Tanzfestival in Berlin - "Tanz im August" startet politisch

Mo 08.08.22 | 08:45 Uhr | Von Frank Schmid
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Jurrungu Ngan Tanzkompagnie Marrugeku 2022 (Quelle: PrudenceUpton)
Audio: rbb24 Inforadio | 08.08.2022 | Frank Schmid | Bild: PrudenceUpton

Scharfe Kritik an Australiens Flüchtlingspolitik, Spiel mit eigenen Stammesritualen und das Leiden an Kapitalismus und Patriarchat: Kuratorin Virve Sutinen hat mit ihrer Auswahl zum "Tanz im August" zu Kontroversen eingeladen. Von Frank Schmid.

 

Tanz aus Afrika und Australien, aus Schweden und Kanada, eine enorme Vielfalt von Tanz aus aller Welt und von Themen und Stilen war zum Auftakt von "Tanz im August" zu erleben. Politisches Tanztheater und durch Berlin galoppierende junge Frauen, eine Neudefinition von traditionellen afrikanischen Bräuchen und das Psychogramm eines krisengeschüttelten Mannes. Tanzfest-Kuratorin Virve Sutinen hat mit den ersten vier Deutschlandpremieren bei ihrer letzten Festival-Ausgabe ein starkes Statement für Vielfalt und Internationalität abgegeben und zu Kontroversen eingeladen.

Kontroverse um die australische Company Marrugeku

Kontrovers diskutiert wurde gleich die Eröffnungspremiere mit der australischen Company Marrugeku. Ihr Stück "Straight Talk" ist politisches Tanztheater, nah am politischen Aktivismus. Können und dürfen Opfer von Gewalt derart deutlich auf einer Theaterbühne dargestellt werden, als leidende, verprügelte, gequälte Menschen, als Mordopfer? Diese Frage haben etliche Zuschauer nach der Premiere diskutiert. Die Company aus dem westaustralischen Broome, mit vielen indigenen Tänzerinnen und Tänzern besetzt, hat mit drastischen Darstellungen scharfe Kritik an der Flüchtlings- und Asylpolitik Australiens geübt und zugleich an Rassismus in Australien, an der Diskriminierung indigener Menschen.

Alle Weißen sind Rassisten

"Ich glaube, alle Weißen sind Rassisten", sagt eine Performerin während des Stückes, das in einem Gefängnishof spielt, eine Anspielung auf die Inhaftierungslager auf der Insel Manus. Dort hat die australische Regierung Asylsuchende jahrelang unter menschenunwürdigen Bedingungen festgehalten, so jedenfalls die Kritik von Flüchtlingshilfsorganisationen an den Gefängnissen auf Manus. Auf diesem Bühnen-Gefängnishof tragen die Performer auch eine sehr lange Liste von Opfern von Polizeigewalt vor, zumeist sind es indigene Menschen. Das Entscheidende an dieser Choreographie ist, dass sie zu Formen kreativen Widerstands findet. Eine lustvolle Kampftanz-Partyszene bringt Erlösung von den bedrängenden Darstellungen von Gewaltopfern. Diese Choreographie ist ein klares politisches Statement, die Diskussionen, die sie auslöst, sind notwendig.

Junge Frauen als galoppierende Pferdeherde

Deutlich harmloser, dafür witzig und spielerisch war hingegen die "City Horses"-Performance des schwedischen Künstlerinnen-Duos Byström Källblad. Mit jungen Frauen, die Pferde nachahmen, die wie eine wilde, freie, ungezähmte Pferdeherde durch Berlin galoppieren und bei den zufälligen Passanten lächelnde Verwunderung auslösen. Die wenigstens dürften die Kernidee des Stückes, den kritischen Feminismus – Frauen erobern die männlich-patriarchalisch geprägte Stadt – verstanden haben, aber den jungen Frauen bei ihrem selbstbewussten Galopp durch die Stadt zuzusehen, war ein Vergnügen.

Magische Monster - Neubestimmung afrikanischer Stammestanz-Rituale

Ein selbstbewusstes, selbstbestimmtes Annehmen der eigenen Traditionen und Bräuche war das Thema beim französisch-senegalesischen Choreographen Amala Dianor, der sein Stück "Siguifin", "Magische Monster" gemeinsam mit anderen afrikanischen Choreographen entwickelt hat. Neun junge Tänzerinnen und Tänzer in spielerischer Neudefinition traditioneller afrikanischer Tänze – das ist Empowerment im besten Sinne. Ein überaus gelungenes Spiel mit Stammestanz-Ritualen und den damit verbundenen Klischeevorstellungen. Choreographisch und dramaturgisch raffiniert und von großartigen Tänzern präsentiert. Ein erster Höhepunkt von "Tanz im August".

Spectacle: SIGUIFIN, Mise en scène et chorégraphie: Amala Dianor, Chorégraphie: Alioune Diagne, Naomi Fall et Souleymane Ladji Koné. (Quelle: divergence-images/Laurent Philippe)Neun junge Tänzerinnen und Tänzer in spielerischer Neudefinition traditioneller afrikanischer Tänze im Stück "Siguifin".

Psychogramm eines angstgesteuerten Neurotikers

Einen weiteren Höhepunkt des Festivals, das lässt sich jetzt schon sagen, hat der kanadische Choreograph und hier Solotänzer Frederick Gravel mit "Fear and Greed" gezeigt. Ein Durchschnitts-Mann unserer Zeit, ratlos, überfordert, von Krisenerlebnissen gebeutelt, ruckelt gehemmt und verklemmt und von Zwangshandlungen geprägt über die Bühne. Auch der live von einer Band gespielte herrliche hart-melancholische Punkrock kann ihn aus seinen Verklemmungen nicht befreien. Dazu leidet er zu sehr unter Kapitalismus und Patriarchat, wie Fredrick Gravel erzählt, leidet zu sehr unter seiner Erkenntnis, dass auch die Kunst uns nicht mehr retten könne. Ihm blieben nur noch "Furcht und Gier", singt er traurig in einem Wiegenlied. Ein starker Auftritt mit dem Psychogramm eines angstgesteuerten neurotischen Mannes und eine Momentaufnahme vom sorgengetriebenen Leben in der westlichen Wohlstandsgesellschaft.
Viele politische Themen und viele verschiedene Formen des Zeitgenössischen Tanzes. Das war ein starker Auftakt von "Tanz im August".

"Fear and Greed" mit Frederick Gravel beim Tanz im August 2022. (Quelle: Nans Bortuzzo)Frederick Gravel in "Fear and Greed".

Sendung: rbb24 Inforadio, 08.08.2022, 6:55 Uhr

Beitrag von Frank Schmid

1 Kommentar

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  1. 1.

    "Ich glaube, alle Weißen sind Rassisten", sagt eine Performerin während des Stückes, das in einem Gefängnishof spielt, eine Anspielung auf die Inhaftierungslager auf der Insel Manus.

    Ist das die neue Form von Antirassismus? Bemerkt vielleicht noch jemand den Widerspruch?

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