Konzertkritik | Gilberto Gil in Berlin - Der sympathische Patriarch

Mi 06.07.22 | 12:06 Uhr | Von Andrea Handels
Archivbild: Gilberto Gil spielt bei einem Konzert auf der Akustik-Gitarre. (Quelle: dpa/V. Carvalho)
Audio: rbbKultur| 06.07.2022 | Andrea Handels | Bild: dpa/V. Carvalho

80 Jahre alt ist Gilberto Gil in diesem Jahr geworden - seine Spielfreude und Bühnenpräsenz hat sich die brasilianische Musik-Ikone erhalten. Auf der Dachterrasse vom Haus der Kulturen der Welt bekam er tosenden Applaus - auch von Andrea Handels.

Gilberto Gil ist einer der populärsten und berühmtesten Musiker Brasiliens. Seit den 1960er Jahren steht er auf der Bühne, hat die brasilianische Musik revolutioniert, diverse Grammys gewonnen und war zwischenzeitlich sogar Kulturminister Brasiliens. Jetzt ist er 80 geworden und tourt mit seiner großen Familienband durch Europa.

Archivbild: Gilberto Gil spielt mit seiner Band in Wien. (Quelle: dpa/H. Punz)
Bild: dpa/H. Punz

Mit 80 Jahren voller Spielfreude

Sehr fit wirkt er, als er mit seinen 12 Musiker:innen auf die Open-Air-Bühne unter der Schale der "Schwangeren Auster" kommt. Das Publikum, das, so scheint es, zu drei Vierteln aus Brasilianer:innen zu besteht, empfängt Gilberto Gil mit Sprechgesängen und Begeisterungsstürmen. Er freut sich sichtlich, mal wieder in Berlin zu sein, hat hier schon viele Konzerte gegeben. Seine Stimme ist nach wie vor gut, sein Gitarrenspiel sowieso, und als er sogar ein wenig tanzt, sind die Leute hingerissen.

Es ist ein Konzert mit vielen großen alten Gilberto-Gil-Hits wie dem Reggae-Titel "Vamos fugir" oder der Hymne an Rio de Janeiro "Aquele Abraço", die er auch zur Eröffnung der Olympischen Spiele 2016 gesungen hat. Dazu Titel von Olodum oder Joao Gilberto, und noch ein paar Extras wie den Beatles-Song "Get back", für den er eine portugiesische Textversion geschrieben hat, oder den Klassiker "Girl from Ipanema". Eine Art Best-of der brasilianischen Musik also, die Stimmung ist entsprechend gut.

Musikalische Großfamilie - auch als Amazon-Serie

Und Gilberto Gil hat viele Mitglieder seiner großen Familie mitgebracht, alle tragen bunte Hemden oder Kleider mit großen, afrikanisch inspirierten Mustern. Immer wieder im Verlauf des Konzerts geben einige seiner Kinder und Kindeskinder eine Extraperformance.

Die 14-jährige Enkelin Flor singt mit glockenheller Stimme im Duett mit ihm "Girl form Ipanema", seine Tochter aus erster Ehe, Nara, tritt als Backgroundsängerin und Solistin auf, andere spielen Gitarre, Bass, viele Percussions. Gilberto Gils Söhne José, Francisco und Joao haben eine eigene Band gegründet namens "Gilsons", also "Gilssöhne", auch davon gibt es Kostproben. Besonders Joao überzeugt mit seiner tollen Stimme, die unter die Haut geht. Und sogar ein kleiner, etwa 6-jähriger Mini-Enkel mit Gitarre ist dabei, der von den anderen hochgehoben werden muss, damit man ihn auf der Bühne überhaupt über die vielen Köpfe hinweg sieht

Die Gils sind wirklich eine sehr musikalische Familie und diese Konzerttournee mit dem Titel "Nós, a gente" ("Wir, die Menschen") findet im Zusammenhang mit einer brasilianischen Amazon-Prime-Serie über die Familie Gil statt: "Em Casa com os gil" ("Bei den Gils zu Hause"), eine Mischung aus Homestory und Musikfilm. Der erste Teil ist im Landhaus von Gilberto Gil in den Bergen bei Rio de Janeiro gedreht, wo die ganze Familie zusammenkam. Der zweite Teil wird jetzt bei dieser Tournee gedreht, die die Gils durch Europa führt. Gestern Abend wurde auch in Berlin dafür gefilmt.

Publikum kennt Texte auswendig

Gilberto Gils Bedeutung für die brasilianische Musik und Kultur ist enorm. In den 1960ern hat er gemeinsam mit Caetano Veloso die Tropicalismo-Bewegung gegründet, traditionelle brasilianische Musik wie Samba, Bossa Nova oder Forró haben sie mit E-Gitarren, mit Rock, Pop und Reggae zusammengebracht. So ist tolle neue Musik entstanden, die die Welt erobert hat.

Inzwischen hat Gilberto Gil mehr als 50 Alben herausgebracht, und seine Songs sind in Brasilien regelrechte Hymnen, was auch beim Berliner Konzert zu spüren ist: Das Publikum kennt alle Texte auswendig.

Erster schwarzer Kulturminister Brasiliens

Gil hat sich immer auch schon politisch engagiert, nicht nur in seinen Liedern. Deshalb saßen er und Caetano Veloso im Gefängnis und mussten sogar Anfang der 1970er für einige Jahre ins Exil nach London, als in Brasilien Militärdiktatur herrschte. Zurück in Brasilien trat er ein für soziale Gerechtigkeit, für die Menschen in den Elendsviertel, den Favelas, und für schwarzes Selbstbewusstsein. 2003 wurde er unter dem linken Präsidenten Lula da Silva der erste schwarze Kulturminister Brasiliens und blieb es fünf Jahre lang.

Lula da Silva tritt bei den Präsidentschaftswahlen im Oktober gegen den rechtspopulistischen Amtsinhaber Bolsonaro nochmal an und es heißt, er habe gute Chancen. Beim Konzert werden vom Berliner Publikum immer wieder gespreizte Daumen und Zeigefinger in die Luft gehalten – das soll ein L sein und steht für Lula.

Ein gelungener Konzertabend

Eine fröhliche, bunte Truppe auf der Bühne, Gilberto Gil als glücklicher Patriarch in der Mitte gut aufgehoben, viel sympathische Interaktion mit dem Publikum, auf englisch und auf portugiesisch – insgesamt ein tolles Konzert. Dazu diese schöne Kulisse: das geschwungene Dach vom Haus der Kulturen der Welt mit farblich wechselnder Beleuchtung, der Sonnenuntergang über der Spree. Da hat es niemand übelgenommen, dass es keine richtige Zugabe gab. Immerhin: anderthalb Stunden auf der Bühne, für einen 80-Jährigen eine tolle Leistung.

Sendung: rbbKultur, 06.07.2022, 08.10 Uhr

Beitrag von Andrea Handels

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