Premierenkritik | Torsten Sträter im Admiralspalast - Live und ohne Mütze

Mo 23.05.22 | 09:01 Uhr | Von Hans Ackermann
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Torsten Sträter während einer Show in Bonn (Bild: dpa/Christoph Hardt)
Audio: rbb24 Inforadio | 23.05.2022 | Hans Ackermann | Bild: dpa/Christoph Hardt

Eine warme Wollmütze auf dem Kopf, dazu eine tiefe und kernige Stimme - Comedian Torsten Sträter zeigte sich am Sonntag im ausverkauften Berliner Admiralspalast zunächst in gewohnter Manier. Doch er legte auch ab. Von Hans Ackermann

Mit einer eigenen Fernsehshow, die immer Donnerstags unter dem Titel "Sträter" im Ersten zu sehen ist, gehört Torsten Sträter zu den derzeit beliebtesten Comedians. Was im Fernsehen in gut 45 Minuten schon sehr gut funktioniert, erweist sich im Berliner Admiralspalast bei vierfacher Länge und mit Live-Publikum sogar als noch besser.

Denn der 2020 mit dem Deutschen Comedy-Preis ausgezeichnete Sträter weiß, worauf es in seinem Fach ankommt und gesteht dem Publikum freimütig: "Wenn Sie meinen Humor lustig finden, haue ich solange in die Kerbe, bis Sie an der Stelle wund sind!"

Corona und Karies

In einer manchmal bitteren Mischung aus Spaß und Ernst, dazu Sarkasmus und Spott, fasst Sträter gleich zu Beginn des Programms die Entwicklung der letzen beiden Jahre kurz zusammen: "Wir haben aufgehört zu testen, Corona ist vorbei. Nächste Woche schließen die Zahnärzte und dann stirbt auch Karies aus. Ich freue mich schon drauf."

Corona taucht an diesem Abend immer mal wieder auf, die anderen, neuen Katastrophen, würde er heute lieber außen vor lassen, sagt Sträter. Schwierige Themen wie "Krieg" und "Affenpocken", die der Comedian dann aber doch genüßlich aufzählt, bis er dabei von verspätet eintreffenden Zuschauern jäh unterbrochen wird. Diese "Störung" baut der Live-Entertainer natürlich sofort in seine Show ein und grantelt gutgelaunt "Ich hoffe, Sie sitzen im Mittelbereich, ich sehe die Leute so gerne aufstehen."

Sonntagsvorstellung

Den gleichen Spaß zelebriert Torsten Sträter noch mehrmals, lässt schließlich sogar die Saalbeleuchtung einschalten. Damit auch die letzten Zu-spät-Gekommenen ihre Plätze finden - und vielleicht mal auf die Uhr schauen können. Denn sonntags würden Abendveranstaltungen auch schon mal um 19:00 Uhr beginnen, meint Sträter, richtig viel verpasst hätte man aber noch nicht. Er habe sich bisher nur aufgewärmt. "Damit ich ab 20:00 Uhr dann das richtige Programm erzählen kann."

Natürlich hat das "richtige" Programm schon um 19:00 Uhr begonnen, mit Themen, die keine sein sollen, vom Tornado über Paderborn bis zur Rente mit 70, mit launigen Bemerkungen über das Gendern oder den Unsinn der Silversterböller. Themen, über die der Comedian nicht sprechen will, dann aber wortreich genau das Gegenteil tut, sprachlich immer am schmalen Grat zwischen Hochkultur und dem Ruhrdeutsch seiner Heimat. Bei ihm könnten "wunderschöne Sätze wie Goethes 'Der Menschheit ganzer Jammer faßt mich an' konfliktfrei neben 'Das ist dem Uwe sein Schraubenzieher' stehen".

Hier grüßt einmal mehr das Vorbild aller Ruhrgebiets-Komik: Der 1994 gestorbene Jürgen von Manger, der als "Tegtmeier" in den Straßen von Herne unterwegs war, während Torsten Sträter 1966 in Dortmund geboren wurde und dort auch aufgewachsen ist.

Nicht nur lustig

Seit 2018 ist Torsten Sträter auch Schirmherr des gemeinnützigen Selbsthilfevereins Deutsche Depressionsliga. Über seine eigene Erkrankung hat er seitdem immer wieder in seinen Auftritten gesprochen, an diesem Abend aber lässt er dieses Thema aus.

Stattdessen präsentiert er nach gut zwei Stunden ein anderes, durchaus persönliches Detail: Wenn er die warme Wollmütze abnimmt und sich darunter kein einziges Haar befindet. Ein kluger Kahlkopf und begnadeter Wortkünstler, der sich an diesem Abend dann auch ohne Kopfbedeckung wohl fühlt, weil ein Wunsch aus den letzten beiden Jahren endlich in Erfüllung gegangen ist: "Ich hab die Hoffnung gehabt, dass ich eines Tages wieder Ihre Gesichter sehe, vielleicht in einem Palast, und wenn es geht in Berlin - vielen Dank!"

Sendung: Inforadio, 23.05.2022, 6.55 Uhr

Beitrag von Hans Ackermann

2 Kommentare

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  1. 2.

    Da habe ich doch glatt seinen Auftritt verpasst. Für mich ist Torsten Sträter nicht nur als Comedian ganz vorne in der Liga, sondern weil er auch ein sehr heikles Thema nämlich Depressionen angeschoben hat. Was nun wahrlich nicht jedermanns/Frau Sache ist. Die Freundschaft zu Kurt Krömer, den ich auch verehre macht ihn doppelt sympathisch.

  2. 1.

    Mein Lieblingscomedian. Keiner kann auch kritische Themen so herrlich verpacken.

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