Jüdisches Filmfestival Berlin-Brandenburg - Familiengespräche übers Überleben

Mo 13.06.22 | 17:03 Uhr | Von Kirsten Dietrich
Ein Plakat mit Infos zum Jüdischen Filmfestival steht in der Innenstadt. Das Festival findet vom 14. bis 19. Juni 2022 in Potsdam statt und startet mit dem Film «Eine Frau» der Regisseurin Jeanine Meerapfel. (Quelle: dpa/M. Skolimowska)
Video: rbb24 Brandenburg Aktuell | 14.06.2022 | Tim Jaeger | Bild: dpa/M. Skolimowska

Das Jüdische Filmfestival Berlin-Brandenburg bietet seit fast 30 Jahren genaue und bewegende Einblicke in das, was jüdisches Leben heute ausmacht. Ein Schwerpunkt dieses Jahr: Familiengeschichten, die nicht nur von der Schoah handeln. Von Kirsten Dietrich

Der Holocaust ist im Programm dieser Ausgabe des Jüdischen Filmfestivals Berlin-Brandenburg (14. bis 19. Juni ) präsent wie selten in den vergangenen Jahren. Vielleicht getrieben vom Wissen, dass jetzt die letzten Jahre sind, in denen die Überlebenden ihre Geschichten erzählen können. Aber Überleben, das wird im diesjährigen Programm besonders klar, hat Folgen weit über die Zeit des Nationalsozialismus hinaus.

Mit der wiedergefundenen Schwester endlich wieder streiten

Der Dokumentarfilm "Adam & Ida" erzählt die Geschichte der gleichnamigen Zwillingsgeschwister: Als kleine Kinder wurden sie getrennt. Die Mutter beging Suizid, eine ältere Schwester blieb verschollen. Ida und Adam überlebten den Nationalsozialismus, beide bei polnischen Familien. Ihre Überlebensgeschichte erzählt auch davon, wie vielschichtig so ein Begriff wie "Rettung" ist. Oder wie der Untertitel des Films andeutet: "Almost a Fairytale" – nur fast ein Märchen.

Ida kam in eine liebevolle Familie, musste sich aber später mühsam ihre Identität als Jüdin wieder erkämpfen. Adam dagegen wusste immer, dass er Jude ist, suchte aber vergeblich nach familiärer Wärme. Als die beiden sich nach langer Suche Mitte der 1990er Jahre wiederfanden, war das Erlösung – aber nicht die Heilung aller Wunden. Die Geschwister ringen mit der Vergangenheit – und sie streiten, wie das Geschwister eben tun. Auch wenn er heute bei ihr in den USA lebe, sei Adam eigentlich in Polen geblieben, klagt Ida. Zehn Jahre lang sei seine Schwester für ihn ein Engel gewesen, dann sei sie zu einer Schwester geworden, kontert Adam.

Das Haus als einzig sicherer Ort auf der Welt

Wie lebt es sich mit Müttern, die den Holocaust überlebt haben? Zwei beeindruckende Filme zeigen, wie schwer das sein kann. In "Housewitz" nähert sich die niederländische Dokumentarfilmerin Oeke Hoogendijk dem Leben ihrer Mutter mit der Kamera. Ihre Mutter Lous verlässt nie das Haus. Sie habe Platzangst, alles außerhalb von Haus und Bett sei unsicher, erklärt Lous sehr freimütig.

Als Jugendliche überlebte sie die Konzentrationslager von Theresienstadt und Westerborg. Als Erwachsene fürchtet sie nichts mehr, als noch einmal die Kontrolle über ihr Leben zu verlieren. Dieser Suche nach Stabilität ist alles untergeordnet: Mutter und Tochter erinnern sich an eine Zeit, als die Tochter schwerkrank sechs Wochen im Krankenhaus war – nicht einmal dann konnte die Mutter ihr Haus verlassen. Zu Besuch kam nur der Vater und brachte abgepumpte Muttermilch.

Ein Film, der um eine alte Frau kreist und sich nie weit vom Haus wegbewegt: Aus dieser Situation hat Oeke Hoogendijk ein bewegendes Porträt gemacht. Die Regisseurin zeigt ihre Mutter sehr liebevoll als eigenständige Frau mit einer schwarzhumorigen Schlagfertigkeit. Aber diese Autonomie ist hart erkämpft.

"Ich will keine Überlebende sein, ich will leben"

"Evolution" vom ungarischen Regiepaar Kornél Mundruczó und Kata Wéber nähert sich dem unterschiedlich erlebten Trauma durch die Generationen mit den Mitteln des Spielfilms. Beim Säubern einer Baracke in Auschwitz-Birkenau finden Soldaten ein Baby: Eva. Eva wird gerettet – aber ihr Trauma gibt sie weiter an ihre Tochter Lena. "Ich will keine Überlebende sein, ich will leben", wirft die Jahrzehnte später ihrer Mutter an den Kopf. Sie habe es sich verdient, es auch mal einfacher zu haben im Leben. Aber die Mutter verweigert sich diesem Wunsch, aus einer Mischung von lebenslanger Erfahrung von Antisemitismus und beginnender Demenz.

Der Film ist angelegt als Triptychon: Drei Teile zeigen drei Generationen, die miteinander ringen und mit sich selbst. Im letzten Teil will Enkel Jonas im Berlin der Gegenwart einfach nur dazugehören. In der Schule wird er als Jude gemobbt, eine überforderte Lehrerin will vor allem das Gesicht der Schule wahren, seine Mutter kann ihm keine wirkliche Hilfe sein. Immerhin, Jonas ist jung und lebt in ruhigeren Zeiten. Deshalb ist vielleicht eine zarte erste Liebe der Anfang zu etwas Neuem.

Die Schattenseiten des Patriarchen

Eine weitere komplexe Familiengeschichte erzählt die Dokumentation "Blue Box" der israelischen Regisseurin Michal Weits. Die Auseinandersetzung zwischen den Generationen dreht sich darin nicht um den Holocaust, sondern um die Entstehung des Staates Israel. Joseph Weits, der Urgroßvater der Regisseurin, organisierte maßgeblich frühe Landkäufe vor der Staatsgründung 1948 und Wiederaufforstungsprogramme danach. Aber er befürwortete eben auch maßgeblich die Vertreibung der arabischen Landbevölkerung nach dem Unabhängigkeitskrieg.

Aus Hügeln mit Dörfern wurden Wälder mit Ruinen. Bäume, eigentlich Symbol des Lebens, stehen jetzt Wache wie Soldaten, wie Michal Weits sagt. Sie konfrontiert ihren Vater und ihre Onkel, Cousins und Cousinen mit der Frage, ob nicht ein neuer Umgang mit dem verehrten Gründervater nötig wäre. Ja, sagt die jüngere Generation. Darüber kannst du von heute aus doch gar nicht urteilen, die ältere.

Das Jüdische Filmfestival [jfbb.info] läuft vom 14.-19. Juni. Anders als in den vorigen beiden Jahren sind die Filme dieses Jahr nicht online zu sehen. Die Festivalmacher setzen ganz aufs Kino, die Filme laufen in Berlin und Potsdam.

Sendung: rbb Kultur, 14.06.2022, 07:10 Uhr

Beitrag von Kirsten Dietrich

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