72. Deutscher Filmpreis - Schriftsteller, Mütter und andere Konfliktherde

Fr 24.06.22 | 14:08 Uhr | Von Ula Brunner
Archivbild: Der Schauspieler und Präsident der Deutschen Filmakademie Ulrich Matthes spricht bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises 2021 "Lola". (Quelle: dpa/Soeren Stache)
Video: rbb|24 Brandenburg aktuell | 24.06.2022 | Alex Soyez | Bild: dpa/Soeren Stache

Stars, Preise und viel Geld: Am Freitag wird in Berlin der Deutsche Filmpreis verliehen. Drei sehr unterschiedliche Filme gelten als größte Favoriten. Doch wie immer lösen die Lolas schon im Vorfeld einige Debatten aus. Von Ula Brunner

Nachdem die Pandemie auch die Lolas aus dem Takt gebracht hat – zuletzt fand die Gala im Oktober statt im Juni statt – kehrt der Deutsche Filmpreis zumindest terminlich in die Normalität zurück. Am Freitag wird am Palais am Funkturm in Berlin wieder der rote Teppich für das Familientreffen der deutschen Filmbranche ausgerollt.

Es darf gefeiert werden – wenn auch überschattet von den Ereignissen in der Ukraine. "Die Verleihung findet statt vor Hintergrund des Krieges, und das wird auch thematisiert werden bei der Preisverleihung. Also eine ganz große, unbefangene Party kann es auch in diesem Jahr wieder nicht werden", sagten Alexandra Maria Lara und Florian Gallenberger dem rbb.

"Wir müssen die Leute animieren, sich ins Kino zu begeben"

Seit diesem Jahr teilen sich die Schauspielerin und der Regisseur den Chefposten der Deutschen Filmakademie, zuvor war Ulrich Matthes drei Jahre lang Präsident. Die Filmbranche in Deutschland habe sich von der Pandemie erholt, sagten sie dem rbb. Es werde "wahnsinnig viel produziert, wahnsinnig viel gedreht, auch für die Streaming-Dienste", so Gallenberger. Doch den Kinos selbst gehe es nicht gut, die Zuschauerzahlen blieben weit zurück im internationalen Vergleich. "Das ist die große Herausforderung, dass wir die Leute animieren müssen, sich ins Kino zu begeben." Wenn am Freitagabend die Lolas vergeben werden, wird es also auch darum gehen, dem Kulturort Kino eine Plattform zu bieten.

Drei Spielfilme in den Hauptkategorien nominiert

Größter Favorit in diesem Jahrgang ist die Filmbiografie "Lieber Thomas", in der Andreas Kleinert dem Leben des 2001 verstorbenen Schriftstellers Thomas Brasch nachspürt. Mit gleich zwölf Vorschlägen geht das kluge Schwarzweiß-Porträt eines rebellischen Protagonisten des deutschen Kulturbetriebs ins Rennen. Der Film ist unter anderem als Bester Spielfilm sowie für Regie und Drehbuch nominiert. Hauptdarsteller Albrecht Schuch hat große Chancen in der Kategorie Beste männliche Hauptrolle eine Lola zu erhalten. Bereits 2020 wurde er von der Filmakademie für seine Rolle als Anti-Aggressionstrainer in "Systemsprenger" ausgezeichnet.

Zwei weitere Filme sind in den Hauptkategorien Regie, Drehbuch und Bester Spielfilm aufgestellt. Auf zehn Nominierungen kommt die rbb-Koproduktion "Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush". Durchaus unterhaltsam erzählt Andreas Dresen von der Mutter des früheren Guantánamo-Häftlings Murat Kurnaz, die sich schlagfertig und mit umgebremster Energie für die Freilassung ihres Sohnes einsetzt. Hauptdarstellerin Meltem Kaptan erhielt bereits einen Silbernen Bären bei der diesjährigen Berlinale und ist auch beim Filmpreis für die Beste weibliche Hauptrolle nominiert. Eine starke Konkurrentin ist Saskia Rosendahl, die bereits 2021 beim Filmfest in Locarno für "Niemand ist bei den Kälbern" ausgezeichnet wurde, aber auch Sara Fazilat ("Nico") sowie Ursula Strauss ("Le Prince") sind in der Kategorie gut aufgestellt.

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Mit acht Nominierungen geht das deutsch-österreichische Drama "Große Freiheit" des österreichischen Regisseurs Sebastian Meise ins Rennen um die Lolas. Franz Rogowski, der die Hauptrolle in dem herausragenden Film über die Kriminalisierung von Homosexuellen spielt, könnte dafür ebenfalls eine Lola mitnehmen. Farba Dieng ("Toubab"), der dritte im Ringen um den Darstellerpreis, wird es schwer haben, sich gegen Schuch und Rogowski durchzusetzen.

Kritik im Vorfeld der Preisverleihung

Insgesamt sechs recht unterschiedliche Filme finden sich in der Spitzenkategorie Bester Spielfilm. Dazu gehören noch "Wunderschön" eine Tragikomödie über weibliche Selbstfindung von Karoline Herfurth, "Contra" von Sönke Wortmann sowie die internationale Koproduktion "Spencer" des Chilenen Pablo Larraín mit US-Star Kristen Stewart als Prinzessin Diana.

Dass eine Koproduktion wie "Spencer" für den deutschen Filmpreis aufgestellt wurde, führte im Vorfeld zu Kritik. Zwar entspricht die Nominierung durchaus den Regularien. Denn die goldene Lola wird an die Produzent:innen verliehen – und die kommen bei beiden Filmen aus Deutschland. Dennoch: Irritierend bleibt die Platzierung allemal, da "Spencer" nicht als Repräsentant deutschen Filmschaffens wahrgenommen wird.

Rund 2.200 Mitglieder der Filmakademie haben über die Preisträger abgestimmt. Den Gewinnerfilmen winken stolze Summen: Mit einem Budget von rund drei Millionen Euro sind die Lolas der höchst dotierte Kulturförderpreis in Deutschland. Alleine eine Nominierung in der Spitzenklasse Bester Spielfilm bringt 250.000 Euro. Der Gewinnerfilm bekommt noch einmal die gleiche Summe on top dazu, erhält also eine halbe Million Euro. Kein Wunder, dass besonders diese Kategorie regelmäßig Debatten auslöst.

Kinderfilm lockt meisten Besucher:innen ins Kino

Im vergangenen Jahr war Maria Schraders Tragikomödie "Ich bin dein Mensch" als Bester Spielfilm ausgezeichnet worden. Man darf gespannt sein, wer am Freitag eine Lola mit nach Hause nimmt. Zwei Ehrungen stehen allerdings bereits fest. Kameramann Jürgen Jürges, der mit Regiegrößen wie Wim Wenders, R.W. Fassbinder und Volker Schlöndorff arbeitete, wird für herausragende Verdienste um den deutschen Film geehrt.

Im Gespräch mit dem rbb betonten die Akademie-Chefs Florian Gallenberger und Alexandra Maria Lara auch, wie wichtig es sein, gerade das junge Publikum an das Kino heranzuführen. Regisseur Gregor Schnitzler ist das wohl gelungen: Mit 1,5 Millionen Zuschauer:innen ist "Die Schule der magischen Tiere" als erster Kinderfilm "besucherstärkster deutscher Film des Jahres". Das setzt durchaus ein hoffnungsvolles Zeichen für die Zukunft des deutschen Kinos.

Die Preisträger stehen nach der Verleihung des Deutschen Filmpreises 2021 „Lola“ auf der Bühne neben Kulturstaatsministerin Monika Grütters (l, CDU). (Quelle: dpa/Soeren Stache)
Bild: dpa/Soeren Stache

Sendung: 24.06.2022, Das Erste, 22:45 Uhr

Alle Nominierungen im Überblick

  • Bester Spielfilm

  • Bester Dokumentarfilm

  • Bester Kinderfilm

  • Beste Regie

  • Bestes Drehbuch

  • Beste weibliche Hauptrolle

  • Beste männliche Hauptrolle

  • Beste weibliche Nebenrolle

  • Beste männliche Nebenrolle

  • Beste Kamera/Bildgestaltung

  • Bester Schnitt

  • Beste Tongestaltung

  • Beste Filmmusik

  • Bestes Szenenbild

  • Bestes Kostümbild

  • Bestes Maskenbild

  • Beste Visuelle Effekte

  • Ehrenpreis des Deutschen Filmpreises

  • Besucherstärkster Film

Beitrag von Ula Brunner

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