Große Häuser in Berlin gut besucht - Boulevard- und Kleinkunstbühnen klagen über niedrige Besucher-Zahlen

Fr 20.05.22 | 13:48 Uhr | Von Cora Knoblauch
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Archivbild: Das Renaissance-Theater in der Knesebeckstraße. (Quelle: dpa/J. Kalaene)
Audio: rbb24 Inforadio | 18.05.2022 | Cora Knoblauch | Bild: dpa/J. Kalaene

Nicht ausverkaufte Premieren, schleppender Ticketverkauf selbst beim Theatertreffen: Auch nach dem Ende der meisten Corona-Maßnahmen fehlen vielen Theatern die Zuschauer. Allerdings gibt es Ausnahmen. Von Cora Knoblauch

"Deprimierend" sehe es aus, sagt Heiko Werning, Mitglied der Lesebühnen Brauseboys und Reformbühne Heim & Welt. Auf höchstens 50 Prozent Auslastung im Vergleich zu vorpandemischen Zeiten kämen die Lesebühnen derzeit, oft käme sogar nur ein Drittel der früheren Besucher, so Werning.

Die Bar Jeder Vernunft und das Tipi am Kanzleramt berichten ähnliches. "Wir liegen derzeit circa 30 bis 40 Prozent unter dem Durchschnitt der letzten Jahre", sagt die Pressesprecherin der Bar Jeder Vernunft, Sabine Wenger. "Von stabil kann leider noch nicht die Rede sein."

Auch Martin Woelffer, Intendant der Komödie am Kurfürstendamm, klagt: "Wir bemerken schmerzlich, dass das Publikum noch nicht so selbstverständlich ins Theater geht, wie vor der Pandemie. Außer unserem Hit 'Mord im Orientexpress' laufen alle anderen Vorstellungen unterdurchschnittlich. Das ist besonders für die Privattheater existentiell bedrohlich. Ich habe immer gesagt, dass Corona-Hilfen bis zum Ende der Krise gezahlt werden müssen. Die Krise ist noch nicht zu Ende."

Trotz allgemein gelockerter Corona-Maßnahmen und sinkender Inzidenzen findet ein Teil des früheren Publikums offenbar noch nicht zurück in Comedy-Veranstaltungen, Varieté, Lesungen, Chanson-Abende und Boulevard-Theater. Selbst das Theatertreffen vermeldete einen zunächst schleppenden Ticketverkauf. Die Besucher kauften ungewöhnlich kurzfristig ihre Tickets, oft waren die Premieren erst am Abend selbst ausverkauft.

Stammpublikum kommt, Gelegenheitsbesucher bleiben weg

Das Renaissance-Theater in Charlottenburg führt regelmäßig Publikumsbefragungen durch. Dass man - bislang - im Theatersaal noch weiterhin Maske tragen muss, scheint das Publikum nicht zu stören; die Befragten würden sich sehr zufrieden mit den Hygiene-Bestimmungen des Hauses äußern, sagt Sprecherin Azizeh Nami.

Thomas Renz, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kulturelle Teilhabeforschung (IKTF), kann diese Zufriedenheit der Theaterbesucher bestätigen: "Spannend ist, dass diejenigen, die ins Theater kommen, sehr zufrieden sind. Aber es bleiben immer noch Teile des bisherigen Publikums weg, unter anderem aus Besorgnis und Vorsicht. Und es fehlen im Kulturbetrieb aktuell immer noch die internationalen Berlin Besucher:innen."

Das IKTF führt seit 2019 und auch während der Pandemie repräsentative Befragungen durch zur kulturellen Teilhabe der Berliner und Berlinerinnen. Renz stellt fest: "Es kommen vor allem die Stammgäste. Bei denen war keine Entwöhnung feststellbar, sondern eher ein Entzug. Also die sind froh, wieder was anschauen zu können. Gleichzeitig sind die spontanen Besucher, die Gelegenheitsbesucher, die, die sich eben nicht langfristig ein Wochenende blocken, eher seltener gekommen."

Hinter der Tatsache, dass das Haus derzeit nur auf eine Auslastung von nur 40 Prozent kommt, vermutet das Renaissance-Theater auch eine Entwöhnung vom Medium Theater: "Die 'Lust auf Theater' ist zurückgegangen. Das spüren wir auch durch den Rückgang unserer Abonnenten," stellt Sprecherin Azizeh Nami fest.

Wer früher 100 Zuschauer hatte, hat nun fast keine mehr

Für kleinere Spielstätten wie das Mehringhof-Theater ist die derzeitige Situation nicht nur frustrierend, sondern existenzbedrohend. An manchen Abenden habe sein Haus nur zwei bis drei Ticketvorbestellungen, sagt Christian Luschtinetz vom Mehringhof-Theater. Und er zitiert Kabarettist Horst Evers: "Die, die vorher 1.000 Zuschauer hatten, haben jetzt 800. Die 800 hatten: 500. Die 500 hatten, haben 250. Und die 100 hatten, haben nun gar keine Zuschauer mehr." Auch Horst Evers, der sonst für ausverkaufte Shows sorgt, bekommt derzeit sein Publikum nicht mehr wie gewohnt zusammen. Andere lokale Größen wie Ahne, Manfred Maurenbrecher und Sebastian Krämer performen zurzeit ebenfalls vor halbleeren Sälen.

Regelmäßig müssten Veranstaltungen wegen des schlechten Ticketverkaufs abgesagt werden, sagt Luschtinetz. Wenig oder kaum geförderte Kleinkunstbühnen konnten demnach in den vergangenen Monaten einen geregelten Veranstaltungsbetrieb, gerade im Februar und März, als viele Menschen erkrankten, schwer aufrechterhalten.

Kaum Schwund beim klassischen Sprechtheater

Das in der Regel gut subventionierte Sprechtheater und die renommierten, großen Stadttheater sind in Berlin dagegen nicht vom Publikumsschwund betroffen. Über schlecht verkaufte Premieren möchten sich weder die Schaubühne noch das Berliner Ensemble, noch das Deutsche Theater (DT) beschweren. Alle drei Häuser schauen sehr zufrieden auf die nun fast abgespielte Saison zurück.

DT-Intendant Ulrich Khuon kann Beschwerden wie die von Regisseur Christopher Rüping nicht nachvollziehen. Der hatte kürzlich via Twitter moniert, zum ersten Mal in seiner Karriere eine Premiere in Hamburg nicht vorab ausverkauft zu haben. Dem rbb sagte DT-Intendant Ulrich Khuon dazu: "Diese Beleidigte-Leberwurst-Mentalität von Theatermenschen, die plötzlich sagen, "Meine Premiere ist nicht voll", finde ich völlig deplatziert. Wir sind für unser Publikum selbst zuständig. Und da müssen wir eben auch Wege finden, und nicht indem wir sagen, die Leute wollen es alle einfach haben oder so, das stimmt ja überhaupt nicht. Aber wir müssen mit einem wachen Publikum auch selber wach umgehen."

Auch Thomas Ostermeier betont, dass sich sein Haus stark an den inhaltlichen Forderungen des Publikums orientiere: "Wir machen Theater fürs Publikum. Also die Frage nach nachvollziehbaren Charakteren, nachvollziehbarer Handlung, inhaltliche Anliegen, gesellschaftliche und politische Fragen, das ist das, was wir versuchen an der Schaubühne." Offenbar erfolgreich. Sein Haus habe in der Spielzeit 2021/2022 eine durchschnittliche Auslastung von mehr als 90 Prozent, sagt Ostermeier.

Das Berliner Ensemble konnte seine durchschnittliche Auslastung in der aktuellen Spielzeit gegenüber 2018/19 sogar noch erhöhen. Im April 2022 kam das Theater am Schiffbauerdamm auf knapp 88 Prozent Auslastung. Viele der neueren Produktionen wie die "Dreigroschenoper", "Mein Name sei Gantenbein" und "Phaidra" schaffen es auf knapp 100 Prozent. Aber auch kleinere Produktionen wie "It's Britney, Bitch" kommen auf knapp 98 Prozent Auslastung. Eine Entwöhnung des Publikums kann man im BE also nicht feststellen.

Streaming-Dienste machen Theater Konkurrenz

Dass sich manch ein treuer Theaterbesucher während der Pandemie in Streaming-Dienste und spannende Serien auf dem Sofa verabschiedet haben könnte, kann Schaubühnen-Chef Thomas Ostermeier für sein Publikum nicht feststellen, würde es aber grundsätzlich niemandem verübeln: "Wir sind ein erzählendes Medium. Da stehen wir natürlich in einer Konkurrenz zu Streamingdiensten. Aber die Konkurrenz besteht nicht nur darin, dass ich auf dem Sofa sitzen bleiben kann und das Bier aus dem eigenen Kühlschrank kommt, sondern auch darin, dass in diesen Serien eine ganz bestimmte Erzählung, mit einer breiten Auffächerung an Charakteren und Erzählformen gemacht wird. Und wenn man sich das eine Weile angeschaut hat und dann in den Großteil deutscher Theater geht - sorry - da wäre ich dann auch raus."

DT-Intendant Ulrich Khuon kann die aktuelle Diskussion einiger Regisseure um ein möglicherweise entwöhntes oder misstrauisches Theaterpublikum nicht verstehen: "Dass die Situation schwierig ist, ist ja eine Grundbedingung für Kultur überhaupt. Kultur zu machen, ist eben kein einfacher Vorgang. Genau das macht uns ja seit Jahrzehnten Spaß, dass es schwierig ist. Und gerade macht es besonders viel Mühe."

"Wir fühlen uns wie die Trümmerfrauen des Kulturbetriebs"

Warum dem eher hochkulturigen, klassischen Theater das Publikum auch während der Pandemie treu geblieben ist, während Boulevard- und Kleinkunstbühnen unter einem signifikantem Publikumsschwund leiden, darüber kann das Institut für Kulturelle Teilhabeforschung (IKTf) vorsichtig Antwort geben.

"Es fällt schon auf, dass die Theater mit populären, in der Regel lustigen Stoffen, ein vielfältigeres Publikum in Bezug auf Lebensstile haben, als die klassischen Theater", sagt Thomas Renz vom IKTF. "Das heißt, die Theater mit den Komödien erreichen mehr Lebensstile mit mittlerem und niedrigeren Ausstattungsniveau, wohingegen die klassischen Theater vor allem Lebensstile mit hohem Ausstattungsniveau erreichen." Kurz: Das Mehringhof-Theater und das Tipi am Kanzleramt haben mehr Gäste, die derzeit aufs Geld schauen müssen oder glauben, dass sie es müssen.

Außerdem habe eine Bevölkerungsbefragung 2021 ergeben, "dass vor allem jene Lebensstile in Bezug auf Covid-19 stärker mit Rückzug reagierten, deren kulturelle Teilhabe auch vor der Pandemie eher gering ausfiel", sagt Renz. "Und das sind eben Lebensstile mit mittlerem und niedrigeren Ausstattungsniveau. Wenn nun diese Gruppen in Theatern mit 'leichter Kost' stärker vertreten waren, dann ist es eine nachvollziehbare Folge, dass diese Theater jetzt einen größeren Publikumsschwund spüren, als die klassischen Einrichtungen," folgert Renz. Generell erwartet das IKTF aber eine baldige Erholung der Besucherzahlen, vor allem auch, wenn der Berlin-Tourismus wieder anzieht.

Für kleinere Häuser wie das Mehringhof-Theater oder selbstverwaltete Autorenzusammenschlüsse wie die Lesebühnen, die ohne öffentliche Förderung und ohne Unterstützung durch ein größeres Haus arbeiten, heißt es nun: durchhalten und weitermachen. Heiko Werning von der Lesebühne Brauseboys fühlt sich die derzeitige Situation an wie die Anfänge seiner Lesebühne vor 25 Jahren: "Es braucht jetzt ganz viel Aufbauarbeit. Wir fühlen uns ein bisschen wie die Trümmerfrauen des Kulturbetriebs."

Die Kultur ist da, aber die Krise ist für viele Kulturschaffende noch lange nicht vorbei.

Sendung: rbb24 Inforadio, 18.05.2022, 14:55 Uhr

Beitrag von Cora Knoblauch

7 Kommentare

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  1. 7.

    Tja,nun ist die Frage,wer in der Mehrheit ist. Wenn ich meine Beobachtungen verallgemeinern müsste,würde ich sagen,die meisten haben keine Lust mehr auf die Maske.

    Aber die Maske wurde als Grund ja schon ausgeschlossen. Man hat schließlich das anwesende Publikum befragt,das offensichtlich keine Probleme hat diese zu tragen. Ja Logik ist was feines..

    Ich persönlich gehe nirgends hin,wo dieser Unfug noch Vorschrift ist.

  2. 6.

    ... und ich gehe genau wegen der (zumindest in den großen Häusern) noch üblichen Maskenpflicht in diese Häuser.

  3. 5.

    Tja die niedrigen Zahlen liegen wohl an der Wirtschaftslage in Deutschland, wo Kartelle seit 25. Februar so richtig abzocken, es ist Krieg - die Preise hoch!!!, überprüft eh keiner. In der Kultur ist dann eben Flaute, Essen kaufen und Tanken haben Priorität!

  4. 4.

    Das ist vollkommen richtig, man kann sein Geld nur einmal ausgeben. Da die Lebenshaltungskosten immer weiter steigen muss man sich genau überlegen wofür man nebenbei noch etwas ausgeben kann.

  5. 3.

    Ich wollte letzten Freitag in ein kleines Theater.
    Ich wurde darauf hingewiesen, dass ohne aktuellen negativen Test kein Einlass möglich ist.

    Na dann halt ohne mich.

  6. 2.

    Auch wenn ich als sehr kulturbegeisterter Mensch mit einem über dem Durchschnitt liegenden Gehalt es mir heute noch leisten kann, regemäßig ins Theater oder die Oper zu gehen, schrecken mich einige recht hohe Eintrittspreise ab. Wie lange ich mir dieses Privileg noch gönnen kann, werden letztlich die immer steigenden Lebenshaltungskosten bestimmen. Mann kann sein Geld nur einmal ausgeben.

  7. 1.

    Ich habe Tickets für das Renaissance-Theater storniert WEGEN der Maskenpflicht am Platz. Ich halte dies aus verschiedenen Gründen für absurd und möchte mich im Theater nicht wie im OP-Saal fühlen müssen. Bei 75000 im Olmpiastadion und sehr engem Einlass und entsprechendem Ausgang musste ich keine tragen....ich werde jedenfalls nicht dazu beitragen, die Maske als künftiges Alltags-Acessoir zu unterstützen.

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