Theaterkritik | "Fraternité, Conte fantastique" - Eine verpasste Chance für dringend gebrauchten Trost

Di 05.04.22 | 11:55 Uhr | Von Barbara Behrendt
fraternite nguyen
Ein Mann wartet im "Zentrum für Trost und Sorge" | Bild: Christophe Raynaud de Lage / Schaubühne Berlin

Beim "FIND-Festival" an der Schaubühne sind diesmal Uraufführungen neuer Dramatik aus fünf Ländern zu Gast. Caroline Guiela Nguyens inszeniert mit "Fraternité, Conte fantastique" ein Science-Fiction-Drama - das allerdings blass bleibt. Von Barbara Behrendt

In einer unbestimmten Zukunft. Während einer Sonnenfinsternis, bei der alle gebannt in den Himmel starren, verschwindet die Hälfte der Menschheit spurlos. In jeder Familie fehlen Brüder, Kinder, Ehefrauen. Überall ist ein Verlust zu beklagen. Bei anschließenden Messungen wird festgestellt, dass Universum und Menschenkörper untrennbar miteinander verbunden sind: Die Herzen der Menschen wiegen aufgrund ihres großen Schmerzes so schwer, dass sie ganz langsam schlagen, bis sie fast stillstehen – das bedeutet, auch das Universum steht still.

Doch die Erde muss sich weiterdrehen, damit die Verlorenen bei der nächsten Sonnenfinsternis zurückkommen können. Also sind die Menschen gezwungen, ihren Herzen Erleichterung zu verschaffen. Eine Maschine wird erfunden, die die Erinnerungen an die Verschollenen auslöscht. Das ist schmerzhaft und hat natürlich den Nachteil, dass die Menschen ihre Angehörigen nicht mehr erkennen würden, falls sie je zurückkämen. In diesem Dilemma von Warten, Bangen, Leiden begleiten wir die zahlreichen Figuren.

Ein "Zentrum für Trost und Sorge"

Mit "Fraternité, Conte fantastique" hat Caroline Guiela Nguyen im Rahmen des Festvals für Internationale Neue Dramatik (FIND) ein Science-Fiction-Drama auf die Bühne gebracht. An der Berliner Schaubühne inszeniert Nguyen das aber in keinem futuristischen Setting, sondern in einem weitgehend naturalistischen Bühnenbild. Man schaut ins Innere einer Art Nachbarschaftszentrums - das "Zentrum für Trost und Sorge" -, das nach der "Großen Sonnenfinsternis" eingerichtet worden ist. Plastikstühle, weiße Tische, eine etwas dilettantisch mit Vögeln bemalte Wand, wie man das aus Schulen kennt – alles hyperrealistisch. Nur eine Leinwand, die Bilder aus dem Weltall projiziert, erinnert an Science-Fiction, später zudem eine Maschine, ein großes Herz im Glaskasten, das die Erinnerungen absaugt.

Für die junge Franko-Vietnamesin Nguyen steht die Frage im Zentrum, wie man sich gegenseitig in schweren Zeiten unterstützen und Trost spenden kann. Im Gemeinschaftszentrum kommen daher alle zusammen, suchen Lösungen, treffen Entscheidungen, kochen für die plötzlich alleinstehenden alten Männer.

Gleichheit neben der Brüderlichkeit

Zum Schönsten der Inszenierung am Montagabend gehört, dass auf der Bühne Menschen verschiedensten Alters, mit unterschiedlicher Herkunft, Hautfarbe und Sprache zusammenkommen. Eine herrliche, alte Asiatin ist dabei und ein junger schwarzer Countertenor-Sänger. Man spricht Englisch, Französisch und Arabisch, teilweise live von den Mitspielern übersetzt. Nguyen sagt, ihr sei wichtig, dadurch einen Ausschnitt der Welt zu zeigen - normale Menschen von der Straße, wie man sie in Sozialzentren dieser Art findet. Somit handelt es sich bei "Fraternité, Conte fantastique", dem zweiten Teil von Nguyens Brüderlichkeits-Trilogie, auch um ein sozialpädagogisches Kunstprojekt, bei dem alle Mitspielerinnen und Mitspieler in etwa gleich große Rollen haben.

Es könnte also ein wunderbar tröstlicher Abend sein. Die Ausgangssituation gleicht einer großartigen Märchen-Metapher für den beinahe körperlichen Schmerz beim Verlust eines geliebten Menschen. Was für ein poetisches Bild: Eine Hälfte der Menschheit geht in der Finsternis verloren – für die andere Hälfte kommt deshalb das Universum zum Stillstand.

Fehlende Nähe

Doch diese schöne Metapher nimmt zu viele absurde Wendungen, die nicht mehr ins Bild und ins naturalistische Spiel passen wollen. Was soll es bedeuten, dass all die schönen Erinnerungen gelöscht werden müssen, damit die Geliebten zurückkehren können? Warum hören nur junge Frauen die Stimmen der Verschollenen in ihrem Herzen, niemand sonst?

Schwerer wiegt jedoch, wie wenig man von den Figuren und ihren Angehörigen erfährt, so dass sie einem völlig fremd bleiben - ihre aneinandergereihten Geschichten wirken über drei Stunden lang papiern und blutleer. Schon "Saigon", Nguyens erstes Gastspiel beim "FIND 2018", erzählte eine arg melodramatische Liebesgeschichte; doch man konnte jedenfalls an die Figuren andocken. Wenn die Schauspieler und Laien nun auf der Bühne wüten, schreien, ihren Schmerz beklagen, wirkt das nur ausgestellt und unnachvollziehbar rührselig. Leider. Denn der Gedanke, im Theater einen Raum des gemeinschaftlichen Trostes zu schaffen, ist so schön wie notwendig. Gerade jetzt.

Sendung: Inforadio, 05.04.2022., 10:15 Uhr

Beitrag von Barbara Behrendt

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