Konzertkritik | Yungblud im Tempodrom - Der geliebte Außenseiter

Yungblud bei einem Konzert am 30. April (Quelle: NurPhoto/Nuno Cruz)
Audio: Inforadio | 10.05.2022 | Jakob Bauer | Bild: NurPhoto/Nuno Cruz

Der Brite Yungblud alias Dominic Harrison ist in wenigen Jahren zu einem Popstar aufgestiegen. Am Montagabend war er im Berliner Tempodrom zu Gast. Jakob Bauer hat eine kraftvolle Show gesehen - und war trotzdem etwas irritiert.

Wenn bei Konzerten das Licht ausgeht, heißt das: Jetzt geht’s los! Nicht so bei Yungblud. Das Licht im Berliner Tempodrom geht zwar aus, der riesige schwarze Vorhang bleibt aber zunächst noch vor der Bühne hängen. "Yungblud"-Sprechchöre füllen das Tempodrom, aus einzelnen Besuchern wird jetzt eine Einheit, die auf ihren Helden hin fiebert. Ein Zittern geht durch die Menge, das sich in Euphorie auflöst, als der Vorhang nach fünf Minuten fällt und im gleißenden Licht – einer Messias-Figur ähnlich – endlich er da steht: Yungblud.

19 Jahre Freak und Weirdo

Das klingt jetzt vielleicht erstmal etwas drüber, aber an diesem Abend ist nun mal alles auf elf gedreht. Yungblud, mit kurzer Hose, Karo-Jackett, Mick-Jagger-Gedächtnis-Schnute und überhaupt ziemlich ausladender Gestik und Mimik, ist kein Typ der leisen Zwischentöne, sondern der Lautstärke. Er hegt eine offene Aggression gegen eine Gesellschaft, die ihn "19 Jahre lang als Freak und Weirdo" bezeichnet hat, wie er erzählt, und er schleudert dieser Gesellschaft einige "Fuck You" entgegen.

Viel wichtiger ist aber, dass er nicht nur gegen "die" schießt, sondern er ist auch ganz nah an seinen recht jungen Fans dran. Yungblud erzählt davon, wie auch er das Gefühl hatte, keiner auf der Welt verstehe ihn, wie er als Außenseiter gegängelt wurde, die Aufforderung ins entrückt begeisterte Publikum lautet: "Sei wer du bist, verdammt nochmal!" Und dann rennt er in einem dreiminütigen Song gefühlte vier Kilometer über die Bühne, schreit 200 Mal "Jump" und schafft es auch noch zu singen, zu schreien, zu fauchen. Chapeau!

Wie ein auf einen ICE geschnallter Schwertransport

Es ist ein Abend, der sich ganz wunderbar dazu eignet, aus der zwei Jahre lang gepflegten Corona-Lethargie auszubrechen. Verschwitzte Körper, wildes Tanzen, das große Gemeinschaftsgefühl, wenn sich Tausende fremden Menschen ein paar Stunden lang verbinden – das ist das Ziel von Yungblud und deswegen ballert der Engländer auch durch dieses Konzert wie ein Schwertransport, der auf einen ICE geschnallt ist.

Schon beim dritten Song erklärt er den Moshpit für eröffnet, die Zuschauer bilden also einen Kreis und rennen aber nicht nur wild aufeinander zu, sondern schlagen Räder und Purzelbäume, einer macht sogar einen Rückwärtssalto aus dem Stand. Das Hochgefühl, das Yungblud hier erzeugt ist allererste Sahne.

Welcher Außenseiter?

Allerdings wartet der Abend auch mit einer leichten kognitiven Dissonanz auf. Da ist jetzt also dieser Typ, der es offensichtlich geschafft hat, der sich leidenschaftlich feiern lässt und das genießt. Der aber trotzdem Lieder singt, in denen es heißt "Ich bin nur ein Flohsack, keiner liebt mich" und der auch den Begriff der "Freakshow" für sich umarmt. Nun, eine Freakshow ist das aber dann halt beim besten Willen nicht, sondern eine State-of-the-Art-Pop-Rock-Show.

Musikalisch eine Mischung aus fetten Beats, dicken Gitarren-Riffs, Sprechgesang und Pop-Melodien. Dazu die klassischen Rockstar-Markenzeichen: Riesige Verstärkerwände, Bier in die Menge schütten, Fans auf die Bühne holen, Publikum dirigieren. Der Mittelpunkt von allem ist dieser schöne, junge Mann, der so toll singt und dem alle zujubeln. Ein geliebter Außenseiter.


Es ist Yungblud abzunehmen, dass er all seine Botschaften ernst meint und ebenso, dass er für seine Fans ein starker Halt ist, Mut und Selbstbewusstsein schenkt. Das Konzert ist Empowerment in Reinform und Yungblud bezeichnet alle gemeinsam als große Familie. Im vollgestopften Tempodrom wirkt das andauernde Beharren auf die eigene Außenseiterposition, inklusive des Ich-bin-einer-von-euch-Mantras dann aber doch künstlerisch etwas ermattend. Die pure Wucht der Show hingegen ist durchgängig immens.

Sendung: Inforadio, 10.05.2022, 6:55 Uhr

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