Interview | Museumsmitarbeiter über sein Lieblingsbild - "Und auf einmal traf es mich wie ein Blitz"

Fr 17.06.22 | 06:18 Uhr
  8
Gemäldegalerie-Berlin-Mitarbeiter Gerhard Janssen vor dem Gemälde "Bildnis einer Dame" von Diego Velázquez, seinem Lieblingsbild (Quelle: rbb / Antje Bonhage).
Audio: radioeins | 17.06.2022 | Anja Penner | Bild: rbb / Antje Bonhage

Kaum jemand verbringt so viel Zeit mit Kunst, wie das Personal der Museen. Ihre Lieblingwerke sind in Berlin jetzt in der Ausstellung "Jeden Tag im Museum" zu sehen. Gemäldegalerie-Mitarbeiter Gerhard Janssen über sein Lieblingsbild.

rbb|24: Herr Janssen, Ihr Lieblingsbild ist das "Bildnis einer Dame" des spanischen Portraitmalers Diego Velázquez. Es hängt in der Gemäldegalerie, derzeit neben einem Gemälde von Rembrandt. Warum das Bild von Velázquez?

Gerard Janssen: Was mich so fasziniert an dem Bild, ist, dass diese Frau mich immer so anguckt! Immer wenn ich an ihr vorbeigehe, habe ich das Gefühl, dass sie mich anschaut und denkt: 'So, so, Freundchen, da bist du also wieder.' Und sie hat so ein kleines Lächeln. Ich finde es fantastisch, dass Velázquez es geschafft hat, aus Materialien wie Ölfarbe und Leinwand eine Seele zu malen, sie zu zeigen. Für mich lebt dieses Porträt. Das finde ich faszinierend.

Zur Person

Der Niederländer Gerard Janssen (54) lebt seit 2004 in Berlin. Er hat Kunst an der Kunstakademie Minerva in Groningen studiert, ist selbst Künstler und zeichnet mit Feder und Tusche. Seit 2018 arbeitet er an der Kasse und am Infostand in der Gemäldegalerie.

War die Begegnung mit dem Bild eine Liebe auf den ersten Blick?

Ja, eigentlich schon. Ich schätze Velázquez ohnehin sehr, habe seine Bilder auch schon im Prado in Madrid angeschaut. Und als ich vor vier Jahren meinen Job hier in der Gemäldegalerie anfing, wusste ich zunächst gar nicht, dass es dieses Porträt hier gibt. Und ich bin so durch die Galerie geschlendert, und auf einmal traf es mich wie ein Blitz: Wow, da hängt ja ein Velázquez! Wir haben zwei Velázquez-Bilder hier. Aber dieses Porträt hat es mir sofort angetan. Und seitdem versuche ich, jedes Mal bei meinen Arbeitseinsätzen hier vorbeizukommen, um das Bild sozusagen zu begrüßen.

Gehen Sie immer nur kurz vorbei oder halten Sie sich an dem Bild auch auf?

Wenn ich Zeit finde und das Bild aufsuche, dann stelle ich mich davor, ich gehe ganz nah ran, so nah wie möglich – aber natürlich nicht zu nah. Und ich bin jedes Mal neu fasziniert zu sehen, was für ein unglaublich guter Maler Velázquez ist. Wie er einen Kragen malt mit nur ein paar Pinselstrichen, und sofort spürt man quasi den weichen Stoff des Gewandes und die Metallverzierungen. Er ist ein technisch unglaublich begabter Maler. Und dass er es dann noch schafft, wirklich die Seele dieser Frau zu malen, das ist tatsächlich die Magie der Kunst.

War Ihnen Ihre Kunstaffinität hilfreich, um den Job in der Gemäldegalerie zu bekommen?

Nein. Hier arbeiten viele unterschiedliche Leute mit verschiedenen Hintergründen und Nationalitäten. Es ist eine echt bunte Gesellschaft. Ich finde, das macht es interessant. Ich habe Kunst studiert, ich bin Künstler und lebe teilweise von meiner Kunst. Ich habe großes Interesse an Kunst und wollte auch unbedingt hier in der Gemäldegalerie arbeiten, weil ich dachte, dann bin ich so nah wie möglich an den Werken und habe täglich Zugang zu Kunst. Aber das ist keine Voraussetzung. Man braucht einen Schein als Sicherheitsmitarbeiter. Das macht man eine spezielle Ausbildung, ich habe die an der Sicherheitsakademie absolviert. Dann macht man eine mündliche und eine schriftliche Prüfung bei der IHK – und dann hat man den Schein, der einem erlaubt, im Museum als Sicherheitsmitarbeiter arbeiten zu können.

Kommen Sie auf Ihrem Posten an der Kasse oder am Infostand auch manchmal mit Besucher*innen ins Gespräch über die Werke?

Ja. Manchmal kommen Leute nach dem Galeriebesuch vorbei und sagen, wie schön die Ausstellung war. Oder sie fragen nach einem bestimmten Bild. Während wir dann danach suchen, kommt man ins Gespräch. Manche Leute erzählen, dass sie diese oder jene Ausstellung oder Werke von diesem oder jenem Maler schon einmal im Ausland gesehen haben. Also zumindest am Infostand kommt man durchaus in Kontakt mit den Besucherinnen und Besuchern. Das ist mit einer der Gründe, warum ich gern hier arbeite.


Das Interview für rbb|24 führte Antje Bonhage.

Sendung: Inforadio, 17.06.2022, 07:55 Uhr

8 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 8.

    Die schlechte Qualität des Fotos hängt bestimmt damit zusammen, dass man Gemälde nicht mit Blitzlicht fotografieren darf.

  2. 6.

    Ich kann mir kaum vorstellen, dass die Mitarbeiter weder im Bode Museum noch im Grünen Gewölbe eine Ausbildung als Sicherheitsmitarbeiter hatten. Eher hohe Schulden beim Pokern.

  3. 5.

    Lieber Gerard.Wenn du das lesen solltest.Du hast einen wunderbaren Job.Bin voller Neid.

  4. 4.

    So geht es mir auch regelmäßig :-) ich ruckel an meiner Brille, trete vor, ich will´s ganz genau sehen - schwupps, zu nahe ;-) aber ich kann die "Ergriffenheit" von Hr. Janssen verstehen, schon in diesem Foto schaut mich die Dame über seine Schulter hinweg an! Mit so einem wissenden Blick, halb auf ihn, hab zu mir - und diesem kleinen, fast ein wenig spöttischen Lächeln. Ein Genuss, sie und sie beide anzuschauen :-)

  5. 3.

    Sie beschreiben es hier vollkommen richtig. Mich mußte man schon mal auffordern nicht zu nahe an ein Bild heranzutreten. Denn ich wollte unbedingt die Pinselführung des Malers besser erkennen.

  6. 2.

    BIs man uns die Gemäldegalerie in Dahlem weggenommen hat, war sie mein zweites Wohnzimmer.
    Und diese tiefe Bewunderung und Ergriffenheit des Hrn. Janssen kann ich gut nachvollziehen.
    Das Schöne aber ist, dass die Menschen jeder für sich irgendetwas anderes von dem Kunstgenuss hat.
    Für mich sind es z.B. auch Zeitreisen.
    Aber auch eine kl. Skizze kann mich mitreißen, allein wegen der Virtuosität des Strichs, durch den man etwas über den Künstler und seine Persönlichkeit erfährt wie aus einer Handschrift.

  7. 1.

    nettes Interview, aber schlimmes Foto (Handyschuss?) vom Mitarbeiter vor dem Gemälde...

Nächster Artikel