Theaterkritik | "Geschwister" im Gorki - Mit Gespenstern am Abendbrottisch

Sa 18.06.22 | 12:28 Uhr | Von Cora Knoblauch
Szene aus "Geschwister" von Ersan Mondtag am Berliner Maxim-Gorki-Theater (Quelle: Birgit Hupfeld)
Audio: radioeins | 18.06.2022 | Anja Penner | Bild: Birgit Hupfeld

Wie Gespenster bewegen sich die Figuren in Ersan Montags "Geschwister" über die Bühne des Gorki-Theaters. Das Stück über Kontinuität und Verdrängung in westdeutschen Familien ist am Ende ernüchternd und frustrierend. Von Cora Knoblauch

Eine gutbürgerliche Villa in Berlin-Wannsee, Juni 1967. Schweinebraten, Knödel und rote Soße soll es geben an diesem Abend. Gekocht von der jungen türkischen Haushälterin Fatima. Dass die sich vor dem Schweinefleisch ekelt, amüsiert die Westberliner Familie. "Die Mohamedaner haben ja so ihre Probleme mit Schweinefleisch" erklärt die Tochter ihrer Mutter. "Solche Probleme möchte ich mal haben", schnauft sie verächtlich.

Willkommen im westdeutschen Muff der 1960er Jahre! Das Radio dudelt, der Schah von Persien ist gerade zu Besuch, an der Deutschen Oper in Berlin-Charlottenburg werden Demonstranten von der Polizei niedergeknüppelt. Das Essen wird fast kalt, denn es fehlt die Schwester Elisabeth, das schwarze Schaf der Familie.

Kein freundliches Wort

Regisseur Ersan Mondtag hat das Bühnenbild seiner Inszenierung "Geschwister", die am Freitagabend im Berliner Maxim-Gorki-Theater Premiere feierte, nicht selbst gestaltet wie sonst. Die Bühne hat er dieses Mal Simon Lesemann überlassen.

Die wenden in der ersten Hälfte des Stücks einen besonderen Trick an. Mithilfe eines kalten Bühnenlichts verschwindet aus dem bürgerlichen Speisezimmer der Villa am Wannsee sämtliche Farbe und das Setting wirkt wie ein Schwarz-Weiß-Film aus den 1960er Jahren.

Der körperlich alle überragende Vater ist unangefochtener Hausherr der Familie, die tägliche Portion Verachtung drückt er seiner Frau so nebenbei rein, Misogynie als gesellschaftlich konformes Dominanzgehabe. Als Richter bemüht er sich, Kollegen von ihrer NS-Vergangenheit reinzuwaschen, die Kameraden von damals bleiben die Freunde von heute.

Als die Familie dann endlich gemeinsam am Tisch sitzt, wird die drückende Stimmung bis in den Publikumsraum spürbar. Die Wanduhr tickt, das Tischgebet wird gesprochen, kein freundliches Wort, keine liebevolle Geste. Falilou Seck und Çiğdem Teke spielen sehr eindrücklich die beiden Eltern, ein Paar, das sich durch die NS-Zeit so durchlaviert hat und zu keinem Gespräch fähig ist. Das jüngste Kind, Sohn Friedrich, ist in dieser schwer belasteten Familie auf eigene Weise verstummt: Fritz stottert so schwer, das er kaum zu verstehen ist.

Das gemeinsame Abendessen endet jäh, als die Tochter Elisabeth bekannt macht, dass sie auf der Demo gegen den Schah-Besuch gesprochen hat und in der linken Szene aktiv ist. Sie packt ihren Koffer, dreht den Gasherd auf und schleicht nachts aus dem Haus. Die Familie überlebt knapp.

Ernüchternd und frustrierend

Nun vollbringt das Stück einen Zeitsprung. In einem zweiten Teil treffen sich die Übriggebliebenen 30 Jahre später. Vater und Mutter sind mittlerweile tot, Elisabeth bei einer Demo ums Leben gekommen. Immer noch in der Villa ist Haushälterin Fatima, mittlerweile eine alte Frau, die das Haus über all die Jahre zusammengehalten hat.

Friedrich, im zweiten Teil gespielt von David Bennent, steht vor der Tür. Zur Testamentseröffnung seines verstorbenen Vaters ist er zurückgekehrt. Doch er will kein Geld, kein Erbe. Einzig allein die Akten, die Tagebücher, das Archiv seiner Eltern interessieren ihn.

Doch Schwester Eva-Maria ist nicht bereit, diesen Teil der Familiengeschichte zu öffnen. Sie hat sich entschieden zu vergessen. Während die Verstorbenen nun wie Zombies durch die Villa geistern, bleiben die Übriggebliebenen beschädigt zurück.

Bekannte Botschaft: Familiäres und gesellschaftliches Schweigen lässt die Gespenster der Vergangenheit nicht verschwinden, im Gegenteil. Hier lässt die Inszenierung die Zuschauer irgendwie im Stich. Statt mit einem dramaturgischen Höhepunkt, einer Überraschung oder unerwarteten Finte, endet die Geschichte abrupt im September 2000.

Die Familie sitzt - halb Gespenster, halb Lebende - wieder am Essenstisch, das Radio berichtet vom unerklärlichen Mord an einem türkischstämmigen Blumenhändler bei Nürnberg. Das Schweigen, die Sprachlosigkeit und der unbedingte Wille, in bestehende Kontinuitäten deutscher Geschichte nicht hineinschauen zu wollen, findet seine Fortsetzung in den NSU-Morden.

Hier endet das Stück. So wie die NSU-Akten geschreddert oder unter Verschluss sind, bleibt das Familienarchiv verschollen. In Ersan Mondtags Stück gibt es keine Versöhnung, keine Erlösung, die Geschwister finden nicht zusammen. Der:die Zuschauer:in bleibt mit der bitteren Erkenntnis allein: So wie es war, geht es weiter, eine Veränderung oder gar ein Aufbruch ist nicht in Sicht. Das ist für ein Theaterstück ernüchternd, für die Realität frustrierend.

Hinweis: Das Maxim-Gorki-Theater teilte am Montag nach Veröffentlichung des Textes mit, dass - anders als im Abendzettel vermerkt - nicht Marek Mauel für das Licht verantwortlich gewesen sei, sondern Regisseur Ersan Mondtag. Wir haben eine Stelle im Text deshalb geändert.

Sendung: Inforadio, 19.06.22, 8 Uhr

Beitrag von Cora Knoblauch

Nächster Artikel