Interview | Bar jeder Vernunft und Tipi am Kanzleramt - "Ich habe damals meinen neuen Steinway-Flügel verkaufen müssen"

Mi 08.06.22 | 18:04 Uhr
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Archivbild: Holger Klotzbach, Geschäftsführer Tipi am Kanzleramt und Bar Jeder Vernunft. (Quelle: imago images)
Audio: Interview mit Holger Klotzbach | 88,8 | 08.06.2022 | | Bild: imago images

Es wird eine glanzvolle Party: Die Bar jeder Vernunft feiert 30. Geburtstag, das Tipi am Kanzleramt wird 20 - zwei Berliner Provisorien, die stur einfach überdauert haben. Aus Gründen, sagt Geschäftsführer Holger Klotzbach.

Im Sommer 1992, vor 30 Jahren, wurde in Berlin-Wilmersdorf ein ziemlich ungewöhnlicher Veranstaltungsort für Unterhaltungskunst eröffnet, in einem Zelt auf einem Parkdeck der Freien Volksbühne: Geburtsstunde für die "Bar jeder Vernunft". Nach Startschwierigkeiten stellte sich überregionaler Erfolg ein. 2002 folgte ein zweites Theaterzelt: das Tipi am Kanzleramt. Am Mittwoch feiern sie eine glanzvolle Jubiläumsparty. Inhaber und Geschäftsführer der beiden Kulturinstitutionen ist Holger Klotzbach.

zur person

Der Kulturmanager und Unternehmer Holger Klotzbach, Jahrgang 1946, war 1977 Mitgründer des Schwarzen Cafés in Berlin und von 1981 bis 1988 Mitglied des Kabaretts Die 3 Tornados. Seit 1992 ist er Inhaber und Geschäftsführer der Bar jeder Vernunft und seit 2002 des Veranstaltungszeltes Tipi am Kanzleramt.

rbb: Herr Klotzbach, heute feiern sie ein Doppeljubiläum: Das Tipi am Kanzleramt wird 20 Jahre alt. Und die Bar jeder Vernunft wird sogar schon 30 - wie ist hier die Vorgeschichte?

Holger Klotzbach: Ich hatte 1989 das Quartier Latin umgebaut zusammen mit meinem Freund Lutz Deisinger. Nach drei Monaten waren wir pleite, weil wir die Baukosten überzogen hatten. Dann war ich arbeitslos und traf einen alten Freund aus Frankreich, der einen neuen Zirkus machte, der hatte ein Spiegelzelt in der Schweiz. Da haben wir gesagt, dann stellen wir mal ein paar Wochen die Bar jeder Vernunft dahin. Das war 1992 in einem heißen Juno, was schon allein irrwitzig war – im Juni ein Theater zu eröffnen. Aber wir hatten eben auch von nichts eine Ahnung – außer von Künstlern.

Sie hätten wahrscheinlich auch nicht gedacht, dass Sie Jahrzehnte später Geburtstag feiern, oder?

Nein, dass das so lange währen könnte, haben wir damals nicht zu hoffen gewagt. Wir waren ja dann auch im Herbst/Winter 1992 quasi pleite. Ich habe damals meinen gerade neu erworbenen Steinway-Flügel verkaufen müssen, um die ausstehenden Löhne zu bezahlen. Aber die Schirmherren, die wir schon hatten, haben uns zugesprochen, dass wir im Frühjahr wieder aufmachen sollen. Entscheidend war aber Meret Becker, die uns zusagte, dass sie bei uns eine Varieté-Produktionen der neuen Art machen würde. Das startete im März 1993, und alle sieben Wochen, die sie spielte, waren ausverkauft.

Sowohl die Künstler als auch die Fans sind Ihnen unglaublich treu, nicht wahr?

Wir sind alle alt geworden. Aber Gottseidank gibt es auch im Publikum Nachwuchs. Also die sterben nicht nur weg, sondern es kommt neues Publikum nach, weil wir ein vielfältiges, abwechslungsreiches Programm haben.

Viele Künstler sind bei Ihnen groß geworden.

Viele waren damals noch relativ unbekannt über die Stadt Berlin hinaus. Meret Becker wurde Tatort-Kommissarin, sie ist jetzt in Deutschland ein Superstar, wenn man so will. Die Geschwister Pfister spielen mittlerweile auch in der Komischen Oper. Eckart von Hirschhausen, der damals bei uns in einer Nachtshow zehn Minuten als Zauberkünstler hatte, und heute einer der gefragtesten Fernsehmoderatoren in Deutschland ist. Ja, das ist schön, dass die alle heute noch zu uns kommen. Und wenn sie nicht spielen können, dann schicken sie uns zumindest Grüße zum Jubiläum. Das liegt wohl auch daran, dass wir eben vielen Künstlern gestattet haben oder sie aufgefordert haben, etwas auszuprobieren. Eine jahrzehntelange Freundschaft ist so entstanden.

Ein Tipi und ein Kit Kat-Club der Zwanzigerjahre

Aber es liegt sicher auch an Ihnen und Ihrem Team, sie müssen schon ein bisschen was richtig machen.

Ich war ja selber lange Jahre mit den 3 Tornados auf Tour. Da haben wir uns umgezogen in Abstellräumen mit Obstkisten, Bierkästen und Staubsaugern drin. Was jetzt meine Motivation ist: "Wir müssen das für die Künstler anders gestalten, dass da Obst und Getränke und Plätzchen und so was in einer Garderobe sind, dass sie sich wohlfühlen". Das wirkt sich auch auf die Bühne und aufs Publikum aus.

Switchen wir mal zum Tipi am Kanzleramt, das seinen 20. Geburtstag feiert. Hierhin ein festes Zelt zu bauen, obwohl das Kanzleramt kommt, war nicht selbstverständlich.

Nee, das war ein wahnsinniger Glücksfall. Wir suchten eigentlich einen Festbau. Aber es gab nichts, was wir mehrere Monate hätten bespielen können. Da haben wir gesagt: Wir kaufen ein Zelt. Wir haben natürlich gesagt, dass es nur ein paar Monate stehen soll, sonst hätten wir den Platz gar nicht gekriegt. Aber da es allen Berlinern, auch den entscheidenden Politikern gut gefiel, konnten wir stehen bleiben. Wenn Frau Merkel von ihren Staatsgästen gefragt wurde, was sie vor ihrem Balkon sehe, sagte sie: "Sie sehen, das ist Berlin. Es ist nichts so von Dauer wie ein Provisorium."

Mittlerweile sind Sie kein Provisorium mehr, sondern professionell und im Zentrum des politischen Berlins.

Die Lage ist schon von Vorteil, denn wir finanzieren ja unsere Programme durch Galas. Das sind so Special Events, bei denen wir von großen Firmen wie der Deutschen Bahn oder der Produzentenallianz oder Parteien gemietet werden. Die bringen im Grunde das Geld und feiern deswegen so gerne bei uns, weil sie dann auch immer ihren Gästen sagen können: Gucken Sie mal raus, Sie können im Angesicht der Macht feiern.

Als Sie nach der Pandemie wieder aufgemacht haben, haben Sie eine sehr warmherzige Rede gehalten, wie sehr sie das Publikum und ihre Künstler vermisst haben. Wie ist der Publikumszuspruch?

Weil nach der Pandemie der furchtbare Krieg folgte, könnte der Ticketverkauf noch etwas steigen. Das belastet uns aber finanziell nicht so, weil wir eben durch diese Galas ganz gut über die Runden kommen und auch sehr großzügig von Bund und Land unterstützt worden sind. Sonst gäbe es uns nicht mehr. Aber es zieht an und ich denke, in den nächsten zwei Monaten werden wir wieder den Status von 2019 erreichen.

Müssen Sie sich eigentlich irgendwie verändern? Oder kann das jetzt die nächsten Jahrzehnte so weiterlaufen?

Wir müssen uns immer verändern und nach neuen Sachen suchen, die auch ihr neues Publikum finden müssten.

Video: Abendschau | 08.06.2022

Heute abend wird gefeiert - kommt denn viel Prominenz?

Ja, die Gästeliste liest sich sehr prominent. Also alle drei ehemaligen Bürgermeister, mehrere Senatoren, über hundert Künstler kommen, ein riesiges Presseaufgebot. Es ist alles da, was man sich wünschen kann zum Jubiläum. Das ist einfach klasse.

Vielen Dank für das Gespräch.

Mit Holger Klotzbach sprach Ingo Hoppe für rbb 88.8. Der Artikel ist eine gekürzte und redigierte Fassung. Das Originalinterview können Sie mit Klick auf das Audiosymbol oben im Beitrag nachhören.

Sendung: rbb 88.8, 08.06.2022, 18:30 Uhr

3 Kommentare

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  1. 3.

    Das sind beides tolle Veranstaltungsstätten, in denen ein schönes und interessantes Programm gezeigt wird.

  2. 2.

    " Ja, die Gästeliste liest sich sehr prominent. Also alle drei ehemaligen Bürgermeister, mehrere Senatoren.........." Marika R. " in Köln nennt man es " Klüngel "

  3. 1.

    Schon interessant, dieses Jammern auf hohem Niveau.
    Die Bar jeder Vernunft ist bekannt für ihre den Künstlern gegenüber knallharten Verträgen. Da gab es in Vergangenheit und Gegenwart keine Kulanz oder Entgegenkommen. Arm sind die Inhaber mit Sicherheit nicht.
    Lieber rbb, bitte nicht nur Monologe veröffentlichen sondern gerne auch mal kritische Gegenfragen stellen.
    Das Tempodrom mußte beispielsweise seinen angestammten Platz am Kanzleramt räumen. Kurz darauf erhielt Herr Klotzbach die Genehmigung, sein TIPI dort zu errichten.
    Seltsam zumindest, oder?

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