Chilly Gonzalez in der Philharmonie - Aus chilly wird silly

Fr 08.04.22 | 09:05 Uhr | Von Jens Lehmann
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Chilly Gonzales, eigentlich Jason Charles Beck - der kanadische Musiker bei einem Konzert am 21.08.2019 in der Hamburger Elbphilharmonie. (Quelle: Jazz Archiv/Michi Reimers)
Audio: Inforadio | 08.04.2022 | Jens Lehmann | Bild: Jazz Archiv/Michi Reimers

Der kanadische Pianist Chilly Gonzales gastiert in der Berliner Philharmonie. Stilecht in Bademantel und Pantoffeln feiert er die Rückkehr der Live-Musik - und schwört, nie wieder ein Livestream-Konzert zu geben. Von Jens Lehmann

Die Philharmonie summt und brummt, die Erwartungen sind groß, schließlich ist er wieder da, der verlorene Sohn, der Mann, den sie seit einer sagenumwobenen Berliner Clubnacht des Jahres 1998 "Chilly Gonzales" nennen. Und da tritt er auch schon auf – unter dem Jubel des ausverkauften Saals – stakst (wie immer in Bademantel und Pantoffeln gewandet) wie ein exzentrischer Starpianist Richtung Bühnenrand, nimmt die Ovationen still und milde lächelnd entgegen, setzt sich ans Klavier – und beginnt ganz leise, in sich gekehrt.

Über drei Suiten lang versenkt er sich in sein Hauptwerk, die Alben "Solo Piano" I-III. Hoch konzentriert starrt er auf seinen Bechstein-Flügel, ein Stück fließt ins nächste, in den wenigen Pausen dazwischen setzt er wieder dieses sibyllinische Lächeln auf. Ist das jetzt der neue Chilly Gonzales? Ernst geworden in Zeiten von Pandemie und Krieg? Eine der vielen Häutungen dieses Künstlers, der von Punk bis Klassik für Einsteiger schon alles gemacht hat, zuletzt mit einem exzentrischen Weihnachtsalbum und der Neuauflage eines Minimal-Techno-Albums von sich reden machte – und jetzt auch noch avec moustache?

Fahrstuhlmusik mit Geschmack

Oder ist es der Respekt vor dem Tempel der Klassik, in dem er spielt? Immerhin sitzt nebenan im Kammermusiksaal Arcadi Volodos, einer der großen klassischen Pianisten unserer Zeit, ganz ähnlich an seinem Flügel und spielt Schubert. Und im großen Saal gibt’s sowas wie "Fahrstuhlmusik mit Geschmack", wie es ein Kollege mal treffend ausgedrückt hat.

Ein bisschen erleichtert ist das Publikum jedenfalls schon, als Chilly endlich zum ersten Mal zum Mikrofon greift und seinen alten Kumpel Taylor Savvy auf die Bühne holt. Die beiden haben schon zur Jahrtausendwende zusammengespielt und mit den verrückten Indie-Pop-Hipstern Peaches, Jamie Lidell, Mocky und Feist die Berliner Musikszene aufgemischt.

Schon kommt auch an diesem Abend Leben in die Bude – und es gibt neue, jazzige Nummern zu hören, die im Lockdown entstanden sind, darunter "Catnip", das Chilly im Rausch komponiert haben will, als er seinen von Katzenminze nicht minder berauschten Katzen zugeschaut hat. Das Publikum ist trotzdem noch nicht ganz da, es wartet immer noch darauf, dass der Knoten platzt. Vielleicht ja jetzt: Da kommen eine Cellistin und ein Geiger auf die Bühne. Das Album "Chambers" lässt grüßen. So richtig rund läuft’s aber nicht, es ist das erste Konzert in dieser Besetzung, da knirscht es trotz längerer Proben- und Findungsphase hier in Berlin noch ein bisschen - und Chilly muss noch ein paar Mal extra einzählen, den Musikerinnen und Musikern auf die Sprünge helfen.

Raus aus der Einaudi-Trance

Macht nichts, je mehr Musiker auf der Bühne, desto höher auch die Betriebstemperatur im Saal. Bei Chilly rinnt der Schweiß jetzt in Strömen. Den Bademantel trägt er ja nicht nur zum Spaß. Zu "Knight Moves" stiehlt sich Joe Flory auf die Bühne. Auch der Schlagzeuger ist ein musikalischer Langzeit-Partner – und prompt erwacht der Saal aus der langen Ludovico-Einaudi-Trance, geht mit, jubelt mit "Take me to Broadway" gleich den nächsten Kracher herbei. Chilly wird endlich wieder zum Tier aus der Muppet Show, rappt und kalauert ins Mikro, dass es eine Freude ist, aus zart wird hart, aus chilly wird silly – und die Energie überträgt sich selbst auf die Fans in der Philharmonie, die seitlich oder hinter der Bühne sitzen. Dort mumpft es wie immer, weil die großen Boxen nur nach vorne zeigen.

Was soll’s: Chilly haut noch einen halbstündigen Zugabenteil raus, bei dem die Band auch schonmal komplett durchtauscht. Taylor Savvy sitzt plötzlich am Schlagzeug und Joe Flory knattert auf Knien ein exaltiertes Flügelhorn-Solo vor sich hin. Jetzt hält es das Publikum nicht mehr auf den Sitzen – der Bechstein wird im Song zum Cadillac und gemeinsam lassen wir wenigstens für ein paar Minuten die Pandemie hinter uns und rasen in den Sonnenuntergang. "Music is back"! Chilly schwört, nie wieder Konzerte als Livestream zu geben, denn das sei wie Sex mit drei Kondomen übereinander – und feiert die Rückkehr der Musik in die Clubs und Konzertsäle mit einer trotzigen Hymne. Recht so.

Sendung:Inforadio, 08.04.2022, 8:20 Uhr

Beitrag von Jens Lehmann

1 Kommentar

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  1. 1.

    Chilly ist der grösste nach Keith Jarrett!!!!

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