Start des Berliner Theatertreffens - Theaterfest und Diskursbeschleuniger

All right. Good night. Ein Stück über Verschwinden und Verlust/ Regie: Helgard Haug (Quelle: Merlin Nadj-Toma )
Video: Abendschau | 04.05.2022 | Petra Gute | Bild: Merlin Nadj-Toma

Nach zwei Jahren Corona-Pause gibt es das Theatertreffen endlich wieder als Präsenz-Festival. Zu sehen sind ab Freitag die zehn bemerkenswertesten Inszenierungen der Saison aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.Von Oliver Kranz

Vorm Haus der Berliner Festspiele stehen noch einige Baugerüste – es wird seit zwei Jahren saniert. Trotzdem wird es auch in diesem Jahr das Zentrum des Theatertreffens sein. Alle wichtigen Bereiche sind nutzbar, der Garten hinterm Kassenfoyer auch. Das Publikum kann sich wie gewohnt unter blühenden Kastanienbäumen treffen.

"Ich freue mich wahnsinnig, dass das Festival nach zwei Jahren Pandemie wieder ein Begegnungsort ist", sagt Yvonne Büdenhölzer und strahlt übers ganze Gesicht. Sie leitet das Theatertreffen seit zehn Jahren. "Wir werden zwar nicht völlig aufs Digitale verzichten und bieten einige Aufführungen und Veranstaltungen auch als Livestream oder Mitschnitt in unserer Mediathek an, aber das echte Erleben steht im Vordergrund."

Liebesgedichte mit Popsongs kurzgeschlossen

Im Gegensatz zu früheren Jahren gibt es auch noch Karten. "16.000 Tickets werden angeboten", rechnet die Festivalleiterin vor. "Es gibt 77 Veranstaltungen, 40 mit freiem Eintritt".

Die Festivaleröffnung am Freitag ist jedoch ausverkauft. Gezeigt wird "Das neue Leben", eine Produktion des Schauspielhauses Bochum. Der Regisseur Christopher Rüping hat Liebesgedichte von Dante Alighieri, die vor mehr als 700 Jahren geschrieben wurden, mit heutigen Popsongs kurzgeschlossen.

"Die Inszenierung interessiert sich fürs Grundsätzliche", erklärt Matthias Balzer von der Theatertreffen-Jury, "für die Liebe und den Tod, den verpassten Moment und all die Steine, die wir uns selbst in den Weg legen. Sie dreht sich auch darum, wie aus eben diesen verpassten Momenten manchmal Kunst entstehen kann. "Die Gedichte werden in Songs verwandelt, die nach Meat Loaf und Britney Spears klingen.

Und das ist ein Trend. "Wenn klassische Texte im Theater aufgegriffen werden, dann werden sie aktualisiert oder überschrieben", erklärt Yvonne Büdenhölzer. Ewelina Marciniak hat Schillers "Jungfrau von Orleans" am Nationaltheater Mannheim zu einem Stück über Gender-Fragen gemacht, Volker Lösch am Staatsschauspiel Dresden verlegt Molières "Tartuffe" ins 20. Jahrhundert und betrachtet die Geschichte durch die Brille des französischen Wirtschaftswissenschaftlers Thomas Piketty. Beide Inszenierungen gehören zur Zehner-Auswahl.

Das Theater wird interdisziplinärer

"Der zweite Trend, der sich beim Theatertreffen abzeichnet, ist die Hinwendung zu musikalischen und choreografischen Formaten", sagt Yvonne Büdenhölzer. Sie verweist auf Toshiki Okadas "Doughnuts" (Thalia-Theater Hamburg), den Ernst-Jandl-Abend "humanistää!" (Volkstheater Wien) und "Slippery Slope" von Yael Ronen (Maxim-Gorki- Theater Berlin).

Die Gorki-Produktion bezeichnet sich selbst als "Almost a Musical", was aber nicht heißt, das keine gesellschaftlich relevanten Themen behandelt werden. Es geht um einen männlichen Popstar, der nach einem Skandal ein Comeback versucht. Ihm wird vorgeworfen, ein Macho zu sein, der sich Songs anderer Kulturen aneignet und sie vermarktet. Doch in dieser sehr witzigen und bissigen musikalischen Komödie wird schnell klar, dass nichts so ist, wie es zuerst scheint.

Neben der Zehner-Auswahl, die im Zentrum des Theatertreffens steht, gibt es eine Menge Zusatzveranstaltungen. Der Stückemarkt präsentiert innovative Formen der zeitgenössischen Dramatik. Eine Jury hat aus 357 Werken, die aus 61 Ländern eingesandt wurden, fünf ausgewählt. Drei werden in szenischen Lesungen präsentiert, zwei als Performance.

"Ich glaube, es ist schon eine Tendenz, dass sich das Theater öffnet und interdisziplinärer wird", sagt Anna-Katharina Müller, die Leiterin des Stückemarkts. "Und was man in diesem Jahr sehr schön sieht ist, dass wir zum einen die Performance von Aine Nakamura haben und die von Kolektiv Igralke und Tjaša Črnigoj, wo wirklich ein Kollektiv gemeinsam die Autorenrolle übernimmt. Und Aine Nakamura vereint in einer One-Woman-Show alle Aufgaben, alle Disziplinen zusammen in ihrer Person. Das ist eine schöne Gegenüberstellung des kollektiven AutorInnenseins und der Performance-Kunst des Einzelnen."

Nach wie vor wichtigster Treffpunkt

Nicht zuletzt sind auch die Debatten wichtig, die beim Theatertreffen geführt werden. Die Konferenz "Burning Issues", die schon seit vier Jahren Fragen von Machtmissbrauch und Gendergerechtigkeit auf die Tagesordnung bringt, wird im Rahmen des Festivals fortgesetzt, und auch über Nachhaltigkeit soll diskutiert werden. "Zum einen geht es um den Green Deal in der Kultur, zum anderen um international nachhaltiges Koproduzieren und Reisen", so Yvonne Büdenhölzer. "Das ist, glaube ich, ein Thema, das gerade alle beschäftigt."

Das Theatertreffen hat sich in den vergangenen Jahren oft als Diskursbeschleuniger präsentiert und zum Beispiel eine Frauenquote im Bereich Regie der Zehner-Auswahl eingeführt. Der Lebendigkeit des Festivals hat das nicht geschadet. Es gilt nach wie vor als wichtigster Treffpunkt der deutschsprachigen Theaterszene.

Sendung:

Beitrag von Oliver Kranz

Nächster Artikel