Konzert | New Model Army in Berlin - "Bevor ich sterbe, möchte ich jeden Abend hier auftreten"

New Model Army gehören zu den Dinosauriern unter den Rockbands. 45 Jahre haben sie auf der Uhr. Doch ihre neuen Platten sind immer noch gut. Und ihre Konzerte noch besser. Von Hendrik Schröder
Vorweg mal: Justin Sullivan ist ein Phänomen. Einer, der nicht kaputt zu kriegen ist. Brite. Fast 70 Jahre alt. Seit über 45 Jahren als Sänger, Gitarrist und Songschreiber mit New Model Army unterwegs. Und schon lange das letzte verbliebene Gründungsmitglied. Nie haben er und seine wechselnden Mitstreiter eine wirklich schlechte Platte gemacht. Und sie haben viele Platten gemacht. Die jüngste erst im vergangenen Jahr: "Unbroken". Der Name ist Programm.
Der rote Faden der Band wurde in den 1980er Jahren gelegt und hat sich nie wirklich verändert: melancholischer, folkiger, waviger, oft politischer, manchmal punkiger Rock. Die Fans haben trotzdem immer wieder auch Freude an neuem Material. Niemand schreibt so schöne, stampfende, mystische Strophen, auf die zuverlässig ein weit offener Chorus folgt, mit dem man um die halbe Welt fliegen könnte, so sehr trägt er davon. Und das ist nicht das Einzige, was bei New Model Army anders ist als bei so vielen anderen Dinosaurier-Bands.
Überleben im "sauerstofffreien Raum"
Die Arme weit ausgebreitet, wehende lange, graue Haare, drahtig, dünn - so steht Justin Sullivan an diesem Abend im nicht enden wollenden Trockeneisnebel auf der Bühne vom SO36 in Berlin-Kreuzberg. Seine Band aus Basser, Gitarrist, Drummer und Keyboarder im Halbdunkel um sich. "Guten Abend, willkommen, hoffentlich überleben wir das alle hier in diesem sauerstofffreien Raum", sagt er zur Begrüßung.
Ein berechtigter Einwand, denn der Laden ist mit 800 Fans komplett ausverkauft und fühlt sich auch so an. Von der Bühne bis zur Theke stehen die Leute dicht an dicht und schwitzen. Später kann man völlig erschöpfte Männer beobachten, die in einer Mischung aus Rausch und Erschöpfung japsend und mit freiem Oberkörper gen Ausgang wanken. Ein nicht sehr ästhetischer, aber doch authentischer Anblick. Denn Band und Publikum geben von Anfang an Gas. Sie sind alle nicht mehr die Jüngsten, aber heute Abend wollen sie es noch ein Mal wissen. Die Fans haben die alten Bandshirts an. Und Sullivans Organ klingt, als wäre 1989 und New Model Army's legendäres, wegweisendes Album "Thunder and Consolation" wäre gerade erst erschienen. Wahnsinn. Wie macht er das? Sich die Stimme so zu bewahren!
Der typische New Model Army-Bass
"Ohne den Bass wäre die Band heute nicht das, was sie ist", sagt ein Fan im Zuschauerraum zu seiner Begleitung. Das kann man akustisch gut verstehen, denn so wahnsinnig laut ist es nicht im SO36. Was später einige bemängeln sollen, aber insgesamt auch ganz angenehm sein kann, wenn die Ohren nicht klingeln nach knapp zwei Stunden.
Der Fan jedenfalls hat natürlich Recht. Der typische New Model Army-Bass, spröde, klar, immer eher einen Lauf mehr als weniger spielend, formt oft die Songs. Und auch das ist bei den meisten Rockbands nicht der Fall. Schade nur, dass der Sound an diesem Abend im SO36 nicht präzise genug ist, um die vertrauten Basslinien durchgehend rauszuhören. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau, wirklich schlecht ist der Sound nicht.
Angenehm ernsthaft
Ungefähr 20 Songs aus ca. 12 verschiedenen Alben spielen New Model Army an diesem Abend. Natürlich sind die Hits wie "51st State" oder "Green and Grey" die Höhepunkte, die Fans erkennen die Tracks nach einer Note. Aber auch die Lieder aus der zweiten Reihe wie "Notice Me" (erschienen vor 43 Jahren!), oder "Get Me Out" zünden. Es gibt keinen Bruch, keine Trennlinie zwischen ganz alten und ganz neuen Songs. Und Sullivan, mit seiner ausufernden Gestik, die die Fans nachmachen und quasi zurückwerfen, wirkt bei alldem wie ein angenehm ernsthafter, aber nie belehrender Wanderprediger. Wie einer, der wirklich was zu sagen hat über die Zustände in der Welt. Aber nur, wenn man es auch hören will. Aufdrängen tut er sich nicht.
"Bevor ich sterbe", sagt Sullivan kurz vor den Zugaben und mit Verweis darauf, dass sie auch am Folgeabend noch mal hier spielen, dann aber teils andere Songs, "möchte ich jeden Abend hier auftreten, bis ich alle Lieder gespielt habe, die New Model Army jemals geschrieben haben". Großer Jubel. Das würde, mal schnell überschlagen, ungefähr zwei Wochen New Model Army-Konzerte non-stop bedeuten. Die Fans fänden das offenbar eine sehr gute Idee.











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