Berlin-History-App - Wo die Geschichte der Berliner Clubs erzählt wird

Sa 11.06.22 | 15:43 Uhr | Von Philip Barnstorf
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(Quelle: Gerd Danigel)
Gerd Danigel
Geschichte der Berliner Clubs digital, Rundfunk Berlin-Brandenburg | Bild: Gerd Danigel

Vom FDJ-Tanzabend, über queere Cabaret-Shows bis zum angesagten Technoschuppen der Nullerjahre: Die App "berlinhistory" erzählt die Geschichte der Berliner Clubs. Dabei geht es nicht nur um ausgelassene Partys, sondern auch um Verdrängung.

Clubs kehren gerade nicht nur in den Alltag vieler Berliner zurück, sie haben seit dem vergangenen Monat auch ihre eigene Multimedia-Story in der Berlin-History-App [berlinhistory-app]. Die Anwendung brachte ihren Nutzern bisher historische Themen wie Mauerbau oder Widerstand im Dritten Reich näher. Aber der berlinhistory-Verein, der die bereits für den Grimme-Online-Award nominierte App [grimme-online-award.de] betreibt, will mit den vielen Texten, Karten, Zeitleisten, Videos nicht nur auf die klassischen Themen eingehen.

"Wir wollen auch die Entwicklung von Subkulturen darstellen", sagt Vereinsmitglied Oliver Brentzel. So entstand vor einigen Jahren die Idee, auch den Werdegang der Berliner Party-Locations aufzunehmen. Seit gut einem Monat können Nutzer nun neben einem Davidstern, der zur Geschichte des Berliner Judentums führt, auch ein Lautsprechersymbol anwählen.

Tanzen auf beiden Seiten der Mauer

Dahinter verbergen sich vor allem Fotos und Texte zu 80 verschiedenen Clubs, die seit dem Mauerbau entstanden. Die Clubcommission, ein Verband aus Berliner Clubs, hat die Inhalte zusammengetragen. Vollständig ist die Liste aber nicht. "Wir schätzen, dass es in dieser Zeit ungefähr 500 Clubs oder Spielstätten mit kuratiertem Programm in Berlin gab", sagt Daniel Jacobson von der Clubcommission. Weil er und seine Mitautoren die nicht alle auflisten konnten, haben sie eine Auswahl getroffen. "Wir wollten verschiedene Musikrichtungen abbilden mit Clubs aus Ostberlin und aus Westberlin. Ein Schwerpunkt liegt auf Clubs nach der Wiedervereinigung."

(Quelle: Rüdiger Trautsch)Demo der Homosexuellen Aktion Westberlin

Von queerer Emanzipation und Lärmbelästigung

Zusätzlich zu den einzelnen Clubs finden sich in der neuen Multimedia-Story, die die Berliner Senatsverwaltung für Kultur mit 15.000 Euro gefördert hat, auch Texte zur queeren Clubkultur, samt Verweisen etwa zum Westberliner Club Chez Romy Haag oder dem DDR-Tanzlokal Schoppenstube.

Weitere Extra-Rubriken widmen sich der Schließung und Verdrängung von Clubs an den Stadtrand. Der Text dazu reicht aus der Historie bis in die Gegenwart hinein. Da geht es etwa um die Debatte, ob Clubbetreiber oder Nachbarn für Lärmschutz sorgen müssen. "Wir wollen aufzeigen, wie Konflikte in der Stadtentwicklung auch mit Anwohnern vermieden werden können", sagt Clubcommission-Mitarbeiter Jacobson.

Aktuell geöffnete Clubs sollen noch nicht verewigt werden

Eine Sache aber irritiert: Von den derzeit existierenden Clubs, von denen einige ja auch schon eine mehrjährige Geschichte vorzuweisen haben, findet sich kaum einer in der App wieder. Nur einige ehemalige Standorte - etwa vom Schwuz oder vom Tresor - tauchen auf der digitalen Karte auf. Das ist kein Zufall, wie Daniel Jacobson erklärt: "Aktuell geöffnete Clubs leben. Sie werden besucht und gestaltet. Daher wollen wir sie nicht verewigen."

Auch die Multimedia-Story Clubhistory soll weiter gestaltet werden. Wie bei der gesamten Berlin-History-App, die laut Betreibern bislang rund 180.000 Mal runtergeladen wurde, können nämlich auch Nutzer Inhalte erstellen. Die werden dann von den Betreibern redigiert.

Willkommen sind viele Medien. Schon jetzt reihen sich etwa in den Bildergalerien professionelle Hochglanzfotos an historische Schwarz-Weiß-Aufnahmen und körnige Amateur-Snapshots aus rauchigen Kellergewölben. Laut App-Betreiber Oliver Brentzel haben etwa zehn Partyfans schon Einträge zu ihren Lieblings_Clubs erstellt. Die sollen in den kommenden Wochen online gehen.

Sendung: Redaktion, rbb24 11.06.2022, 13:36 Uhr

Beitrag von Philip Barnstorf

2 Kommentare

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  1. 2.

    Wenn Club illegal war, warum sollte er sich um Lärmschutz kümmern?

  2. 1.

    Lärmschutz? Bei uns gab es einmal ein illegalen Club, Lärmschutz war ein Fremdwort und die „Gäste“ gaben beim Eintreffen der Polizei Kommentare ab, wie zB „Wir lassen uns das feiern nicht verbieten“. Die hatten kein Unrechtsgefühl, wenn um Mitternacht die Technobeats loslegten. Lärmschutz ist Aufgabe der Clubs und zwar so, dass Nachbarn die vor dem Club dort wohnten nicht die Bohne gestört werden, auch durch das Verhalten der Gäste des Clubs!

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