"World Press Photos 2022" in Berlin - Eindrucksvolle Bilder - mit schrecklichen Geschichten dahinter

Fr 20.05.22 | 14:09 Uhr | Von Oliver Kranz
Das Siegerfoto von Amber Bracker zeigt Holzkreuze, an denen Kleidung hängt in British Columbia (Quelle: World Press Photo)
Bild: World Press Photo

Die dominierenden Themen sind Gewalt, Kriege und menschliches Leid. Die Fotografien der neuen "World Press Photos"-Ausstellung in Berlin zeigen eine Welt, die aus den Fugen geraten zu sein scheint. Von Oliver Kranz

Große Holzkreuze, an denen Kleider von Kindern flattern, stehen auf einem Hügel zwischen braunem Gestrüpp. Der Himmel ist düster, doch ein Sonnenstrahl lässt die Kleider aufleuchten. "Das Bild ist von der kanadischen Fotografin Amber Bracken", sagt Julia Kozakiewicz, die Kuratorin der Ausstellung "World Press Photo", die bis 12. Juni im Willy-Brandt-Haus in Berlin zu sehen ist.

"Es ist das Welt-Pressefoto des Jahres, also das Gewinnerbild des Gesamtwettbewerbs. Aufgenommen wurde es in British Columbia", erklärt Kozakiewicz. In der Stadt Kamloops wurden im vorigen Jahr 215 Gräber mit den Überresten indigener Kinder gefunden wurden. Die Kreuze mit den Kleidern markieren laut der Kuratorin diesen Ort. "Die Kinder waren von den Behörden zum Schulbesuch gezwungen worden. Man wollte, dass sie sich assimilieren. Doch in der Schule wurden sie so schlecht behandelt, dass viele von ihnen starben."

Infos im Netz

Die Geschichte klingt schrecklich, doch das Foto ist eindrucksvoll – das Licht, die Farben, die Symbolik. Die Kreuze mit den Kleidern sehen wie Geister aus, die aus den Gräbern auferstanden sind. In Kanada wird darüber diskutiert, wie das Unrecht, dass den indigenen Kindern widerfuhr, wiedergutgemacht werden kann. Auch darauf verweist das Bild.

Wettbewerb neu kategorisiert

Bisher war der "World Press Photo"-Wettbewerb nach inhaltlichen Kategorien geordnet. Ausgezeichnet wurden die besten Nachrichtenbilder, die besten Sport-, Natur- oder Porträtfotos. In diesem Jahr gibt es zum ersten Mal ein neues System. Die Welt wurde in sechs Regionen aufgeteilt und für jede dieser Regionen gibt es Preise in vier Kategorien.

So soll verhindert werden, dass die Preise alle in dieselbe Region gehen. Und das funktioniert. "19 der 24 Gewinner sind lokale Fotografinnen und Fotografen", sagt die Kuratorin. "Das heißt, sie leben in den Ländern, in denen sie arbeiten. Und genau darum geht es uns. Die Einheimischen haben einen anderen Blick als die Stars, die von Land zu Land reisen und nur ein paar Tage am selben Ort bleiben." Es soll vor allem die Arbeit von Fotografinnen und Fotografen gezeigt werden, die den Kontext der Dinge, die sie aufnehmen, am besten kennen.

Spezielle Porträts mit Stickereien

Die ägyptische Fotografin Rehab Eldalil zum Beispiel lebte 15 Jahre mit Beduinen auf dem Sinai und hat gemeinsam mit ihnen sehr individuelle Fotoporträts geschaffen. Sie druckte die Bilder auf Leinwand und übergab sie den Menschen, die darauf zu sehen waren. "Rehab lud die Beduinen-Frauen dazu ein, die Fotos zu besticken", erzählt Julia Kozakiewicz.

"So sind sehr spezielle Porträts entstanden. Die Stickereien können Dinge verstecken oder auch hervorheben." Eine Frau hat mit der Stickerei die Konturen ihres Gesichts verändert, eine andere bei einer Aufnahme, die sie aus größerer Entfernung zeigt, Tiere hinzugefügt - alles sehr bunt und verspielt. Aus den Fotos sind magisch-realistische Kunstwerke geworden.

Bilder eines Massakers

Einen ganz anderen Weg geht die thailändische Künstlerin Charinthorn Rachurutchata. In ihrer Fotoserie "Der Wille sich zu erinnern" stellt sie Bilder eines Massakers, das sich 1976 an der der Thammasat-Universität Bangkok ereignete, neben die Fotos heutiger Proteste. "Wir müssen uns daran erinnern, was unser Land schon alles durchgemacht hat", sagt sie. "Nach dem Massaker 1976 folgte ein Staatsstreich. Das Militär wollte verhindern, dass das Land nach links driftet. An das Massaker darf offiziell nicht erinnert werden. Auch heute ist in Thailand eine Militärregierung an der Macht. Wir hatten so viele Massaker und Staatsstreiche. Das muss endlich aufhören in unserer Generation."

Charinthorn Rachurutchata unterstreicht diese Botschaft, indem sie die Fotos, die sie ausstellt, erst zerreißt und dann mit einem golden schimmernden Klebstoff wieder zusammen klebt. Sie spielt auf die jahrhundertealte Reparaturtechnik Kintsugi an, die aus Japan stammt.

"Vergangenheit und Gegenwart gehören zusammen"

Dort werden zerbrochene Porzellan- oder Keramikgefäße mit Hilfe einer metallischen Kittmasse wieder zusammengesetzt. "Da geht es um die Philosophie des Heilens", sagt die Fotografin. "Man kann Keramik reparieren, wenn man die Bruchstellen nicht als Makel, sondern als Muster sieht. Sie weisen auf die Geschichte des betreffenden Gegenstands hin. So ist es auch mit meinen Fotos. Ich habe sie aus Wut über das Massaker zerrissen, aber weil sie zur Geschichte meines Landes gehören, habe ich sie wieder zusammengeklebt. Die Vergangenheit und die Gegenwart gehören zusammen."

All das wird in der Ausstellung auf kleinen Texttafeln erklärt. Die Bilder sind mit so viel Bedeutung aufgeladen, dass man kaum alles auf Anhieb entschlüsseln kann. Doch darin besteht auch ein Reiz. Es wird nicht nur Presse-Fotografie geboten, sondern echte Konzeptkunst.

Sendung: rbbKultur, 20.05.2022, 16:10 Uhr

Beitrag von Oliver Kranz

Nächster Artikel