Konzertkritik | Zaz im Admiralspalast - Flipperkugel mit Hammerstimme

Mi 01.06.22 | 11:24 Uhr | Von Hendrik Schröder
Archivbild: Die Sängerin und Songwriterin Zaz (eigentlich Isabelle Geffroy ) während eines Konzerts. (Quelle: dpa/R. Goldmann)
Audio: rbb24 Inforadio | 01.06.2022 | Hendrik Schröder | Bild: dpa/R. Goldmann

Die französische Sängerin Zaz begann ihre Laufbahn als Straßenmusikerin. Vor zehn Jahren feierte sie mit ihrem ersten Album den Durchbruch. Am Dienstag begeisterte sie mit ihrem "Nouvelle Chanson" den ausverkauften Admiralspalast. Von Hendrik Schröder

Schon der Beginn ist so gut wie unkonventionell. Während die Band auf der Bühne loslegt, die Saallichter aber ziemlich hell bleiben und man sich schon wundert, kommt Zaz von hinten in den Zuschauerraum und geht singend an den verdutzten Leuten vorbei, sie zwängt sich durch eine komplette Sitzreihe, sitzt den Fans fast auf dem Schoß, singt die Leute einzeln an und klettert dann unter bewundernden Blicken auf die Bühne.

Der ausverkaufte Admiralspalast ist nach den vier Minuten Intro schon in Flammen. Also metaphorisch gesprochen. Denn diese Frau ist wirklich eine Erscheinung. Im glitzernden Hosenanzug hüpft und springt sie über die Bühne, ist nicht zu halten. Wie ein Rennpferd, das endlich losgelassen werden will, wie eine Flipperkugel. Keine Sekunde steht sie still.

Sängerin ZAZ
Bild: abaca

Engtanz und Euphorie

Die Zuschauer reißt es immer wieder von den Sitzen. Dieser Energie, dieser Freude kann sich keiner entziehen. Zeitweise sitzt gerade auf den Rängen niemand mehr, Paare machen Engtanz auf minimalstem Raum zwischen den Stuhlreihen, ganz vorne vor der Bühne steht eine Frau mit grauen langen Haaren und zwei Kindern und alle drei gehen zu fast jedem Song ab, als wäre es der letzte Abend vor dem nächsten Lockdown.

Zaz liest unterdessen mit Lesebrille auf der Nase eine Ansage auf Deutsch vor, vom Zettel, mit einer extra albernen Stimme, das ist lustig, das ist richtig cool. Es geht um irgendwas mit den fünf Elementen, die alle auf der Bühne versammelt seien. Dann zündet sie eine Kerze an und legt wieder los.

Vor Glück schreien oder leise weinen?

All das wird natürlich getragen von dieser mitreißenden Stimme. Zaz singt so schmissig, so tänzelnd, dabei immer leicht brüchig. Es klingt manchmal wie ein Bier zu lange in der Kneipe gesessen aber eben so gut, dass der Ton am Ende immer hält. Das ist so romantisch, so wild, so zart und entschlossen und melancholisch zugleich. Man könnte leise weinen - oder schreien vor Glück, bei demselben Song wohlgemerkt.

Vier Alben hat sie mittlerweile veröffentlicht, die ersten waren am erfolgreichsten, aber gut sind sie alle. Das jüngste wurde 2021 veröffentlicht, auch daraus spielt sie ein paar Nummern.

Frankophiler Musikantenstadl

Das Publikum ist weiter im Vollgasmodus und klatscht alle Lieder rhythmisch mit. Alle. Das nervt ein bisschen nach einer Weile, fühlt sich an wie im Musikantenstadl, aber was solls. Zaz schmeißt sich unterdessen beim Gitarrensolo vor dem Gitarristen auf die Knie. Haut dem Drummer auf die Becken, tupft dem Basser mit einem Handtuch die schweißnasse Stirn ab.

Überhaupt, diese fünfköpfige Band aus gut aussehenden Typen mit Bärten und in schwarzen Hemden spielt so perfekt und leichtfüßig. Gitarrist und Bassist werfen sich immer wieder kleine heimliche, verschmitzte, schnelle Blicke zu. Entweder mögen die sich so richtig gerne oder haben eine Wette laufen, wer sich dann doch mal minimal verspielt, was der normale Zuschauer aber gar nicht merkt. Ein ganz starker Auftritt von Zaz und Band.

Sendung: rbb24 Inforadio, 01.06.2022, 06.00 Uhr

Beitrag von Hendrik Schröder

Nächster Artikel