20 Jahre Schloss Neuhardenberg - Picasso im Oderbruch

Sa 02.04.22 | 13:52 Uhr | Von Sigrid Hoff
Pablo Picasso Paris 14 Juli 43, Lithografie um 1945, Kunstmuseum-Pablo-Picasso-Münster (Quelle: Succession Picasso/VG Bild-Kunst, Bonn 2022)
Audio: Antenne Brandenburg | 02.04.2022 | Elke Baader | Bild: Succession Picasso/VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Die Stiftung Schloss Neuhardenberg feiert 20-jähriges Jubiläum. Zum Auftakt gibt es die Ausstellung: "Auf der Suche nach Harmonie", in deren Mittelpunkt unverhofft zarte und empathische Grafiken des Künstlers Pablo Picasso stehen. Von Sigrid Hoff

Am 8. Mai 2002, vor fast genau 20 Jahren, startete im Schlosspark von Neuhardenberg (Märkisch-Oderland) das erste Kulturprogramm. Der idyllische Ort am Rande des Oderbruch, der in der DDR Marxwalde hieß und bis Ende der 1990er Jahre von Militärkasernen und Plattenbauten geprägt war, ist heute ein kultureller Leuchtturm in Brandenburg, an dem sich berühmte Schauspieler, aber auch Musikerinnen und Musiker von Klassik bis Jazz und Rockmusik die Klinke in die Hand geben.

Die Stiftung Schloss Neuhardenberg, von der Sparkassen-Finanzgruppe gegründet, zeigt zum Auftakt der Jubiläumssaison die Ausstellung "Auf der Suche nach Harmonie" mit Druckgrafiken von Pablo Picasso.

Pablo Picasso Musizierender Faun-Nr.-4--10.-Maerz-1948--Lithografie--Kunstmuseum-Pablo-Picasso-Münster (Quelle: Succession Picasso/VG Bild-Kunst, Bonn 2022)
Pablo Picasso: "Musizierender-Faun", 10. Maerz 1948, Lithografie, Kunstmuseum Pablo Picasso Münster (Quelle: Succession Picasso/VG Bild-Kunst, Bonn 2022) | Bild: Succession Picasso/VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Picassos Auseinandersetzung mit römischer Antike

Als die amerikanische Schriftstellerin und Kunstsammlerin Gertrude Stein, bekannt für ihre minimalistischen Verse, Pablo Picasso 1905 zum ersten Mal in Paris begegnete, war sie von dem spanischen Künstler ebenso fasziniert wie er von ihr. Schon bald nach dem ersten Treffen entstand die Idee zu einem Porträt, das heute zu den ikonischen Gemälden des von Picasso geprägten Kubismus zählt.

Die Bilder, die jetzt in der Jubiläumsausstellung im Schloss Neuhardenberg präsentiert werden, zeigen einen überraschend anderen Picasso: Es sind kleinformatige, zarte Grafiken, Illustrationen zu Ovid, die sich an den Figuren des berühmten Parthenonreliefs aus Athen orientieren und in den 1930er Jahren entstanden, nachdem sich der Avantgardist Picasso zunehmend der Klassik zugewendet hatte. Auf den ersten Blick wirken sie fast unscheinbar: Feine Linien betonen die Umrisse der antiken Körper, mit ihren Überlappungen hingegen verweisen sie auf die Moderne.

Sehr zum Erstaunen der Kunstwelt vollzog Picasso mitten im Ersten Weltkrieg eine künstlerische Volte: Er hält den Zug der Avantgarde an, um zurück in die Geschichte zu blicken. Auf einer Reise nach Italien im Jahr 1917 besucht er die Ausgrabungsstätten in Pompeji und Herculaneum und wendet sich vom Kubismus dem Klassizismus der griechisch-römischen Antike zu. "Was Sie in der Ausstellung sehen, ist das Masterpiece seiner Auseinandersetzung mit der römischen Antike," erläutert Markus Müller, Direktor des Kunstmuseums Pablo Picasso in Münster, dem Leihgeber der über 70 Exponate der Ausstellung.

Der Klassizismus und seine Mitstreiter

Im Mittelpunkt stehen die 15 feinteiligen Radierungen zu den Metamorphosen von Ovid. Im Zentrum des Ausstellungsraums stehen Gipsabgüsse berühmter antiker Skulpturen, an denen sich der Künstler orientiert hatte und die hier einen Dialog mit den gezeigten Arbeiten eingehen. Etwa die am Klassizismus orientierten Aktdarstellungen des Bildhauers und Zeichners Aristide Maillol, die den Picasso-Grafiken gegenüber gestellt sind.

Darüber hinaus ergänzen die abstrakten Radierungen und Holzschnitte in roten Terrakottafarben des zeitgenössischen Bildhauers und Zeichners Henri Laurens sowie Lithografien und Drucke von Georges Braques, dem kubistischen Mitstreiter von Picasso, die Ausstellung. Markus Müller vom Picasso-Museum in Münster: "Uns hat der Umstand beseelt, dass der Bau von Schloss Neuhardenberg von Karl Friedrich Schinkel ein klassizistischer Bau ist. Diese vier Künstler bilden eine Phalanx, die sich mit der Antike, wie sie sie im Louvre vorfanden, auseinandergesetzt haben."

Zwei größere Grafiken von Picasso, die 1942 während der deutschen Besatzung Frankreichs entstanden, nehmen das Thema Krieg und die Hoffnung auf Frieden mit antiken Symbolen auf. Sie wirken jetzt wie ein Kommentar auf die Gegenwart. Auch der Ausstellungstitel "Auf der Suche nach Harmonie", der auf den Schock des Ersten Weltkriegs und die Suche der Künstler nach Halt in der antiken Kunst verweist, stellt auf einmal ganz aktuelle Bezüge her. Heike Kramer, die Generalbevollmächtigte der Stiftung Schloss Neuhardenberg, betont: "Ich glaube, das ist ein Dialog, den wir nicht erwartet haben, ich finde das sehr spannend, wir sind alle ein Stück auf der Suche nach Harmonie. Da kann man in und mit diesen Arbeiten Antworten finden."

Wir sind alle ein Stück auf der Suche nach Harmonie. Da kann man in und mit diesen Arbeiten Antworten finden.

Heike Kramer, Stiftung Schloss Neuhardenberg

Benefizkonzert für Menschen in der Ukraine

Im Jubiläumsjahr setzt die Stiftung ihr bewährtes Programm in der Mischung aus Lesungen, Diskussionsveranstaltungen und Musik fort. Ein Höhepunkt wird das Festkonzert am 25. Juni im Park mit dem Bundesjugendorchester und seinem Patenorchester mit jungen Musikern aus der Ukraine, das kurzfristig zu einem Benefizkonzert erklärt wurde.

Im Herbst schließlich wird der preußische Reformer Karl August Fürst von Hardenberg im Mittelpunkt einer Ausstellung stehen. Er wurde nicht nur zum Namensgeber des Ortes, sondern ließ auch Schloss und Kirche von dem klassizistischen Baumeister Karl Friedrich Schinkel errichten. Heike Kramer von der Stiftung setzt ihre Hoffnungen auf neue Begegnungen nach den Einschränkungen der Pandemie: "Wenn die Masken fallen, hoffen wir, dass wir hier ohne Abstand wieder zusammensitzen können. Was mich am meisten inspiriert, sind diese Momente, ob in der Schinkelkirche oder im Veranstaltungssaal, wenn man mit dem Publikum die Gänsehaut verspürt, weil da der Funke überspringt. Das ist es, was ich mir wünsche für dieses Jahr, aber auch für die nächsten Jahre."

Gleich am Eingang zur Ausstellung in Neuhardenberg hängt das Bild eines flötenspielenden Fauns, eine der berühmtesten Grafiken von Picasso aus dem Jahr 1948, die kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs entstanden ist. Sie wirkt hier wie ein Versprechen auf die Harmonie, die diese Schau mit ihren Kunstwerken beschwört.

Mehr Informationen zur Ausstellung finden Sie hier.

Sendung: Antenne Brandenburg, 02.04.2022, 08:20 Uhr

Beitrag von Sigrid Hoff

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