Buchpremiere | "Schlachtensee" in der Volksbühne - Helene Hegemanns Heimspiel

Di 21.06.22 | 08:15 Uhr | Von Corinne Orlowski
Autorin Helene Hegemann. (Quelle: imago/Future Image)
imago/Future Image
Audio: rbb24 Inforadio | 21.06.2022 | Corinne Orlowski | Bild: imago/Future Image Download (mp3, 4 MB)

Helene Hegemann galt schon mit 13 Jahren als literarisches Wunderkind. Jetzt ist sie 30 und hat gerade ihr fünftes Buch veröffentlicht. "Schlachtensee. Stories" heißt der Erzählband. Am Montag wurde in der Volksbühne eine besondere Premiere gefeiert. Von Corinne Orlowski

Es ist ein Heimspiel für Helene Hegemann. Die Berliner Volksbühne könnte so etwas wie ihr zweites Wohnzimmer gewesen sein, als noch ihr Vater Carl Dramaturg unter Frank Castorf war. Ihre Buchpremiere ist dann auch keine klassische Wasserglaslesung. Auf der Bühne steht eine breite rote Couch. Auf ihr können locker sechs Personen Platz nehmen. Aber als erstes setzt sich ein kleines Mädchen, eine Art Mini-Hegemann mit langen Haaren und einer beeindruckenden Selbstverständlichkeit neben den Schauspieler Daniel Zillmann.

"Guten Abend liebes Publikum. Sie wissen, was Snoopy gesagt hat?" – "Nein." – "Das weißt du nicht?" – "Nein, ich weiß nicht, was Snoopy gesagt hat." "Das ist einer der klügsten Sätze, die überhaupt jemals jemand gesagt hat. Eines Tages werden wir alle sterben." – "Das ist von Snoopy?" – "Nein, von Snoopy ist nur die Antwort. Eines Tages werden wir alle sterben. Und Snoopy sagt: Ja, aber an allen anderen Tagen nicht."

Etwas blass, aber mit trockenem Humor

So beginnt die erste Geschichte "Snoopy das Meer und ich" im Erzählband "Schlachtensee". Das ist der Ort, an dem Helene Hegemann all ihre Texte geschrieben hat, die den Leser zwar um die ganze Welt führen, aber nicht einmal an den titelgebenden See. Die insgesamt 14 Stories schreien nur danach, vorgetragen zu werden. Vor allem wegen der bildgewaltigen Sprache, die in einen nebensächlich wirkenden Plauderton gefasst ist.

Die bleibt in der Lesung aber erstaunlich blass. Als dann Marie Rosa Tietjen, die den Abend kurzweilig eingerichtet hat, Albrecht Schuch, der im Vergleich etwas verhalten bleibt, Daniel Zillmann, der umwerfend ist, und Helene Hegemann selbst auf der Couch Platz nehmen, arbeiten sie aber mit dem Skript in der Hand eine andere große Qualität der Geschichten heraus: den trockenen Humor.

"Wie nennt man das?" – "Offene Stelle im Mund?" – "Aphte?" – "Aphte, richtig." Helmut holt seinen Computer und geht auf www.dieaphte.de. Er liest den anderen die verschiedenen Schreibweisen und danach unkommentiert die gesamte Internetseite vor. Dauert ungefähr zwanzig Minuten, vielleicht fünfundzwanzig. "Was haben Terrormilizen voraus, was dem iranischen Geheimdienst fehlt? Wir wissen, wie man Aphten bekämpft."

Sich aufs Extrem einlassen

Die Autorin will, dass man sich aufs Extrem einlässt. Da wird in den insgesamt 14 Geschichten unter anderem ein Pfau mit einem Golfschläger getötet, wacht eine Snowboarderin unter einer Schneedecke auf oder kehrt ein Model von einer Russlandreise mit einer Chlamydien-Infektion im Auge zurück, weil sie in der Wolga gebadet hat.

Im Grunde geht es immer um geschundene Körper. Aber mehr noch als beim Lesen, kichert man in der inszenierten Version über die Gewalt der Gegenwart hinweg. Diese Widersprüchlichkeit verstört und beglückt zugleich. Der Musiker Max Gruber, besser bekannt als Drangsal, findet mit seiner E-Gitarre die passenden Sounds.

Umringt von Freunden

Helene Hegemann ist auf dem roten Sofa umringt von Freunden. Sie steht nicht im Mittelpunkt, erklärt nichts, lässt nur die Ausschnitte der Geschichten sprechen. Und das Publikum, das liegt ihr zu Füßen.

Sendung: rbb24 Inforadio, Kultur, 21.06.2022, 07:00Uhr

Beitrag von Corinne Orlowski

Nächster Artikel