Konzertkritik | Dionne Warwick in Berlin - Eine Pop-Ikone nimmt Abschied

Mi 18.05.22 | 10:51 Uhr
Dionne Warwick
Audio: Inforadio | 18.05.2022 | H. Ackermann | Bild: IMAGO / UPI Photo

Unter dem Motto "Ein letztes Mal - One last Time" gibt die mittlerweile 81 Jahre alte Soulpop-Ikone Dionne Warwick zwei Abschiedskonzerte in Deutschland . Das erste fand am Dienstagabend in der gut gefüllten Berliner Verti Music Hall statt. Von Hans Ackermann

"Du siehst fantastisch aus - You look amazing" schreibt Nutzerin Tracy bei Twitter an Dionne Warwick - die sich gelassen für das Kompliment bedankt. Die Sängerin ist mit ihren demnächst 82 Jahren eine der "dienstältesten" Soul-Diven, aber mit gut 600.000 Followern auch die amtierende "Queen of Twitter" - die in den USA auch immer noch gern in Talkshows eingeladen wird.

Derzeit unterwegs auf ihrer Abschiedstournee durch Europa ist sie am Konzerttag schon morgens um 9 Uhr online und schreibt, dass sie sich auf das Berliner Konzert am Abend freut und fügt als kleine Ermahnung hinzu: "Don’t be late - kommt bloss nicht zu spät"!

Dionne Warwick im Februar 2012 [dpa]

Pünktlicher Konzertbeginn

Das Konzert beginnt dann tatsächlich um Punkt acht. Die Band, mit Schlagzeug, Bass und Piano, dazu die Musikerinnen und Musiker eines kleinen Streichorchesters, sind schon auf der Bühne, als sich vom hinteren Bühnenrand die Sängerin ganz langsam vorwärts bewegt und mit vorsichtigen Schritten schließlich ihren Stuhl vorn auf der Bühne erreicht. Dort angekommen, erzählt sie dem Publikum, was passiert ist: Sie habe vor kurzem eine "kleine OP am Bein" gehabt und müsse deshalb im Sitzen singen. Das schränkt zwar die Bewegungsfreiheit dieser begnadeten Entertainerin ein, wirkt sich aber an diesem Abend kein bißchen auf die Stimme aus.

Hits am Fließband

"One last Time - ein letztes Mal noch", unter diesem Motto verabschiedet sich eine Sängerin, die seit Mitte der 60er Jahre unzählige Charterfolge feiern konnte, darunter auch den Nummer-1-Song "I say a little prayer". Ein Lied, das zwar auch Aretha Franklin und noch viele andere gesungen haben, geschrieben aber hat es Burt Bacharach mit seinem Texter Hal David für Dionne Warwick.

Verwandt mit Whitney Houston

Bacharach hatte die Sängerin, die mit der Familie von Whitney Houston verwandt ist, im Backgroundchor der "Drifters" entdeckt. Eine ideale Interpretin seiner sanften Popsongs, die er zusammen mit Hal David in den 60er und 70er Jahren für Dionne Warwick wie am Fließband schrieb, darunter die Welterfolge "Walk on by" und "Reach out for me".

Diese "Greatest Hits" präsentiert Dionne Warwick an diesem Abend mit einer Stimme, die zwar etwas tiefer geworden ist, aber dadurch nicht weniger interessant klingt - Gesang voller Energie, mit einer selbst im Sitzen außergewöhnlichen Präsenz auf der Bühne.

Mit dem Grammy nach Europa

1968 hat Dionne Warwick ihren ersten Grammy bekommen, für "Do you know the way to San José". Ein munterer Gassenhauer von Burt Bacharach und Hal David, mit dem Dionne Warwick dann auch in Europa bekannt geworden ist. Damals dauert der Song keine drei Minuten, an diesem Abend lässt die Sängerin ihre exzellenten Musiker an Bass, Schlagzeug und Klavier im Mittelteil des Songs ausgedehnte Soli spielen, stellt dann die Band noch einmal mit Namen vor - man weiß, dass dieses Konzert nun gleich zu Ende sein wird.

Würdevoller Abschied

Im Bacharach-Song "What the world needs now" fasst die Sängerin dann noch einmal ihre wichtigste Botschaft zusammen: Liebe ist es, was die Welt braucht, in diesen Zeiten ganz besonders, wie Warwick vor dem Song anmerkt.

Dann heißt es nach gut 75 Minuten Abschied nehmen. Dionne Warwick verläßt das Podium so, wie sie gekommen ist, würdevoll, aber auch langsam und schön vorsichtig. Dazu applaudiert das Publikum im Stehen, wartet, bis diese außergewöhnliche Sängerin, Schritt für Schritt, sicher hinter der Bühne angekommen ist.

Sendung: Inforadio, 18.05.2022, 6.00 Uhr

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