"X Jazz" beginnt - Ein Berliner Festival will den Spaß am Jazz vermitteln

Mi 04.05.22 | 11:22 Uhr | Von Laf Überland
Archivbild: Der amerikanische Jazz-Trompeter Theo Croker im Essener Grillo-Theater. (Quelle: imago-images/Sven Thielemann)
Audio: Inforadio | 04.05.2022 | Laf Überland | Bild: imago-images/Sven Thielemann

Ist Jazz wirklich tot? Mitnichten, zeigt das Berliner Jazz-Festival "X JAZZ", das zum bereits achten Mal ausgerichtet wird. Von Mittwoch bis Sonntag bietet es von Avantgarde-Jazz über Elektronik bis Neoklassik ein breites Spektrum. Von Laf Überland

Seit beinahe einem halben Jahrhundert geistert wie eine Beschwörungsformel der Satz "Jazz ist tot" durch die Postillen der Musikkritik und die Stammtische der kulturellen Reinheitspolizei. Und natürlich war der Satz stets falsch.

Aber auch wenn im Genre-Becken des Jazz durchaus noch Leben wimmelte, wurde dies unter der seit Jahrzehnten üblichen Präsentationsform in der Art von Treffen von Traditionsvereinen immer wieder verschleiert. Und wenn sich jüngere Jazz-Freunde über die altbackenen Inhalte der von öffentlicher Hand subventionierten Festivals beschwerten - oder über die immer gleichbleibende Auffassung von Jazz an sich - wo Jazz doch eine der in stetem Wandel begriffene Art zu musizieren ist -, dann fiel die Antwort derer, die das Sagen hatten bei der Vergabe von Geldern und Sendezeit, meist gleichbleibend bieder aus: Sollen sie es doch selbst machen! Das interessiert sowieso niemanden.

Auf Anhieb das größte Jazzfestival Berlins

Aber 2014 machten sie es dann selbst. Aus dem vor Druck und Überdruss zischenden Kessel der Begeisterung für jazzverwandte Formen taten sich ein paar Musiker:innen und sonstwie Interessierte zusammen und schufen in wenigen Monaten das erste "X Jazz"-Festival (eigene Schreibweise: "XJAZZ!"). Zunächst nur als Spielwiese für vor allem in Berlin lebende und arbeitende Künstler in ungewohnten Konstellationen. Trotzdem kamen mehr als 10.000 Zuschauer zu den 48 Konzerten.

Damit hatten die Neulinge mit den vermeintlich spinnerten Ansichten auf Anhieb das größte Jazz-Festival der Stadt aus dem Boden gestampft. Was viele ältere Jazz-Konsumenten irritierte, war die Einbeziehung von elektronischer Musik - und der ausdrückliche Wert von Spaß und Unterhaltung. Dabei war Jazz doch letztendlich aus reiner Unterhaltungsmusik entstanden, als der kleine Louis Satchel Mouth Armstrong sein verbeultes Kornett in seiner Blaskapelle vor den Lippen schwang.

XJAZZ! für die Ukraine

Natürlich bedenkt das Festival auch die geistesverwandten Musiker in der Ukraine - mit Konzerten Geflüchteter und mit Audio/Video-Kollaborationen zwischen Musikern im Kriegsgebiet und solchen in Berlin; aus den Aufnahmen soll ein Album entstehen, dessen Erlös ukrainischen Waisenkindern zu Gute kommen soll.

"Es gibt keine Stilgrenzen mehr"

Bei "X JAZZ" stand deshalb der Spaß am Musizieren im Vordergrund - und der am Ausprobieren und an der Nähe des teilnehmenden Publikums. Deshalb - und auch, weil für teure Mieten kein Geld da war - wurde das Programm nicht protzig in Konzertsälen vor bequem sitzenden Connaisseurs abgespult, sondern alles fand in Clubs statt, genau wie an Tanzabenden. Also genau dort, wo Zuschauer den Prozess, die Gemeinschaft und die Freude unmittelbar spüren und die Schweißtropfen von der Stirn des Trommlers die vorderen Zuschauer treffen können, wenn er beim Wirbel über alle Toms den Kopf herumreißt.

Dass die "X JAZZ"-Macher längst nicht mehr zu den exotischen Besserwissern gezählt werden, zeigte sich übrigens vorige Woche, als sie für das Festival des Jahres den Deutschen Jazz-Preis erhielten.

In der diesjährigen Ausgabe reicht das musikalische Spektrum von außerregulären Projekten Berliner Musiker bis zum Grammy-nominierten amerikanischen Trompeter und Sänger Theo Croker, dessen Musik immer auch politisch gedacht und gefühlt ist. Die Albumtitel "Afro Physicist", "Escape Velocity", "Star People Nation" und "BLK2LIFE || A FUTURE PAST" sprechen für sich, wobei der immer sehr stylish gekleidete Croker erleuchtet scheinende Interpretation von Funk, Post-Bop und Fusion liefert. "Es gibt keine Stilgrenzen mehr. Man schätzt sich und hat Spaß zusammen", fasst Kurator Sebastian Studnitzky die Seele dieser Musik zusammen: Avantgarde-Jazz, Live-Elektronik, Soul, Neoklassik, sogar Singer-Songwritertum und Rock funktionieren im steten Crossover.

Die künstlerische Freiheit feiern

Man kann sie hier gar nicht alle aufzählen, die an die 80 Acts, die dann in dieser Woche in im Lido, der Emmauskirche, im Festsaal Kreuzberg, Privatclub, Bi Nuu, Fluxbau, Monarch und weiteren Locations auftreten. Da gibt es experimentelle Klangereignis-Forschung mit der amerikanischen Improvisatorin Angel Bat Dawid und groovigen Popjazz mit der deutschen Band The KBCS, Cosmic-Fusion-RnB-Pop mit dem britischen Multitalent Emma-Jean Thackray und lustigen Sufi-Dubstep mit den Sufi Dub Brothers Ashraf Sharif Khan & Viktor Marek.

Unbeschreibliche Mixturen wie die das High-Energy-Trio Hang 'em High (mit zweisaitiger Bassgitarre an allerhand Elektronik, Kontrabass-Klarinette und einer Höllenmaschine von Dums) wechseln mit der Elektro-Harfenistin Sissi Rada oder asiatischem Psychedelicfunk und Disco-Tropicália von YIN YIN.

Zu den Stars des Festivals zählen neben Theo Croker auch der israelische Trompeter Avishai Cohen, dann das aktuell ziemlich gehypte Londoner Unikum Alabaster DePlume, der zu meist recht simpler Instrumentalmusik naiv-berührende Texte und Dialoge spricht, und schließlich der Amerikaner José James,. Der singt als sehr einfühlsamer Jazzsänger mit einer Stimme wie aus Butter gegossen geradezu alles, was ihm gefällt: von Tribute-Alben an Billie Holiday, John Coltrane oder Bill Withers über Hiphop, Soul und RnB, Rahssaan Roland Kirk und Radiohead, Nina Simone und Flying Lotus bis hin zu gelegentlich Hardrock-Ausflügen. "I celebrate my artistic freedom and I want to invite the world to do the same", sagt José James. Und das könnte auch über dem "X JAZZ"-Festival stehen.

Beitrag von Laf Überland

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