Konzertkritik | The Beths im Lido - Pfeilschnell und uncool

Di 19.04.22 | 10:19 Uhr
Archivbild: Die neuseeländische Band THE BETHS bei einem Konzert in London. (Quelle: dpa/Avalon)
Audio: Inforadio | 19.04.2022 | H. Schröder | Bild: dpa/Avalon

The Beths haben in ihrer Heimat Neuseeland schon zahlreiche Musikpreise für ihren Power Pop gewonnen. Nun sind sie nach Corona Zwangspause wieder in Europa auf Tour. Und brachten bei ihrem Konzert in Berlin auch das Lido zum Tanzen. Von Hendrik Schröder

 

Kennengelernt haben sich drei der vier Musikerinnen und Musiker von the Beths auf einem Jazz College. Und es ist schon erstaunlich, dass sich studierte Jazzmusiker dann für eine derart schnörkellose Musik entscheiden. Aber auch die will interessant gespielt sein und dafür kann ein bisschen Virtuosität nicht schaden, das zeigt sich auch an diesem Abend im Lido. Wortlos und wie beiläufig kommt die Band auf die Bühne, in weißen TShirts, Jeans, und es wirkt, als wollten sie ausdrücken: "Hallo, wir sind dann mal da und würden ein paar Lieder spielen, wenn ihr nix dagegen habt."

Archivbild: THE BETHS bei einem Livekonzert in London. (Quelle: dpa/Avalon)
Bild: dpa/Avalon

Sie fummeln ein bisschen an der Technik, die nicht so recht will, hinter dem Schlagzeuger hängen zwei riesige Stoffvögel, warmes Licht scheint darauf - und dann legt Sängerin und Gitarristin Elisabeth Stokes los. Mit einem beeindruckenden und pfeilschnellen Down-Stroke-Riff. Das bedeutet, dass man die Gitarrensaiten nur von oben anschlägt, was in dieser Geschwindigkeit so viel schwieriger ist, als es aussieht. Das Schlagzeug stampft staubtrocken los und ab geht die Post.

Renter und Hipster auf der Tanzfläche vereint

Und was hat die Band eine Freude bei ihrer Arbeit. Wie die vier grinsen und sich anlachen, Sängerin Elisabeth aufs Schlagzeugpodest hüpft, dann wieder runter. Wie der neue Drummer Tristan Deck (seit 2019 dabei) die Songs immer wieder nach vorne treibt, aufrecht auf seinem Hocker sitzend und so stoisch den Beat immer wieder nach vorne treibt, dass das Publikum ja gar nicht anders kann, als langsam anzufangen herumzuzappeln. Etwas über 100 Leute sind da, das ist nicht schlecht für einen Ostermontagabend und eine Band vom anderen Ende der Welt. Erstaunlich auch, dass die Leute so zwischen 14 und 65 Jahre alt sind und ziemlich divers. Da stehen Hipster in Klamotten, die nur sie selbst verstehen (wenn überhaupt) neben Grauhaarigen in praktischen Fleece Westen, sieht man auch selten in der Mischung.

Mehrstimmig gegen das Machotum

In einem Interview zu ihrer zweiten Platte haben the Beths erzählt, dass sie genau wissen, dass sie nicht wirklich "cool" sind und deswegen jetzt auch gar nicht mehr damit anfangen, das zu versuchen. Das ist stark. Und wahr. Weil sie die Instrumente viel zu weit oben hängen haben, um lässig auszusehen. Weil die Ansagen viel zu nett und normal sind, um irgendwie als crazy zu gelten. Und dann der teils vierstimmige Gesang, sowas kann ja sonst keine Rockband und dazu muss man sich auch echt konzentrieren und kann nebenbei nicht noch den Hampelmann geben auf der Bühne. Ein so sympathisches Gegenmodell zum ewigen Macho Rockstargetue. Nur der Sound ist am Anfang nicht gut, viel zu leise, das Schlagzeug viel zu laut. Aber das gibt sich nach 10-20 Minuten, nachdem der Tonmann ein Mal in die Mitte des Raumes rennt und dann nachjustiert. Kann man ja alles schön beobachten, wenn der Laden mal nicht bumsvoll ist. Und zugegeben, nach einer Dreiviertelstunde hat man Sound und Songs der Beths dann auch verstanden, so kunstvoll sie das alles machen, irgendwann ist es mit schnell, vielstimmig und fein melodiös verwebt dann auch gut. Trotzdem ein super Konzert gewesen.

Sendung: Inforadio, 19.04.2022, 6.00 Uhr

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