Konzertkritik | Charli XCX in Berlin - Großer Popstar auf kleiner Bühne

Di 31.05.22 | 13:45 Uhr | Von Christopher Ferner
Archivbild: Chali XCX am 18. Juni 2021 in Miami, USA (Quelle: dpa/Capital Pictures)
Bild: dpa/Capital Pictures

Charli XCX galt mit ihrem experimentierfreudigen Sound lange Zeit als Liebling vieler Musikritiker. Ihr aktuelles Album "Crash" hingegen ist massentauglicher Pop. Den präsentierte sie jetzt in Berlin - und überzeugte. Von Christopher Ferner

Die Besucher:innen der Szeneclubs Berlins nehmen sich gerne mal einen Ticken zu ernst. Wenn die DJs ihre Techno-Sets mit zuckersüßen Pop-Songs bereichern, regt sich in der Menge oft - nichts. Die meisten dürften zwar die Lyrics von Britney Spears, Christina Aguilera und Co. kennen, doch mitsingen und damit zugeben, dass auch Mainstream Spaß machen kann, wollen scheinbar nur die wenigsten.

Das Publikum im Astra-Kulturhaus auf dem Berliner RAW-Gelände ist von den Besucher:innen des Berghains oder About Blanks - zumindest rein optisch - kaum zu unterscheiden. Es ist jung, hip, queer und trägt geschlechtslose Kleidung. Gekommen sind sie alle aber nicht, um sich wummernden Techno Beats hinzugeben, sondern für Sängerin Charli XCX - und die serviert schamlosen Mainstream-Pop vom Feinsten.

Die Krankenakte als Mitbringsel auf der Bühne

Die gebürtige Britin tour derzeit mit ihrem fünften Studio-Album "Crash" - nach Stationen in den USA - durch Europa. Dass die 29-Jährige an diesem Tag auf der Bühne des Astras steht, ist allerdings keine Selbstverständlichkeit. Wegen einer Racheninfektion musste sie ihre Konzerte in Utrecht und Brüssel absagen. Um ihren Fans zu beweisen, dass sie auch wirklich krank war, hatte die Sängerin eine Nahaufnahme ihres feuerroten Rachens auf Instagram gepostet. Auch wenn sie laut eigenen Angaben nicht wieder komplett fit ist, steht die 1,60 Meter große Frau pünktlich zum ausverkauften Berlin-Auftritt wieder auf der Bühne.

Das Publikum als Background-Sänger

Charli XCX eröffnet ihr Konzert mit einem der stärksten Songs des neuen Albums. "Lightning" ist eine Wucht mit absolutem Ohrwurm-Charakter. Bevor die Sängerin zum Refrain des Liedes übergeht, fragt sie: "Berlin, are you ready?" Und das Publikum ist sowas von ready. Es schmeißt die Arme in die Luft, springt und tanzt. Und es ist, obwohl das Album erst im März veröffentlicht wurde, absolut textsicher. Dass ihre Fans die Lyrics bereits auswendig können, erweist sich vor allem für die Sängerin immer wieder als nützlich. Denn ihre angeschlagenen Stimmbänder brauchen bei den 20 Liedern, die sie insgesamt performt, immer mal wieder eine Pause. Macht aber auch nichts, denn der Show tut das keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil: Das kollektive Mitsingen wirkt wie ein Stimmungs-Booster.

Tanzeinlagen auf Antibiotikum

An ihren Tanzeinlagen scheint Charlotte Aitchison, wie sie mit gebürtigem Namen heißt, trotz Antibiotika-Einnahme nicht gespart zu haben. Gemeinsam mit ihren zwei durchtrainierten, halbnackten Background-Tänzern gibt sie in ihrem Lederbody alles, bleibt bei ihren fast durchgängig tanzbaren Songs immer in Bewegung. Die Menge dankt ihr mit tosendem Applaus und "Charli"-Sprechchören.

Davon, dass die Sängerin von ihren Fans hier im Astra unterschätzt wird, kann nicht die Rede sein. Dass Charli XCX allgemein eine unterschätzte Künstlerin sei, schien sie selbst früher zumindest noch zu glauben. "I think I’m underrated", tweetete die Sängerin und Songwriterin, in ihrer gewohnt selbstironischen Art, 2018 noch auf Twitter.

Zwar konnte die Britin bereits damals internationale Erfolge aufweisen. So hatte sie den Hit "I Love it" von Icona Pop geschrieben und kommerziell erfolgreiche Lieder wie "Boom Clap" und "Boys", die sie auch im Astra performte, veröffentlicht. Für einen Platz im Pop-Olymp neben Lady Gaga, Dua Lipa und Rihanna reichte es bisher allerdings nicht.

Ein aufsteigender Popstar

Mit "Crash" ist sie dem allerdings ein ganzes Stückchen näher gekommen. Ihr fünftes Studioalbum hatte im Vereinigten Königreich Platz eins der Charts belegt, in den USA, dem weltweit wichtigsten Musikmarkt, immerhin Platz sieben. Ihren Underground-Pop hat sie für diesen Erfolg allerdings auch ordentlich glatt gebügelt.

Der Sound ihrer älteren Alben ist experimentierfreudiger und kantiger. Mit diesem hat sich Charli XCX in die Herzen der mainstream-skeptischen Musikkritiker:innen gesungen. "Crash" hingegen wurde vom Feuilleton als ihr schwächstes Album gebrandmarkt. Dafür ist es allerdings ihre kommerziell erfolgreichste Platte.

Pop, der auch in großen Hallen funktionieren kann

Zudem funktionieren ihre Songs auf der Bühne wunderbar. Während sie den Refrain von "Baby" singt, achtet man nicht auf die Belanglosigkeit der Textzeilen ("I'ma make you my, I'ma make you my I'ma make you my, I'ma make you my baby"), sondern tanzt und singt mit. Das Highlight des Albums hat sich die Musikerin für den Schluss des Konzerts aufgehoben: "Good Ones" ist ein Super-Ohrwurm, zu dem man einfach tanzen muss.

Es ist also gut möglich, dass es Konzerte wie das im Astra in Zukunft nicht nur aufgrund des anstehenden Umbaus des RAW-Geländes nicht mehr geben wird, denn Charli XCX liefert nicht nur Songs mit Ohrwurm-Charakter, sondern auch eine Show, die einfach Spaß macht. Und da Popmusik von diesen beiden Zutaten lebt, könnte es sein, dass sich die Sängerin in Zukunft nach größeren Konzerthallen umschauen muss.

Sendung: Fritz, 31.05.2022, 8:00 Uhr

Beitrag von Christopher Ferner

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