50. Jubiläum - Karat - wie die DDR-Erfolgsband auch im Westen glänzen konnte

Fr. 06.06.25 | 11:24 Uhr
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Archivbild:Die deutsche Rockband Karat mit den Sängern Herbert Dreilich (vorn, l/ auch Gitarre) und Hans-Joachim Neumann (vorn, r) sowie (hinten, v.l.) Michael Schwandt (Schlagzeug), Ulrich "Ed" Swillms (Keyboard), Bernd Römer (Gitarre) und Henning Protzmann (Bass), aufgenommen 1976 auf einer Blumenwiese in Ost-Berlin.(Quelle:picture alliance/dpa/G.Gueffroy)
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Audio: rbb24 Inforadio | 03.06.2025 | Bruno Dietel | Bild: picture alliance/dpa/G.Gueffroy

Sie sind eine der erfolgreichsten deutschen Rockbands und waren schon zu DDR-Zeiten so gefragt, dass sie regelmäßig im Westen touren durften: Karat feiern 50-jähriges Bandjubiläum. Bruno Dietel über die wechselvolle Geschichte der wohl bekanntesten ostdeutschen Band.

21. Februar 1975, Kulturhaus "Otto Buchwitz" in Heidenau bei Dresden: Eine Kombo mit dem Namen "Karat" steht das erste Mal auf der Bühne. Es sind überwiegend Jazzmusiker, die sich da zusammengetan haben. Sie kennen sich aus dem vorherigen Projekt "Panta Rhei" in Berlin. Die ersten Probenphasen finden in einer Mühle im Elbsandsteingebirge statt. Die ersten Songs werden schon im Januar 1975 beim Rundfunk der DDR aufgenommen.

1976 wird Bernd Römer Gitarrist bei Karat und ist es bis heute. 1977 dürfen Karat zum ersten Mal im Westen spielen, bei einem Pressefest der West-Berliner SED in der "Neuen Welt" (heute Huxleys) in der Neuköllner Hasenheide. Im gleichen Jahr wird Herbert Dreilich fester Sänger der Band. Seine Stimme wird über Jahrzehnte stilprägend sein für die wohl erfolgreichste ostdeutsche Rockband.

Zur Info

Karat gibt live und open air am Waschhaus Potsdam am 08. Juni (Sonntag) um 20 Uhr ein Konzert.

4.000 Westmark Honorar für "Über sieben Brücken musst du geh'n"

Als das DDR-Fernsehen 1977 eine Band für den Titelsong zum Film "Über sieben Brücken musst du gehen" sucht, setzt sich Karat-Keyboarder Ed Swillms an die Komposition: Er soll 14 Tage auf das Drehbuch gestarrt haben, ohne die entscheidende Idee zu bekommen. Als Honorar für den Titelsong handelt Swillms 4.000 Westmark aus.

Der Film ist eine Liebesgeschichte, die in der Nähe der deutsch-polnischen Grenze spielt. Es geht um die Beziehung zwischen der deutschen Chemielaborantin Gitta und dem polnischen Bauarbeiter Jerzy. Doch als sich in Polen nach dem Papstbesuch 1979 mit der Solidarność eine Bewegung entwickelt, die immer mehr Menschen gegen die kommunistische Führung mobilisiert, wird der Film in der DDR verboten.

Der Titelsong zu "Über sieben Brücken musst du gehen" aber entwickelt sich zum erfolgreichen Hit - nicht nur in der DDR, sondern auch in der BRD. Herbert Dreilich erzählt bei Antenne Brandenburg vom rbb über die Entstehung: "Meine Kollegen wollten es erst auch gar nicht spielen und haben gesagt: Nein, so eine Pferdeleiche will keine Sau hören. Und auch die Aufnahme ist ziemlich schlecht gewesen und ist ja immer noch schlecht: Im Ü-Wagen [des DDR-Fernsehens in Berlin-Grünau, Anm. d. Red.] mit einer 8-Spur-Maschine zwischen Tür und Angel."

Waldbühne und "Wetten, dass..?": Für andere Ost-Bands undenkbar

Als erste DDR-Band dürfen Karat ihre Platten in Ost und West herausbringen. Für die DDR bedeutet Karats Erfolg vor allem wertvolle Devisen, denn 80 Prozent der Einnahmen sollen in die Staatskasse geflossen sein. 1982 spielen Karat im Rahmen ihrer Tour zum Album "Der blaue Planet" ein ausverkauftes Konzert in der West-Berliner Waldbühne und dürfen als erste und einzige DDR-Band bei "Wetten, dass..?" auftreten - mit ihrem auch in der BRD erfolgreichen Song "Jede Stunde".

Peter Maffay und der deutsch-deutsche Glücksfall

Bei einem Konzert Anfang der 80er Jahre in Wiesbaden steht ein gewisser Peter Maffay an der Bühne und fragt Karat, ob er eine eigene Version von "Über sieben Brücken musst du geh'n" aufnehmen darf - auch sein Cover wird ein Hit. Für Karat und Sänger Herbert Dreilich ein Glücksfall, denn noch vor der Wende wird der Song zu einer deutsch-deutschen Hymne. Erst nach der Wiedervereinigung können Karat und Maffay den Song auch gemeinsam live spielen, beispielsweise zum 25-jährigen Jubiläumskonzert von Karat in der Berliner Wuhlheide oder zum 10. Tag der deutschen Einheit 2000 in Berlin.

Nach 15 Jahren Bandgeschichte zerbricht das politische System, in dem Karat aufgewachsen und vor allem erfolgreich geworden sind. Die entscheidende Schabowski-Pressekonferenz verfolgen sie auf einem kleinen russischen Fernseher in einem Studio in der Berliner Brunnenstraße. Nach der friedlichen Revolution haben nicht nur sie, sondern auch viele andere erfolgreiche DDR-Bands in den folgenden Jahren Probleme, Konzerte zu füllen. Die Menschen wollen jetzt erstmal jede Menge Westmusik hören.

Archivbild:Die Band Karat nach einem Auftritt am 15.02.2025.(Quelle:imago images/E.Monn)

Das Erbe des Herbert Dreilich

2004 müssen Karat bekanntgeben, dass ihr jahrzehntelange Sänger Herbert Dreilich Leberkrebs hat. Die Diagnose ist "ein großer Schock". Noch im gleichen Jahr stirbt er, nur wenige Tage nach seinem 62. Geburtstag. Das 30. Bühnenjubiläum der Band erlebt er nicht mehr mit. Die Band braucht einen neuen Sänger, bei Dreilichs Sohn Claudius klingelt das Handy. Er zögert zunächst, hat vorher jahrelang erfolgreich in Moskau als Manager eines schwedischen Möbelhauses gearbeitet. Doch er entscheidet sich dann, das Erbe seines Vaters anzutreten: Claudius Dreilich nennt es "die größte Herausforderung" seines Lebens.

Aus Karat wird "K…!"

Nach dem Tod von Herbert Dreilich kommt es zu einem fast schon unwürdigen Namensstreit. Karat müssen sich ab 2006 "K…!" nennen. Ohne Wissen seiner Bandkollegen hat sich Herbert Dreilich den Bandnamen 1998 schützen lassen, nach seinem Tod untersagt seine Witwe Susanne der Band die Weiternutzung mit der Argumentation, dass die Rechte an der Marke Karat ihr allein zustehen. Die Sache geht vor Gericht, im Juni 2007 bekommen die Musiker im Streit mit der Dreilich-Witwe Recht und können sich fortan wieder Karat nennen.

Über die Jahre gibt es bei Karat immer wieder Umbesetzungen und Austritte: Zuletzt sind 2023 Heiko Jung als Schlagzeuger und Daniel Bätge als Bassist dazugekommen. Aus der Gründungsphase ist nur noch Gitarrist Bernd Römer Teil von Karat. Er feiert im kommenden Jahr seine 50-jährige Bandmitgliedschaft.

In diesem Jahr - nach 5.000 Konzerten und insgesamt 20 Millionen verkauften Tonträgern - haben Karat ihr neues Album "Hohe Himmel" veröffentlicht, aufgenommen wie vor 30 oder 40 Jahren: Weitestgehend analog, ohne digitale Instrumente - laut Sänger Claudius Dreilich aufwendig, aber sehr nah am Klangbild der 80er-Jahre.

Sendung: rbb24 Inforadio, 03.06.2025, 16:55 Uhr

58 Kommentare

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  1. 58.

    Um es mal richtig zu stellen:

    Bernd Römer gehörte mitnichten zur Gründungsgeneration von Karat. Er ist zwar deren Dienstältester, aber kam erst 1976 dazu, nicht schon 1975.
    Soviel Genauigkeit sollte schon sein.

    Übrigens: Im Vergleich zu damals ist das Karat von heute nicht mal ein entfernter Abklatsch. Hat musikalisch und qualitativ nichts mehr mit erm Original zu tun

  2. 57.

    "sind viele ins Gefängnis gekommen!"
    und wieder ein Klischee . Für Punkmusik spielen kam man in der DDR nicht in den Knast. 1987 setzte die "Prüfstelle für jugendgefährdende Schriften" gleich zwei Alben der "Ärzte" auf den Index ("Debil" und "Die Ärzte") . Aber schon klar die Bösen waren immer nur die anderen.

  3. 55.

    Genau und man muß noch ergänzend sagen, daß von diesen Duckmäusern damals, viele in Brandenburg zwar noch Karat usw. hören, aber ebend auch Afd wählen und ihre Kinder teilweise jedenfalls, Neonazis sind. So schließt sich der Kreis. Ohne die DDR-Punks und ihre Musik, wäre die friedliche Revolution nicht möglich gewesen, das haben die mutigen jungen Frauen und Männer, wie Punks, Künstler und Dichter und andere Oppositionelle vorbereitet!

  4. 54.

    Oh ja, Sascha, auch ich liebte diese Undergroundbands aus der DDR in den 80ern! Wie Freygang, Müllstation, Tausend Tonnen Obst, Schleimkeim usw. Ich hab heute noch großen Respekt vor den Punks dort, die sich nicht haben eischüchtern von Polizei und Stasi. Die haben textlich und musikalisch aufgemuckt und im Gegensatz zu den vielen Gleichgültigen und Duckmäusern, sind viele ins Gefängnis gekommen! das gehört auch zur Wahrheit und KARAT als Leitstern.

  5. 53.

    Ich als Wessi hab damals tatsächlich nur die Puhdys mitbekommen. Karat war nie meins. Erst als ich meine Freundin aus dem Osten kennengelernt habe, wurde mir das eine oder andere näher gebracht; Lift, Wenzel, Gundermann und einiges Harscheres aus der Wendezeit a la Feeling B oder Underground-Bands wie Freygang.
    Die Texte haben es mir insgesamt mehr als die Musik angetan, denn man musste ja teilweise um die Ecke komponieren. DAS war für mich das Typische an den DDR-Bands; musikalisch fand ich das meiste wenig eigenständig (ich weiß, das gab es natürlich trotzdem) und auch wenig ist davon gut gealtert (das betrifft vergleichbares aus dem Westen natürlich auch...:-)).

  6. 52.

    Das hätten sie dann mir antworten müssen, denn @Lift stellt lediglich als Reaktion auf meinen Kommentar klar, dass Rammstein zeitlich in das wiedervereinigte Deutschland zu verorten sei und hält die Musik als eher flach.
    Damit hat er natürlich auch Recht. Und ich bemerkte bereits, dass Lindemann längst die Erdung verloren hat.
    Also kurz um, es ist alles zum Thema Rammstein gesagt und sie können sich getrost wieder dem Thema Karat widmen.

  7. 51.

    Biermann in der Tat, hatte in seinen Texten quasi schon die heutige Zeit vorweggenommen (Du Laß Dich nicht verhärten....)!

  8. 50.

    Gabi Rückert, Holger Biege, Reinhard Lakomy , Günter Fischer in´s Museum und dann noch Eintritt von den tausenden Fans kassieren ?
    Ich glaube eine Sendung im DDR- Rundfunk hieß früher "Staub gewischt auf alten Platten" . Gibt´s wieder im Netz .
    Spar ich mir den Eintrittspreis und die Klischee´s .

  9. 49.

    Sowas ist dann wohl ein Thema für eine Art Museum mit Archiv. Vielleicht findet sich ja ein Mäzen, der so etwas aufbaut. Könnte ja auch online sein. Musik in elektronischer Konserve bietet sich dazu ja an. Eine staatliche Aufgabe ist dies aber nicht unbedingt.

  10. 48.

    Thema T.Lindemann mit Band hat nichts mit der Bandgeschichte von Karat zu tun.
    Ist jawohl vorbei und gehört eigentlich in die Kategorie Missbrauch.
    Mit Reichtum lässt sich Vieles vertuschen.

  11. 47.

    Neben KARAT und Jürgen Kerth, Uschi Brüning und Hansi Biebl, hörte ich Jethro Tull und Zappa! Noch vor Renft und ,,Am Abend mancher Tage''. Aber es soll nicht WOLF BIERMANN vergessen werden - immer noch aktuell: Laß Dich nicht verhärten in dieser harten Zeit....!

  12. 46.

    "Es gibt fast alles online in Musikportalen, auf Videoportalen, dem Amiga Archiv und Mediatheken der öffentlich rechtlichen Sender"
    Offensichtlich haben sie meinen Beitrag fehlinterpretiert .
    Ich sprach bewusst vom DDR - Musikerbe, womit natürlich mehr gemeint ist als drei ehemalige Ostrockgruppen mit ihren 3 oder 4 bekanntesten Hits. Entweder man pflegt ein Erbe aus Wertschätzung gegenüber den Künstlern und dem Publikum oder man dudelt dieses Kapitel tot, indem man immer die gleichen Lieder und die gleichen Bands spielt.
    Wer fragt da noch ob es auch noch mehr gab? Genau das hat Methode ! Die von Ihnen erwähnten Alternativen sind vielen älteren Menschen gar nicht zugänglich und der Rest ist purer Kommerz.

  13. 45.

    Sorry Thomas, Rammstein ist für mich keine Ostdeutsche (obwohl die Musiker aus dem Osten kommen) sondern eher eine gesamtdeutsche Band (weil nach der Wende entstanden) und sorry , für mich nicht relevant, weil langweilig und wenig innovativ (im progressiven Sinne). Lindemann sagt es selber, "Unsere Musik ist statisch.."

  14. 44.

    "Herr Lohse vielen Dank.." 1:0 für Dich Thomas! Ich bin aber nicht Werther Lohse, dessen Stimme und Schlagzeugspiel ich damals geliebt habe. Alles OK! Wir haben früher auch viele Underground Bands gehört, Blues von "Jonathan Blues Band," Zopf "aus Lehnitz, "Pharao", Rory Gallagher Cover Band aus Berlin, Caravan aus Dresden (super Genesis-Seconds Out Show)," Krokodil" aus Dresden , Gentle Giant Coverband usw. "Am Fenster "von City war OK, mir persönlich gefällt der 15 Minuten-Titel "Meeresfahrt" von gleichnamiger LP von Lift besser...... Geschmäcker, Alles Gut Thomas!

  15. 43.

    Ich kenne mich mit den Œuvre von Karat nun wirklich nicht aus, aber den Song "Albatros" finde ich ganz großartig. Auch von City oder Silly gefällt mir einiges und sogar zwei drei Songs der Puhdys sind ziemlich gut. Aber zu DDR Zeiten habe ich doch eher bspw. Die Skeptiker, Feeling B, Die Art, Die Anderen oder auch Sandow und weitere eher unbekannte Bands gehört, die in der legendären Sendung "Parocktikum" gespielt wurden.

  16. 42.

    Das DDR-Fernsehen hat nicht in West bezahlt.
    Wenn Künstler im Westen auftraten oder dort Einnahmen aus Verträgen oder Auftritten hatten, haben sie einen eher kleinen Anteil an Devisen behalten können, das ist oft in Instrumente oder Studioausrüstung geflossen.
    Karat galt den Offiziellen eher als Wackelkandidat, die Phudys galten als systemtreuer.

  17. 41.

    Korrektur:
    Karat hatte noch viele andere !geile Hits und Sieben Schwäne ist nur das Original geil. Und die Wessis wollten ebend auch nur das Original hören, nicht den schmalzenden Abklatsch! Ja, hab einen sehr speziellen Humor, in Richtung: ich lache erst, wenn Chrupalle&Weidel nach Moskau zur Hochzeit ziehen harharhar!

  18. 40.

    @rbb24: Leider weiß ich nicht ob mein einer Kommentar verloren gegangen ist, deshalb noch einmal. Der erste Sänger von KARAT war nicht Herbert Dreilich, sondern Hans-Joachim „Neumi“ Neuman. Herbert Dreilich wurde nur zum Hauptsänger, da, ich glaube 1976 oder 1977, Hajo Neumann seinen Militärdienst antreten musste. Hajo gründete ja danach seine eigene Band, die Gruppe „Neumis Rock Circus“. Leider steht es im Beitrag nicht drin. Ich hoffe das dieser Kommentar diesesmal durchgeht.
    Mit freundl. Grüßen

  19. 39.

    Und noch ein Nachtrag für alle Interessenten: Das es zwei Sänger waren, hört man bei dem Titel „König der Welt“. Während die Gesangsparts der einzelnen Strophen von Herbert Dreilich eingesungen wurden, wurden der Gesangspart des Refrains „Verneigt euch tief und soweit es geht vor dieser herrlichen Majestät...“ von Hajo Neumann eingesungen. Nur mal am Rande bemerkt.

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