Jazzpreis Berlin - Cymin Samawatie verlässt die Genres

Di 05.07.22 | 11:47 Uhr
Cymin Samawatie (M) tritt mit ihrem Quartett Cyminology beim Heimatabend im Schloss Bellevue auf. (Quelle: dpa/Christoph Soeder)
Audio: rbb24 Inforadio | 05.07.2022 | Holger Zimmer | Bild: dpa/Christoph Soeder

Japanische Zither, chinesische Mundorgel, Ney- Flöte: Cymin Samawatie läßt sich nicht in Schubladen sortieren. Die Musikerin überrascht immer wieder mit eigenen Visionen und Grenzgängen. Nun erhält sie den Berliner Jazzpreis. Von Holger Zimmer

Die Berliner Sängerin, Komponistin, Pianistin, Bandleaderin und Dirigentin Cymin Samawatie ist derzeit in aller Munde: Erst im April ging der "Deutsche Jazzpreis" in der Kategorie "Ensembles des Jahres" an eine ihrer Leidenschaften: Das "Trickster Orchestra".

"Trickster" erfindet Welten

Das "Trickster Orchestra" ist aus ihrer Band "Diwan der Kontinente" entstanden. Dort hatte sie unterschiedliche Jazzmusiker und auch Mitglieder der Berliner Philharmoniker zusammengebracht. Das "Trickster Orchestra", geleitet gemeinsam mit dem Perkussionisten Ketan Bhatti, entwickelt mit Instrumenten wie etwa der chinesischen Mundorgel Sheng, der japanischen Zither Koto, oder der Ney- Flöte aus der arabischen Tradition neue Klangfarben.

Cymin Samawatie ist dabei wichtig, keine vorgegebene Musikrichtung zu bedienen. Die Musik entsteht im Raum. Mit den Musikern, die ihre eigene Traditionen einfließen lassen. Wenn alle aus ihrer Komfortzone herausgehen, so die Erfahrung von Cymin Samawatie, dann entsteht etwas wirklich Neues: Klänge, die kein festes enges Genre bedienen müssen.

Cymin Samawatie; © Silke Weinsheimer
Bild: Silke Weinsheimer

Vielsprachig und farbig

Die Texte des "Trickster Orchestra" werden, oft auch simultan, in verschiedenen Sprachen gesungen, etwa in der persischen Sprache Farsi, auf Hebräisch, Kurdisch oder Arabisch. Cymin Samawaties Weg findet Anklang. Die Preise und hochkarätigen Konzerte in Cymin Samawaties Karriere häufen sich: Letztes Jahr war sie im Konzerthaus zu Gast mit dem "Sound von Berlin", im Juni bekam Sie den "Tonali"- Award, verliehen in der Hamburger Elbphilharmonie, und nun eben auch noch den Jazzpreis Berlin.

Mit Kinderliedern sich selbst befreit

Schon als kleines Kind hat Cymin Samawatie leidenschaftlich gerne improvisiert. Ihr Vater nimmt ihre Lieder auf, Kinderlieder, die sie neu miteinander kombiniert hat, dazu ihre eigenen Texte – eine Mischung aus dem, was sie als Kind gerade beschäftigt. So entsteht ihre erste eigene Musik - aus Freude und Intuition heraus, jenachdem wie es ihr gerade ging. Später dann im Gymnasium kam Cymin Samawatie mit Klassik in Berührung und merkte: Ich möchte Musik machen.

Sackgasse Lehramt

Von ihrem Geburtsort Braunschweig aus ging sie nach Hannover, um klassische Musik auf Lehramt zu studieren. Doch sie schnell merkte sie - das ist es noch nicht. "Ich habe im Studium schon gemerkt, dass mich nicht nur eine einzige Musikrichtung, sondern Musik als Ganzes interessiert", sagt Samawatie. "Die Freiheit und die Improvisation. Dort bin ich auch mit Jazzmusikern in den Kontakt gekommen und habe gemerkt: Diese Welt interessiert mich. Ich hatte vorher gar nichts zu tun mit dem Jazz, und mit 19 oder 20 Jahren war das für mich eine große neue Welt, die aufgegangen ist."

Keine Schubladen, Wurzeln

Sie zog nach Berlin, studierte Jazzgesang, probierte sich in vielen Stilen aus, auch mal Blues und Grunge - und entdeckte dabei schließlich ihre eigenen Wurzeln neu. Die Tochter persischer Eltern beschäftigte sich intensiv mit persischer Musik, mit Lyrik. Auf dieses reiche Erbe haben sie oft andere Menschen erst aufmerksam gemacht.

Energie und Visionen

In letzter Zeit hat Cymin Samawatie für Ihre musikalische Spurensuche nicht nur viele Preise eingesammelt, sondern sich auch um ihre anderen Talente gekümmert - Klavierspielen, Komponieren und Dirigieren.

In der Würdigung des Jazzpreises Berlin schreibt die Jury: "Sie schafft mit großer Energie und visionären Ideen immer wieder neue Verbindungen - Cymin Samawatie ist eine unüberhörbare Stimme der künstlerischen Freiheit".

Eine Freiheit, die sich Cymin Samawatie auch selbst nimmt. "Ich habe ein anderes Selbstbewusstsein als noch vor 10 Jahren. Ich darf auch einfach Musikerin sein und muss mich nicht in eine Schublade hineinpressen lassen. Ich muss nicht Sängerin sein oder Dirigentin oder Komponistin, sondern ich darf das auch alles gemeinsam sein!"

Sendehinweis: Dienstag, 05.07.2022, 20.00 Uhr im Radio auf rbbKultur

Der Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) und das Land Berlin verleihen den Jazzpreis Berlin 2022 an Cymin Samawatie

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