Theaterkritik | Doppel-Premiere im Gorki - Erst rasanter Boulevard - dann die reine Qual

So 29.05.22 | 10:33 Uhr | Von Fabian Wallmeier
Maryam Abu Khaled, Aysima Ergün in Operation Mindfuck (Quelle: Ute Langkafel MAIFOTO)
Bild: Ute Langkafel MAIFOTO

Doppel-Premierenabend im Berliner Gorki: Erst gab es am Samstag mit "Operation Mindfuck" eine rasante Komödie über Verschwörungsmythen. Und dann mit "Ground Control" eine hilflose "szenische Installation", die einfach nicht aufhören wollte. Von Fabian Wallmeier

Was, wenn alles mit allem zusammenhängt? Oder zumindest aller Verschwörungs-Unfug mit allem anderen Verschwörungs-Unfug? Das spielt die Hauptfigur in "Operation Mindfuck" durch, einer von zwei Premieren am Samstagabend im Berliner Maxim-Gorki-Theater.

Alice (Aysima Ergün) ist frisch in ihrem neuen Job in einer Troll-Fabrik, die gezielt Zwist im Internet streut. Von ihrer Chefin Erin (Orit Nahmias) bekommt sie nach ersten Erfolgen den ganz großen Auftrag, diese ultimative Verschwörungstheorie zu erfinden und zu streuen. Der 11. September, Corona, George Soros, die Pyramiden, das Weltwirtschaftsforum, pädophile Reptilien, der Vatikan - alles hängt mit allem zusammen.

Alice wird sich in diesem Irrsinn verlieren, so viel ist von Anfang an klar: Sie flüstert verstört im Halbdunkel in ihr Handy. Seit drei Tagen halte sie sich versteckt und nehme nun dieses Video auf - auch wenn sie noch nicht wisse, an wen sie es denn überhaupt noch schicken könne.

Boulevard sprüht Funken

Doch gleich im Anschluss an diesen unheilschwangeren Auftakt gehen Regisseurin Yael Ronen und ihr Co-Autor, Ex-Ensemblemitglied Dimitrij Schaad, in die Vollen. Die beiden haben aus dem Verschwörungs-Thema eine funkensprühende politische Boulevard-Komödie gestrickt - und Ronen hat sie wie immer unter Volldampf inszeniert.

Ein Exkurs führt zum Diskordianismus und dessen Mitbegründer Kerry Thornley - einem Autor mit Verbindungen zu John F. Kennedys Mörder Harvey Lee Oswald, der in späten Jahren hoffnungslos der Paranoia anheimfiel. Seine Lebensgeschichte wird hier zu einer rasanten Abfolge von Slapstick-Nummern: Ergün erzählt, die anderen vier Schauspieler:innen springen in wechselnden Kostümen aus den Gräben der Bühnenfläche und bewegen zu den wiedergegebenen Dialogen die Lippen.

Till Wonka, Orit Nahmias, TANER ŞAHİNTÜRK in Operation Mindfuck (Quelle: Ute Langkafel MAIFOTO)
Bild: Ute Langkafel MAIFOTO

"Follow the Extraportion Milch!"

Den witzigsten Auftritt des Abends hat Till Wonka, der Thornley spielt, aber vor allem einen Mann, den alle "Kinder-Kind" nennen, weil sein Gesicht auf der Kinder-Schokolade abgebildet ist. Mittlerweile lebt der Naivling seit vielen Jahren abgeschieden als Selbstversorger - und wird als ideale Projektionsfläche und Schachfigur ausgemacht: Erins Ex Maximilian (Taner Sahintürk) will ihn zum Kanzlerkandidaten machen ("Niemand will Politiker, schon gar nicht die Politik!"). Schaurig schön, wie Wonka in immer leicht aggressivem Sächsisch unter Hochdruck verdattert Unsinn stammelt.

Parallel findet auch Alice Interesse an ihm: Sie braucht einen Helden für ihre Mutter aller Verschwörungstheorien - einen, dem man selbst die schlimmsten Aussagen nicht übelnimmt. "Follow the Extraportion Milch", erkennt sie in Anspielung an ein Zitat aus "Alice im Wunderland" und an den Werbe-Slogan für Kinder-Schokolade.

Klingt alles einigermaßen albern, ist es auch - zum Glück. "Operation Mindfuck" ist eine kaum 80 Minuten kurze Hochdruck-Komödie mit so vielen Gags und Ideen, dass man nicht überall die ganz feine Analyse erwarten darf. Die leichten düsteren Untertöne des Stücks wären aber sicher vollends vergessen, wenn es nicht ganz am Schluss, nach all dem gekonnt überdrehten Hin und Her, noch einmal zur Anfangsszene zurückkehren würde. Da steht Alice nun wieder, vollends paranoid und mit angstgeweiteten Augen in ihr Handy flüsternd, sich an eine Gefolgschaft wendend, die es vielleicht längst nicht mehr gibt.

Premiere zwei: "Ground Control"

Eine wirklich bodenlose Tiefe verleiht dieser Kniff dem Text nicht mehr. Doch man wird sich an diesem langen Doppel-Premieren-Abend noch zurücksehnen nach gut gemachter, geistreicher politischer Unterhaltungskunst. Denn "Ground Control", die zweite Premiere des Abends, schlägt ganz andere Töne an - und ist kurz gesagt eine Qual.

Auf der Grundlage des Textes "Die Macht der Konzerne" von Thilo Bode zeigt Regisseur Mirko Borscht eine postapokalyptische Welt. Schon beim Einlass wabert es aus den Boxen, zucken Textfetzen auf Monitoren und rhabarbert Co-Autorin Marina Frenk (noch ein Ex-Mitglied des Ensembles) unheilvolle Satzfetzen. Auf der Bühne liegen vor allem Planen und Gestänge, ein Kranroboter befördert einen kleinen Käfig von A nach B. "Think Tank" ist auf einer Art untergehendem Schiff zu lesen.

Ein Kind und ein Vater treten auf, reden über eine vergangene Welt, Thilo Bodes Grab und die väterlichen Lebenslügen. Diverse andere Menschen proklamieren Texte über das Elend der Welt oder beliebiges Unverständliches. Teils sprechen sie nacheinander, teils quatschen sie übereinander hinweg. Von einem allumfassenden Konzern Zero ist die Rede, alles hängt zusammen, aber irgendwie auch nicht. Hinten spielt einer ziemlich hübsch E-Cello, vorn ächzt der Abend weiter voran.

Abak Safaei-Rad, Celina Schubert in GROUND CONTROL (Quelle: Ute Langkafel MAIFOTO)
Szene aus "Ground Control" im Gorki TheaterBild: Ute Langkafel MAIFOTO

Das Ende der Menschheit - und noch mal von vorn

Nach knapp zwei Stunden wird ein Scheinwerfer in den Zuschauerraum gerichtet. Das geblendete Publikum hört eine verfremdete Stimme, die Uneindeutiges von einem Virus und dem Ende der Menschheit erzählt.

Als das Licht erlischt, ist immer noch nicht Schluss. Jetzt geht quasi die gesamte Evolution noch mal von vorn los. Projektionen zeigen Zellen, die sich teilen, immer weiter geht das so, irgendwann sind Kaulquappen und ähnliche Gebilde zu sehen.

Einzelne im Publikum versuchen, dem Spuk mit Applaus ein Ende zu bereiten. Doch keine Gnade: Auf die Kaulquappen folgen Ameisen, Käfer, Blätter. Immer mehr Menschen verlassen den Saal. Der Mensch bekommt derweil auch in den Projektionen noch einen Auftritt: Straßen, Gebäude, Maschinen wabern ineinander, irgendwann sind Roboter zu sehen, dann nur noch wabernde Geschwüre: Die Menschheit hat der Erde noch einmal den Garaus gemacht.

Abschied vom Container

Die letzten Projektionen zeigen eine Polarforscherin, die vor ihrer Station in der Antarktis steht und das dortige Leben lobpreist. Dann, nach zweieinhalb Stunden, gehen endlich die Türen auf. Die Darsteller:innen des Abends mischen sich unter das Publikum, zum vorab angekündigten "offenen Austausch" - doch so richtig groß ist die Austauschlust bei den Zuschauenden nicht mehr.

"Szenische Installation" haben Borscht und sein Team das Ganze genannt - eine ziemlich hochtrabende oder einfach nur hilflose Bezeichnung für einen diffusen Abend, der so sinnlos an den Nerven zehrt.

"Ground Control" ist die letzte Premiere im Container, der Interims-Spielstätte auf dem Theatervorplatz. Einige spannende Arbeiten gab es dort in den vergangenen drei Jahren zu sehen. "Ground Control" gehört nicht dazu. Wer das seltsame Gebäude dennoch einmal von innen sehen will: Am 18. Juni ist die Abschieds-Party "Bye Bye Container".

Sendung: rbb24 Inforadio, 30.05.2022, 07:55 Uhr

Beitrag von Fabian Wallmeier

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