und dann haben wir nochmal von vorne angefangen."

Kein feministisches Role-Model

Eine feministische Figur, ein Vorbild sei die Callas nicht unbedingt, gibt Marina Abramović zu. Vor ein paar Jahren hätte sie den Dokumentarfilm "Maria by Callas" gesehen, ein Film mit bis dahin unveröffentlichtem Videomaterial und Interviews. Sie sei stinksauer auf Maria Callas gewesen: "Einmal sagt sie, sie wolle ihre ganze Karriere aufgeben, nur um ein Kind von Aristoteles Onassis zu haben und für immer mit ihm zusammen zu sein. Das ist völlig inakzeptabel, finde ich. Ich wurde wirklich sehr sauer auf sie. Wenn Du ein Talent hast, wie Callas es hatte, hast du nicht das Recht, es nicht mit der Welt zu teilen. Das steht dir schlichtweg nicht zu! Dein Talent gehört dir nicht alleine, es gehört allen. Das hat sie nicht verstanden."

In dem Leiden der Callas erkenne sie aber auch ihr eigenes Leiden. Auch Marina Abramović war viele Jahre in einer leidenschaftlichen Beziehung mit dem 2020 verstorbenen Künstler Ulay verbunden. Ihre Trennung inszenierten sie als groß angelegte Performance auf der chinesischen Mauer. In ihrer Autobiografie schreibt Abramović, dass sie für ihre Arbeit als Performance-Künstlerin bewusst auf gemeinsame Kinder mit Ulay verzichtet habe.

Dass Callas bereit gewesen wäre, für Onassis ein Hausfrauenleben zu wählen, hat Abramović erschüttert, wie sie erzählt: "Ich war in meinem Leben auch sehr verliebt. Ich wäre fast gestorben für diese Liebe. Als sie kaputt ging, wurde ich krank, konnte nicht mehr essen, nicht schlafen, all das. Aber meine Arbeit hat mich gerettet. Und ihre Arbeit hätte die Callas auch retten müssen. Aber das hat sie nicht. In diesem Aspekt ist Maria Callas kein Vorbild für mich."

Verwandlung in "einen kleinen, kranken Vogel"

Die Sopranistin sei voller Widersprüchlichkeiten gewesen, sagt Abramović: "Sie war gleichzeitig unglaublich stark und unglaublich zerbrechlich. Das konnte man regelrecht sehen. Ich habe mir auf Filmaufnahmen ganz genau angeschaut wie sie sich veränderte, wenn sie auf der Bühne aufhörte zu singen und der Applaus begann. In dem Moment, wo sie aufhört zu singen, verwandelt sich die Callas in einen kleinen, kranken Vogel. Auf der Bühne, vor dem Publikum."

Für die letzte Szene in "7 Deaths of Maria Callas", in der es um den von Maria Callas selbst gehe, habe sie deren Schlaf- und Sterbezimmer in Paris exakt nachbauen lassen, sagt Abramović. Selbst die Schlaftabletten auf dem Nachttisch lägen dort, wo sie beim Tode der Sängerin lagen. Diese Szene werde voller Licht sein, sagt Abramović, denn "ihre Stimme ist unsterblich. All ihre Unzulänglichkeiten, ihre Widersprüche in ihrem Leben, in ihrer Arbeit sind am Ende nicht wichtig. Was zählt, ist ihre Stimme. Die Stimme des Maria Callas wird niemals sterben."

Beitrag von Cora Knoblauch

3 Kommentare

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  1. 3.

    Schade, sozusagen alle Karten weg, nur die wenigen Vorstellungen :-( hätte ich gerne eher erfahren, Mist. Zugabe, bitte!

  2. 2.

    Abramovic ist genial!!!!

  3. 1.

    Ich finde es großartig, dass Marina Abramovic das macht! Ich habe fasst alle ihre Performances gesehen ! Grandios

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