Kritik | "Meistersinger", Deutsche Oper - Wagner polarisiert noch immer und immer wieder

Mo 13.06.22 | 10:06 Uhr | Von Maria Ossowski
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Übersicht der Fotoprobe des Opernstück "Die Meistersinger von Nürnberg" von Richard Wagner am 07.06.2022 in der Deutsche Oper Berlin. (Quelle: dpa/Gerald Matzka)
Audio: rbb24 Inforadio | 13.06.2022 | Barbara Wiegand | Bild: dpa/Gerald Matzka

An der Deutschen Oper kocht nach sechs Stunden ein Opernhaussaal mit knapp 2.000 Gästen: Ein für Wagnerverhältnisse erstaunlich kurzweiliger Abend mit einem Coup am Schluss. Die Meistersinger überzeugten Maria Ossowski restlos.

Wenn nach sechs Stunden ein Opernhaussaal mit knapp 2.000 Gästen kocht, wenn Buhs und Bravos sich ins Gekreische steigern, dann heißt das: Wagner polarisiert noch immer und immer wieder. Seine Meistersinger haben stumpfe Deutschtümelei, die Hitlerei, karge Nichts als Bühnenbilder, die Grundgesetzfragen als roten Faden, Superkitschplastikblüten, regnende Turnschuhe und Heldenbashing ertragen. Barrie Koskys grandiose Bayreuth-Story aus dem Hause Wahnfried übers Pogrom bis zum Nürnberger Gerichtshof setzte Maßstäbe.

Klaus Florian Vogt singt mit hell-strahlender, überragend-einzigartiger Stimme

Und jetzt an der Deutschen Oper Berlin der topaktuelle Schwenk an die Münchner Musikhochschule, den alten Führerbau der NSDAP, seit einiger Zeit in den Schlagzeilen wegen Machtmißbrauchs und Metoo-Skandalen. Das Regie-Trio Jossi Wieler, Anna Viebrock und Sergio Morabito präsentiert jene Meister, die den Gesang beurteilen, gleichzeitig als Hochschullehrer im ollen Habitus.

Eilfertige Studenten, fiese Intriganten und geile Dozenten buhlen um die Währung in der Szene: Aufmerksamkeit, um Profil zu gewinnen und die eigene Karriere zu fördern. Was theoretisch bemüht modern und woke klingt, passt praktisch auf der Bühne erstaunlich gut. Stolzing ist der Newcomer, der Hochbegabte, vor dem alle Angst haben. Kein Wunder bei Klaus Florian Vogts hell-strahlender, überragend-einzigartiger Stimme.

Ein für Wagnerverhältnisse erstaunlich kurzweiliger Abend mit einem Coup am Schluss

Beckmesser hingegen ist blasser Durchschnitt, irre ehrgeizig, aber zu seinen Schauersongs rocken und tanzen die Studierenden, denn Philip Jekal aus Leipzig macht eine Riesenshow aus seiner verunglückten Performance, am Flügel, in der Aula.

Und der Gute, der edle Hans Sachs, bei Wagner ein verwitweter Nürnberger Schustermeister mit treudeutschem Getue, ist hier ein übler Intrigant. Der dänische Bariton Johan Reuter zeigt alle dunklen Seiten dieser Figur. Das Evchen der amerikanischen Sopranistin Heidi Stober ist ein hauchzartes Geschöpf mit hohem Ton. Gemeinsam im dritten Aufzug schaffen sie ein Gänsehautfeeling.

Ritter Stolzings Preislied schließlich reißt sie alle hin, die Hochschullehrer, die Studentinnen und Studenten und das Publikum.

Aus dem Graben erklingt ein Orchester, das wagnergestählt ist und kleine Unsicherheiten des Dirigats von Markus Stenz souverän ausgleicht. Der Chor dieses Hauses spielt und singt auf Weltklasseniveau. Insgesamt ein höchst unterhaltsamer, für Wagnerverhältnisse erstaunlich kurzweiliger Abend mit einem Coup am Schluss.

Das Liebespaar Stolzing und Eva hat keinen Bock auf deutsche Meister und verschwindet nach dem Studium einer Reiseroute im Zuschauerraum. Sachs preist seine Deutschen in gewohnt schrecklichem Text, die Hochschule legt ihm die Meisterkette um, Peng und Schluss. Bravo oder Buh? Hingehen und selbst entscheiden. Die Rezensentin ist jedenfalls restlos begeistert.

Sendung: rbb24 Inforadio, 13.06.2022, 6:55 Uhr

Beitrag von Maria Ossowski

5 Kommentare

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  1. 5.

    Bravo, glänzend analysiert .Wen interessiert denn schon der Antisemitismus als gängige Geisteshaltung im 19.Jrhdt. etwa bei Chopin,W.Busch, Fontane,wo wir doch Wagner haben?. Wagners geniales Werk hat zudem mit Deutschtümelei so wenig zu tun wie Verdi mit Rissorgimento.In den MS geht es nicht um die Deutschen und ihr Reich,sondern um deren Kunst und demokratische Pflege derselben .Das kann und will die Rezensentin nicht begreifen,Klischees zu bedienen ist ja auch einfacher.

  2. 4.

    Es geht doch schon längst nicht mehr um die Kultur, sondern um eine politische Haltung.
    Während Antisemiten wie Marx (mit einer eigenen Ausstellung) und Luther(ich erinnere an die überbordende Festlichkeit, wo Merkel und Obama den huldigten), soll Wagner diffamiert, demontiert werden.
    Und da werden alle Register gezogen.
    Das lässt mich an die Zeiten der chinesischen Kulturrevolution denken.
    Oder an die Zeit der Kulturbolschewisten in der DDR, die den Bürgern vorzuschreiben versuchten, was sie zu hören haben.

  3. 3.

    Mit Rezension (geschweige denn Kritik) hat der Artikel von Frau Ossowski relativ wenig zu tun, fehlt ihr doch Kenntnis und Wissen um die Musik bzw. über die Musik- und Opernszene, wie der Berliner es z.B. von Kai Luehrs-Kaiser gewohnt ist. Ihr Beitrag ist nicht mehr und nicht weniger ein Erfahrungsbericht. Schön, nett und uninteressant. Wer KFV's Stimme als "überragend" tituliert, hat schlicht und ergreifend keine Ahnung von Wagner. Liebe Frau Ossowski, die Oper verdient es nicht, dass man bei ihr nur an der Oberfläche kratzt.

  4. 2.

    Unglaublich dass man diese Kritikerin noch rezensieren lässt. Sachs als deutschtümelnde Figur zu bezeichnen. In den Meistersingern geht es um Wagners Kunstverständnis, die Reibungsflächen im damaligen Kunstbetrieb. Das Problem, dass Außenseiter es schwer haben sich gegenüber dem Etablishment zu behaupten und ja, auch um die Abgrenzung zum "welschen" Opernbetrieb. Wagner identifiziert sich in diesem Stück mit gleich 3 Figuren: (Stolzing, Sachs und David). Das hat in Bayreuth Barry Kosky toll herausgearbeitet. Die letzten 3 Worte von Sachs: Die heilge deutsche KUNST! Da liegt die Betonung in der Partitur (da sollte Frau O mal reinschaue)auf KUNST. Dort steht die Fermate und nicht auf deutsch. Dass Walter und Eva am Schluss das Weite suchen gab es auch schon in anderen Inszenierungen! Ebenso die Musikhochschule (toll: Tobias Kratzer in Karlsruhe). Man lese den Wahn Monolog dann wird man Sachs nicht mehr als Deutschtümler bezeichnen. Wahn, Wahn, überall Wahn!

  5. 1.

    Wenn ich die Überschrift und den Autor sehe, weiß ich schon, was im Text steht. Ich weiß ja auch, wer von den Autoren gerade mit den Unterhaltszahlungen/Miete/... im Rückstand ist und deshalb in einer gewissen Richtung schreiben muss.
    Und, dass die Kritikerin anscheinend die Aufführung nicht gesehen hat.
    Ich war begeistert, wie der Großteil der Zuhörer.
    Das es die einen oder anderen Störer gab, denen nichts an der Darbietung, sich aber am Namen Wagener reiben.
    PC nennt man das heute und mit Kunst und Kunstverständnis hat das gar nicht zu tun.

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