Konzertkritik | Björk in der Waldbühne - Heilung durch Musik

Sa 18.06.22 | 13:01 Uhr | Von Hans Ackermann
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Sängerin Björk (Quelle: imago/stock&people)
Audio: Inforadio | 18.06.2022 | Hans Ackermann | Bild: imago/stock&people

Björk steht für Avantgarde-Pop, kombiniert mit sinfonischen Streicherklängen. Ihr Konzert in der Waldbühne mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin hätte aber ruhig etwas lauter sein können. Von Hans Ackermann

 

Mit dem Song "Stonemilker" beginnen Björk und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter der Leitung von Bjarni Frimann Bjarnason den Abend in der Berliner Waldbühne. So wie viele Lieder der isländischen Sängerin handelt der Text von unterdrückten Gefühlen, von seelischer Dunkelheit, von Menschen, die innerlich zu Stein erstarrt sind - und deshalb dringend der Heilung bedürfen.

Musik für unsere Zeit

Tatsächlich stammen die meisten Lieder im Programm des Abends aus dem Album "Vulnicura". Björk hat es schon 2015 aufgenommen, teilweise mit Orchesterbegleitung. Der Titel des Albums ist dabei eine typische Björk-Wortschöpfung, in der sie die lateinischen Begriffe "Cura" und "Vulnus" zusammenfügt und daraus "Vulnicura - Heilung der Wunden" werden lässt.

Björk singt an diesem Abend 16 Songs, in Wirklichkeit Gedichte, die sie mit höchster Kunst musikalisch vorträgt. Wie in der Oper müssten diese Texte eigentlich parallel zum Gesang über der Bühne als Laufschrift angezeigt werden. Doch bei Popkonzerten ist so etwas nicht üblich.

Videoleinwände dagegen gehören durchaus zum Standard. Und in den beiden oberen Rängen der riesigen Waldbühne würde man auch gern mal das Gesicht der Sängerin aus der Nähe sehen, ihr Phantasie-Kleid auf der Leinwand bewundern oder die Hände der Musikerinnen und Musiker des Orchesters in Nahaufnahmen sehen.

Videoleinwände bleiben dunkel

Doch bei Björk, die mit ihren Kostümen und Videos eigentlich als äußerst visuelle Künstlerin bekannt ist, bleiben die Videoleinwände bis zum Schluss konsequent dunkel. Keine Nahaufnahmen, kein Artwork. Schon vor dem Konzert hatte die Sängerin in einer Durchsage erklären lassen, dass man auch im Publikum bitte nicht mit dem Smartphone filmen möge, sondern sich stattdessen voll und ganz auf die Musik konzentrieren solle.

In den oberen Rängen zu leise

Das fällt aber schwer, denn so perfekt der Sound an diesem Abend auch ist, schon im zweiten der insgesamt drei Ränge der Waldbühne klingt alles viel zu leise. Die akustischen Verhältnisse vorn an der Bühne bis zum ersten Rang mögen in Ordnung sein, aber weiter oben kommt heute einfach zu wenig an. Was schade ist, denn Björks Gesang klingt expressiver denn je, ihre Art, das "R" zu rollen, ist immer wieder ein Erlebnis für sich.

Und wenn eines der besten europäischen Rundfunkorchester spielt, sollten die Geigen, Bratschen, Celli und Kontrabässe, die der junge Eisler-Absolvent Bjarni Frímann Bjarnason souverän durch die dunklen Klänge des Artpop führt, auch überall gleich gut zu hören sein.

Musikalische Seelendrama dauert zehn Minuten

Ein paar Dezibel mehr für die oberen Ränge hätten auch einem beeindruckenden Epos wie "Black Lake" zu größerer Wirkung verholfen. Zehn Minuten dauert dieses musikalische Seelendrama, das immer mal wieder im Pianissimo zum Stehen kommt und dort kurz verharrt, bevor die Sängerin neu ansetzt.

Wenn in diese zarten Stellen - in bester Absicht, aber mit verheerender Wirkung - aus dem Publikum hinein geklatscht wird, nehmen traumhaft schöne Artpop-Kunstwerke ernsthaften Schaden.

Vielleicht hat Björk aber auch höchstpersönlich den niedrigen Lautstärkepegel des Konzerts festgelegt - weil sie uns mit leisen Tönen sensibilisieren und damit unsere Heilung durch Musik schneller voranbringen will.

Sendung: rbb24 Inforadio, 18.06.2022, 7 Uhr

Beitrag von Hans Ackermann

1 Kommentar

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  1. 1.

    This critic from Mr. Ackerman is absolutely right. I was in the middle of the 2nd and 3rd Rand and I struggled to listen to the music. Sometimes it felt as the musicians weren't playing. I missed very much the big screens besides the scenery. I could only see a kind of pink spot in the scenery that must be Björk. The illumination was very poor and boring and I am the opinion that Björk coud have changed her outfit at least once... And all this for tickets that costed almost 100 EUR.

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