Kritik | Poetry-Slam-Finale in Berlin - Nathan der Bratan

Mo 25.04.22 | 09:29 Uhr | Von Hendrik Schröder
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Das Publikum beim Finale des Poetry Slam Berlin/Brandenburg am 24.04.22 in der Berliner Columbiahalle (Quelle: Presse / Sarah Bosetti).
Audio: Inforadio | 25.04.2022 | Hendrik Schröder | Bild: Presse / Sarah Bosetti

Albern, lustig, berührend, bekloppt, politisch: Beim spannenden Finale der Poetry-Slam-Meisterschaften Berlin/Brandenburg am Sonntag in der Columbiahalle war alles dabei. Von Hendrik Schröder

Kurz erklärt: Ein Poetry Slam ist ein Dichterwettstreit, bei dem Autorinnen und Autoren vor Publikum ihre Texte lesen und gegeneinander antreten. Die neun Poetryslammer und Slammerinnen im Finale der Berlin/Brandenburg Meisterschaften hatten sich alle durch diverse Vorentscheide qualifiziert. Die Spielregeln des Abends sind schnell erklärt: Jeder bekommt sechs Minuten Zeit, danach wird gnadenlos der Saft abgedreht, erlaubt sind nur selbst verfasste Texte, keine Kostüme, keine Requisiten. Die besten drei kommen danach ins Stechen.

Außerdem wird das Publikum ermahnt, allen Auftretenden generell mit Respekt zu begegnen, es wird nicht gebuht. Den Hinweis hätte es am Sonntag gar nicht gebraucht, das Publikum ist sehr liebenswert, jung, schön, hip und hat richtig Bock. Die Columbiahalle ist bestuhlt an diesem Abend, gut 1.000 Leute sind da.

Arbeit, Sprache, Flirten

Den Anfang macht Luise Komma Klar (nennt sich wirklich so) mit einem bissigen Text über die Arbeit im Niedriglohnsektor, eher einfach vorgelesen, als wirklich rezitiert. Kim Beese folgt und beschäftigt sich so ähnlich mit Arbeitsprofilen in sozialen Netzwerken. Klar, die Texte sind lustig, aber es steckt schon was dahinter. Später soll noch ein Text über einen schlimm chauvinistischen Chef kommen, die Arbeitswelt beschäftigt die oft noch jungen Slammerinnen offenbar. Außerdem geht es um Obdachlose am Alex, neue Männlichkeit und flirtende Nachbarinnen.

Nach den ersten beiden Slammerinnen halten die Jurymitglieder erstmals ihre Bewertungstafeln hoch. Und da liegt ein kleiner Knackpunkt des Abends, der im Finale noch sichtbar werden wird. Denn es wird gar nicht erklärt, wer die Jury ist und warum es sie gibt. Denn normalerweise entscheidet bei Poetry Slams das Publikum.

Deutschlehrer on fire

Die erste richtig starke Show des Abends liefert Max Golenz ab. Oberarme wie Popeye, Bart, kurze Haare. Er performt regelrecht, schlüpft in verschiedene Rollen. Er sei Deutschlehrer sagt er (sieht nicht so aus, wie gerne hätte man so einen Deutschlehrer) und habe einen Text geschrieben, in dem er seinen Schülern die Erzählung Nathan der Weise näher bringen wolle. Aber gemischt mit Rap. So zwischen Buch und Bushido. Er nenne den Text: Nathan der Bratan.

Das Publikum liegt bald vor Lachen, so gut macht er das. Er verstellt die Stimme, spielt mit dem Tempo, schlüpft in Rollen - und es wird klar: ok, ein guter Text alleine reicht nicht, die Performance ist die halbe Miete. Direkt darauf folgt Noah Klaus, ein blasser, dünner Typ mit Brille, der von weitem aussieht wie 15, den man erst völlig unterschätzt, bis er mit seinem extrem lustigen Text über Anglizismen früher und heute in Sekunden den ganzen Laden im Griff hat.

Das Publikum hätte anders entschieden

Nachdem alle Punkte ausgezählt sind, kommen die besten drei ins Finale und mit einem neuen Text noch mal auf die Bühne. Und schließlich steht es Gleichstand zwischen Max, dem Deutschlehrer mit den Oberarmen und Lisa Pauline Wagner. Die liest sich mit einer so amüsanten wie berührenden Geschichte darüber, wie sie sich in ihre Nachbarin verknallt und 300 Tage lang beflissen versucht es selbiger recht zu machen in die Zuschauerherzen. Bei einem Publikumsentscheid hätte sie mit Sicherheit gewonnen, so riesig und laut ist der Applaus für sie.

Am Ende entscheidet sich die Jury aber für Max Golenz, der mit seiner zweiten Geschichte endlich mal erklärt, warum man ab 30 anfängt sich für einen Thermomixer und Akkusauger zu interessieren. Das ist auch in Ordnung. Alle Slammer liegen sich in den Armen. Am Ende geht es ja auch nicht ums Gewinnen, es geht um eine gute gemeinsame Zeit mit klugen, albernen, bewegenden, lustigen Texten. Und das war der Abend auf jeden Fall.

Sendung: rbb24 Inforadio, 25.04.2022, 07:05 Uhr

Beitrag von Hendrik Schröder

6 Kommentare

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  1. 6.

    Das Publikum war " jung, schön, hip" - sagt eigentlich schon alles .

    Seichter postmoderner entpolitisierender pseudoprogressiver i.d.Regel pseudolustiger - Querfront-kompatibeler M...

    Ich wünsche mir wieder klare politische Inhalte und gutes politisches Kabarett statt seichte Kindergartenkomik.

  2. 5.

    Relativ safe dass der Text „Bratan der Weise“ hieß. Noch safer empfand ich die Stimmung für Max, eher als für Lisa. Verwirrende Teilüberschrift.

  3. 4.

    Danke für den Hinweis, haben wir schon mal gehört ... aber hier hat so schön beides gepasst. (Wir haben es jetzt in "Nathan der Bratan" korrigiert.)

  4. 1.

    Ich hab den Slam nicht gesehen, aber wenn Max Golenz einen Rap aufs Korn genommen hat, dann meinte er sicherlich nicht "Nathan der Brathahn", sondern "Bratan". Ein von Capital Bra geprägter Begriff für sowas wie "Bruder". Einfach mal googlen ;)

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