Ausstellung vergessener Künstlerinnen - Als "Sie malt wie ein Mann" noch ein Kompliment sein sollte

Do 23.06.22 | 14:33 Uhr | Von Cora Knoblauch
  1
Chana Orloff in ihrem Atelier, Paris 1924 (Quelle:VG Bild-Kunst, Bonn 2022)
Audio: rbb24 Inforadio | 22.06.2022 | Cora Knoblauch | Bild: VG Bild-Kunst, Bonn 2022

In den meisten Sammlungen stammt nur ein kleiner Teil von Künstlerinnen. Das Berliner Bröhan-Museum arbeitet daran, vergessene oder verborgene Biografien und Werke sichtbar zu machen - auch mit einer neuen Schau. Von Cora Knoblauch

Als "Malweiber" wurden Künstlerinnen Ende des 19. Jahrhunderts von ihren männlichen Kollegen belächelt, an deutschen Kunsthochschulen waren sie unerwünscht. Viele Frauen sind dennoch diesen steinigen Weg gegangen: wurden Architektinnen, Designerinnen, Malerinnen und Keramikerinnen. In den musealen Sammlungen sind ihre Werke heute kaum vertreten, ihre Namen unbekannt.

Das Berliner Bröhan-Museum arbeitet seit mehreren Jahren daran, diese verschwundenen Biografien sichtbar zu machen. Eine neue Ausstellung widmet sich heute unbekannten Künstlerinnen: "Ansehen! Kunst und Design von Frauen 1880-1940".

Das Bröhan-Museum hat in aufwendiger Recherche knapp 100 Biografien von Künstlerinnen zusammengetragen, die zwischen 1880 und 1940 in Deutschland erfolgreich gearbeitet haben. Die meisten von ihnen kennt heute niemand mehr. "Ich kannte die meisten Namen nicht", sagt auch Kuratorin Julia Meyer-Brehm. "Zu vielen Künstlerinnen ist auch absolut wenig geschrieben worden."

Mädchen mit Orangen 1919 von Malerin Hedwig Marquardt. (Quelle:Auktionshaus Neumeister)
| Bild: Auktionshaus Neumeister

"Sie malt wie ein Mann"

1898 gründet sich die Berliner Secession, eine Künstlergruppe, die sich vom akademischen Kunstbetrieb abgrenzen will. Unter den Gründungsmitgliedern sind – ein absolutes Novum – vier Frauen: unter ihnen Käthe Kollwitz und Julie Wolfthorn. Die beiden Malerinnen wurden damals zwar als erfolgreiche Künstlerinnen wahrgenommen, mussten sich aber immer wieder gönnerhafte oder misogyne Kommentare und Bewertungen gefallen lassen, wie Meyer-Brehm sagt. "Sie wurden zwar sehr positiv besprochen und waren wurden anerkannt. Häufig jedoch mit dem Zusatz: Für eine Frau hat sie ein ganz großartiges Geschick. Oder: Sie malt wie ein Mann. Immer wurde sich auf ihr biologisches Geschlecht bezogen."

Das Bröhan-Museum zeigt nicht nur eine Auswahl an Werken aus eigenen Beständen, sondern gibt den Biografien dieser Frauen reichlich Raum - eine Ausstellung wie ein begehbares Lexikon.

Zu sehen sind unter anderem elegante Möbelentwürfe von Gertrud Kleinhempel, fantasie- und humorvolle Kostümskizzen von Marie Schulz, die berühmte Frankfurter Küche von Margarete Schütte-Lihotzky und natürlich reichlich Keramik und Porzellan – Handwerkssparten in denen Frauen noch am ehesten akzeptiert waren.

Dass wir heute Designerinnen und Raumkünstlerinnen wie Gertrud Kleinhempel und Marie Kirschner nicht kennen, sei natürlich nicht einfach ein unglücklicher Zufall im tradierten Kunst-Kanon, sagt Kunsthistorikerin und Kuratorin Julia Meyer-Brehm. "Ich bin nicht so ganz einverstanden mit dem Begriff der vergessenen oder der verlorenen Künstlerin. Das hört sich so passiv an", sagt sie weiter. "So als wären sie, hups, auf der Strecke liegengeblieben, was natürlich nicht der Fall ist. Sondern es ist ein aktiver Ausschluss aus dem Kunstkanon."

Parmesanschale mit Löffel um 1930 von Erna Zarges-Dürr. (Quelle:

Ein Kanon, den Männer maßgeblich geschrieben und weitergereicht haben. Die gönnerhaften und abfälligen Kommentare eines Henry van der Felde oder Oskar Schlemmers sind den Frauen-Biografien leicht ausgeraubt nebenan gestellt. Der Möbeldesignerin Gertrud Kleinhempel beispielsweise bescheinigt ein bekannter Designer "außerordentliche Schmiegsamkeit", aber ein ganzes Programm stellten ihre Wohnzimmermöbel nun doch nicht dar.

Einen eigenen Ausstellungsraum hat das Thema "Working Mum". "Wir fanden es spannend, dass bei allen Secession Künstlerinnen das Thema Mutterschaft irgendwie relevant ist", sagt Julia Meyer-Brehm. "Dora Hitz ist ein gutes Beispiel, sie ist selbst keine Mutter gewesen, ihre Kinderlosigkeit wurde aber immer reflexartig mit erwähnt. Sie hat viele Mutter-Kind-Motive gemalt und dann hieß es immer: Sie wünscht sich eben, eine Mutter zu sein. Es ging immer gleich auf die psychologische Ebene. Als wenn Frauen grundsätzlich sowieso immer Mütter sein wollten. Absurd."

Käthe Kollwitz ist eine Ausnahme auf mehreren Ebenen. Sie stammte aus einem progressiven Elternhaus, ihre Eltern unterstützen sie in ihrer künstlerischen Ausbildung. Als sie dann jung heiratete, prophezeite ihr Vater kühl: "Nun hast du gewählt. Beides wirst du nicht vereinbaren können." Käthe Kollwitz ist es gelungen.

Andere Künstlerinnenkarrieren haben mit Heirat und Mutterschaft tatsächlich einen erheblichen Knick erlitten oder endeten jäh, berichten die Kuratorinnen der Schau. Den Ausstellungsmacherinnen ist ein Bogen in unser Jahrtausend wichtig. Mangelnde Gleichberechtigung, Unsichtbarkeit und Sexismus seien schließlich Themen, mit denen sich auch Künstlerinnen heute noch herumschlagen müssten.

Die Ausstellung "Ansehen! Kunst und Design von Frauen 1880-1940" versammelt damit nicht nur aus dem Kunstkanon getilgte Biografien unglaublich spannender Frauen, sondern schlägt auch eine Brücke ins Heute.

Sendung: rbb24 Inforadio, 23.06.2022, 18:55 Uhr

Beitrag von Cora Knoblauch

1 Kommentar

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 1.

    Wirklich wichtiges und Ansinnen. Super interessant.

Nächster Artikel