Interview | Gesangs- und Tanzwettbewerb in Berlin - "Fast jedes jüdische Kind kennt die Jewrovision"

Fr 27.05.22 | 13:51 Uhr | Von Sabine Prieß
Das Berliner Jugendzentrum "Olam" während ihres Auftrittes bei der Jewrovision 2019 (Bild: Zentralrat d. Juden in Dtl./Gregor Zielke)
Video: rbb24 Abendschau | 28.05.2022 | Arndt Breitfeld | Bild: Zentralrat d. Juden in Dtl./Gregor Zielke

Die Jewrovision - die größte jüdische Veranstaltung Deutschlands - findet am Freitag in Berlin statt. Jüdische Kinder und Jugendliche beweisen sich in einem Gesangs- und Tanzwettbewerb. Eine 19-jährige Berlinerin ist bereits zum siebten Mal dabei.

rbb|24: Hallo Frau Montscher (*), bei der letzten Jewrovision, die 2019 – also vor Corona – stattgefunden hat, war Berlin Sieger. In diesem Jahr ist die Hauptstadt auch Gastgeber. Sie selbst nehmen erneut mit der Berliner Gruppe teil. Was führen Sie auf?

Karina Montscher: Wir sind knapp 30 Leute, davon singen vier und der Rest tanzt. Ich bin eine der Sänger:innen. Wir haben zwei Lieder mit einem Übergang in ein Lied verwandelt. Das erste Lied ist "Survivor" von Destiny's Child und das zweite "Born This Way" von Lady Gaga. Wir haben daraus einen Act gemacht, der ist am Anfang etwas düster und episch. Wir zeigen, wie schlecht es uns in der vergangenen Zeit gegangen ist. Und das meinen wir gar nicht unbedingt nur auf Corona bezogen, sondern generell. Auch Antisemitismus ist gemeint. Und danach kommt ganz unerwartet ein sehr fröhlicher Song, der zeigen soll, dass man uns unterkriegen wollte, das aber nicht geschafft hat. Er zeigt, dass alles weitergeht und ist sehr bunt, fröhlich und laut.

Zur Person

Wer schreibt denn die Texte um?

Die Texte schreiben die Gruppen selbst. Bei der Bewertung geht es um den Auftritt selbst und um den Songtext. Jede Jewrovision hat ein eigenes Motto. Dieses Jahr ist das "The Show must go on". Wenn man sich dann als Stadt für die Jewrovision anmeldet, bekommt man die Anforderungen, die in den Texten behandelt werden könnten oder sollten. Je genauer man das Motto trifft und je logischer die Texte sind, desto besser ist das.

Das ist ja nicht Ihr erstes Mal als Teilnehmerin. Wie oft waren Sie insgesamt dabei?

Das erste Mal bin ich als Zuschauerin 2014 dabei gewesen. 2015 habe ich dann schon mitgemacht. 2016 dann nicht, habe aber zugeschaut. 2017, 2018 und 2019 war ich wieder aktiv dabei. Es ist also insgesamt mein siebtes Mal, dass ich das Event erlebe.

Wie bekannt ist die Jewrovision unter jüdischen Kids?

Ich denke, fast jedes jüdische Kind kennt die Jewrovision. Aber man darf nicht vergessen, dass es auch jüdische Kinder gibt, die nichts mit der Jüdischen Gemeinde zu tun haben. Die also weder auf eine jüdische Schule gehen, noch die Synagoge besuchen. Ob das Event auch bei ihnen so bekannt ist, weiß ich nicht. Aber unter all denjenigen, die auf eine jüdische Schule gehen oder auf jüdische Ferienfreizeiten fahren oder die sonst irgendwie in der Gemeinde aktiv sind, kann ich mir nicht vorstellen, dass es auch nur eine Person gibt, die das nicht kennt. Das ist ein sehr großes Ding.

Sie freuen sich also nicht nur auf Ihren Auftritt, sondern es ist auch ein großes Get-Together?

Auf jeden Fall. Für jüdische Kinder gibt es nämlich bundesweit zwei Ferienfahrten im Jahr, eine im Sommer, eine im Winter. Und nach der Sommerfahrt wollen sich alle immer unbedingt wiedersehen. Vor allem für Jüngere ist das nicht so einfach. Da ist die Jewrovision einer der Orte, wo man sich wiedersieht. Das Wort Get-Together beschreibt es perfekt.

Spielt neben Wiedersehensfreude, Musik und Tanz auch die Religion eine Rolle?

Die Religion spielt ein bisschen eine Rolle. Aber die meisten Kinder in der jüdischen Gemeinde sind, wie ich auch, Kinder von ehemaligen Sowjetunion-Bürgern. Und bei den meisten von ihnen ist die Religion leider sehr stark verloren gegangen. Stark religiös sind von uns Kindern daher nur die wenigsten. Aber dadurch, dass die Jewrovision über ein Wochenende stattfindet, und Freitag bis Samstag ja Schabbat ist, gibt es an beiden Tagen ein Gebet. Dafür muss man sich auch Schabbat-tauglich anziehen. Was für Mädchen bedeutet, einen Rock oder ein Kleid zu tragen, das bis über die Knie geht.

Und diese Gebete, die sind dann schon verpflichtend – da gehen dann alle hin?

Ja.

Ich kriege von vielen Freunden mit, dass die Eltern oder Großeltern ihnen nicht erlauben, eine Davidstern-Kette zu tragen.

Karina Montscher (*) aus Berlin (*Name von der Redaktion geändert)

Sollen zu der ganzen Veranstaltung auch nicht-jüdische Zuschauer kommen oder ist das eine Art Safe Space für jüdische Kids?

Die ganze Veranstaltung geht ja übers ganze lange Wochenende und findet diesmal in Berlin statt. Es nehmen immer nur jüdische Kinder teil. Aber für die Show am 27. Mai gibt es auch freiverkäufliche Tickets und da kann wirklich jeder, der will, gerne kommen.

Trifft es denn das Wort Safe Space ansonsten für Sie?

Ja! Vor allem in diesem Jahr, wo die Jewrovision im Estrel-Hotel in der Sonnenallee in Neukölln stattfindet. Ich weiß nicht, ob das so richtig safe wäre, wenn da mehrere tausend jüdische Kinder mitten durch Neukölln streifen würden.

Sie selbst sind Berlinerin. Wie geht es Ihnen damit? Leben Sie gern in Berlin?

Tatsächlich ja. Ich habe erst gestern mit einem Kommilitonen darüber gesprochen, dass ich mir absolut nicht vorstellen kann, aus Berlin wegzuziehen.

Tragen Sie offen Zeichen Ihrer Religion?

Ja, ich trage einen Davidstern als Kette. Aber gerade vergangenes Wochenende war ich Abends draußen mit Freunden in der Hasenheide unterwegs. Als wir im Anschluss über den Herrmannplatz liefen, habe ich die Kette aber unter den Pulli gesteckt.

Sie wollten anonym bleiben im Interview. Wie ist es mit Ihrem persönlichen Sicherheitsgefühl? Die antisemitischen Übergriffe nehmen ja zu in der Stadt. Sind Sie wegen Ihrer Kette schon einmal angesprochen, attackiert oder angemacht worden?

Nein, im wirklichen Leben nicht. Gott sei Dank. Ich kriege von vielen Freunden aber mit, dass die Eltern oder Großeltern ihnen nicht erlauben, eine Davidstern-Kette zu tragen. Aber so sieht ihnen auch niemand an, dass sie Juden sind. Und da ich auf ein jüdisches Gymnasium gegangen bin, ist da auch nie etwas passiert. Ich kann also für meine Welt sagen, dass da alles gut ist. Ich fühle mich sicher. Mir ist jedoch immer bewusst, dass etwas sein könnte.

Aber natürlich höre ich auch anderes. Tatsächlich scheint es vermehrt online Attacken zu geben. Und das ist ja ein globales Problem. Mir fällt kein Land ein, in dem es keinen Antisemitismus gibt.

Vielen Dank für das Gespräch.

(*) Name von der Redaktion geändert

Das Interview führte Sabine Prieß, rbb|24

Sendung: rbbKultur, 27.05.2022, 07:10 Uhr

Beitrag von Sabine Prieß

Nächster Artikel