"Carbon Negative" an den Sophiensälen - Ablasshandel fürs Klima

Sa. 07.06.25 | 10:46 Uhr | Von Barbara Behrendt
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"Carbon Negative" von Flinn Works Sophiensäle (Quelle: Lea Dietrich)
Lea Dietrich
Audio: rbb24 Inforadio | 07.06.2025 | Barbara Behrendt | Bild: Lea Dietrich

Einfach ein Zertifikat kaufen fürs Aufforsten von Bäumen in Kenia – und dafür guten Gewissens die Flugreise nach Neuseeland antreten? Flinn Works zeigen in "Carbon Negative", warum das eine klima-kolonialistische Farce ist. Von Barbara Behrendt

Stellen Sie sich vor, Sie würden mit einem Theaterbesuch Ihre persönliche Klimabilanz verbessern. Das wäre doch ein guter Grund, eine Karte zu kaufen, oder? Genau das versprechen die Künstler:innen der Recherchetheater-Gruppe Flinn Works. Ihre neue Performance, werben sie, soll nicht nur klimaneutral sein, sondern klimapositiv – also sogar das Klima verbessern.

Damit dieser Abend an den Sophiensälen aber tatsächlich "Carbon Negative" (so der Titel) werden kann, müssen Daten vom Publikum gesammelt werden: Wer mit dem Fahrrad oder zu Fuß da ist, hat keine Emissionen verursacht, der Verbrauch der Bahnreisenden und Autofahrer:innen wird in einer Tabelle berechnet und zu den Reisen, Übernachtungen, dem Material- und Stromverbrauch des Teams addiert.

In welches schöne Projekt möchten wir investieren?

315 kg CO2 hat die Produktion mit dem Publikum dieses Abends verursacht. In etwa so viel wie ein Flugticket von Berlin nach München. Statt vorzugeben, wie dieser Verbrauch nun kompensiert wird, fragen die Performer Konradin Kunze und Andi Otto ins Publikum: Wer kennt Anbieter für Zertifikat-Handel? Wer möchte ein schönes Projekt suchen, in das wir die von Flinn Works bereitgestellten 100 Euro investieren können? Zwei Frauen finden sich, die am Laptop auf der Bühne nach möglichen Projekten googeln. Irgendetwas mit Moor- und Waldaufbau wird es schließlich – und weg sind die 100 Euro.

Derweil erzählen Kunze und Otto von den Anfängen des CO2-Kompensationshandels mit Zertifikaten. 2006 gründete der Schweizer Renat Heuberger die Firma „South Pole“ mit der Idee, CO2 durch Klimaprojekte auszugleichen. Damit wurde er Millionär. Bei der Vorstellung einiger Projekte von South Pole wird es dann interessant. Denn „Verra“, das Unternehmen, das die Projekte beglaubigt, arbeitet gewissermaßen mit philosophischen Gedankenspielen statt mit exakten Berechnungen. Zum Beispiel: Ein millionenschweres Projekt in Zimbabwe hat nichts weiter getan, als einen Wald nicht abzuholzen. Im Vergleich zu einer Fläche, die abgeholzt werden sollte, machte man dann theoretisch CO2 gut.

"Carbon Negative" von Flinn Works Sophiensäle (Quelle: May Rawallraff)

Mit Konsum den Planeten retten: ein Wunschtraum

Auch die Biologin Jutta Kill kommt zu Wort, die das hübsche Konzept des Bäume Aufforstens kritisiert. Es gebe, sagt sie, in Deutschland längst nicht so viel Land, wie es Bäume für den Ausgleich des deutschen Flugverkehrs bräuchte. Wie viel CO2 damit langfristig kompensiert werden kann, sei zudem überhaupt nicht zu berechnen.

Flinn Works legen also offen, dass die kapitalistische Idee, weiter zu konsumieren und sich mit genügend Kapital vom Klimawandel freikaufen zu können, ein Wunschtraum ist. Und Green-Washing von Firmen wie Gucci, die durch den Erwerb von CO2-Zertifikaten angeblich klimaneutral produzieren, eine Farce.

Lustiger und konstruktiver als gedacht

Doch wie immer in ihren globalen Recherche-Stücken, blicken Flinn Works auch über den europäischen Tellerrand. Der umstrittene, weil höchst kritische Biologe Mordecai Ogada aus Kenia nennt es Klima-Kolonialismus, was beim Zertifikationshandel stattfindet. Man kann das nachvollziehen. Denn unser Leben in Deutschland soll beim Zertifikate-Handel ja bleiben, wie es ist. In Kenia oder Zimbabwe dagegen werden ganze Dörfer aus sogenannten Klimaschutz-Zonen verlegt oder Frauen animiert, auf Solarkocher umzusteigen. Dabei liegt der höchste CO2-Verbrauch natürlich bei Menschen in Mitteleuropa, nicht in Afrika.

Flinn Works machen aus diesem Thema kein staubtrockenes, gut gemeintes Aufklärungstheater, sondern arbeiten mit visuellen Elementen, mit elektronischer Musik, mit Videos – und Humor. Die Bühne ist aufgebaut wie ein Labor, wo Algen und kleine Moosballen gezüchtet und hernach abgefackelt werden oder auch mal der Solarkocher aufgesetzt. Bitter wird es, als Konradin Kunze bei einer gemeinsamen Atemübung vorrechnet, wie viel CO2 wir beim Ausatmen produzieren – unser aller Klima-Suizid wäre da natürlich das Wirkungsvollste. Und wie wertvoll wären dafür erst die Klima-Zertifikate!

Dieses kurzweilige, erhellende, aber auch aktivistische Dokumentar-Theater mit klarem Anliegen endet dann übrigens lustiger und konstruktiver, als man erwarten würde: Flinn Works suchen Zuschauer:innen, die sich auf 20 Jahre zum Solarkochen verpflichten oder zur veganen Ernährung – gegen Aufwandsentschädigung, versteht sich…

"Carbon Negative" von Flinn Works Sophiensäle (Quelle: May Rawallraff)

Sendung: rbb24 Inforadio, 07.06.2025, 9:55 Uhr

Beitrag von Barbara Behrendt

8 Kommentare

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  1. 8.

    Ich koche meist nachts. Selbst bei Vollmond wird mein Kaffee nicht warm, muss jetzt Eiskaffee trinken. Dafür habe ich das Klima gerettet und der Kaffee schmeckt gut, was will man mehr?

  2. 7.

    Es würde hier kaum einer Solarkocher verwenden, da die Sonneneinstrahlung eine ganz andere als in südlichen Bereichen ist. Ein Solarkocher kann durchaus eine gute Ergänzung in manchen Anwendungen sein. Das als Klimakolonialismus zu bezeichnen soll wahrscheinlich die Leute auf die Palme bringen oder was auch immer. Nee.

  3. 6.

    Lieber rbb, es heißt CO2 und nicht "Co2". Co wäre Cobalt. Bitte korrigieren. Das anzusehen, tut in den Augen jedes Chemikers sehr weh.

    Abgesehen davon finde ich die Kritik am "CO2-Ausgleich" sehr gut und berechtigt. Es ist Selbstbetrug, wenn man glaubt, den selbst angerichteten Klimaschaden so wieder gutmachen zu können. Der Staat sollte CO2 extrem hoch besteuern, damit sich die Leute nicht mehr Gedanken über persönliche Maßnahmen wie "CO2-Kompensation" machen brauchen. Wohlhabende (die viel mehr CO2 in die Luft blasen) sollen nicht auf Kosten der Allgemeinheit 4x im Jahr Langstreckenflüge oder riesige SUVs kaufen dürfen. Also entweder Verbot oder extrem hohe Kosten für diesen ignoranten Lebensstil.

  4. 5.

    Es ist die Grundidee des Verrechnens dessen, was nicht zu verrechnen ist, was m. E. das eigentliche Problem darstellt. Die hiesige, eigentlich wohl die meisten Kulturen gehen nicht davon aus, die Umstände erst einmal ANSCHAULICH für sich selbst zu betrachten und dann erst, in einem zweiten oder dritten Schritt, sie mit etwas anderem in Beziehung zu setzen, sie zu vergleichen oder ihre Unterschiede herauszufinden.

    Weil unverzüglich alles miteinander verrechnet wird, werden auch die Verantwortlichkeiten bis zur Unkenntlichkeit verschoben. Und: Im Zweifelsfall gibt es immer eine/n, der oder die es noch doller treibt als ich ...

    Schaut auf akzeptable Größen: Dass Umstände, die jetzt schon zu groß geraten sind, künftig noch größer zu sein haben, weil der Rausch der Zahlen der vordergründige Maßstab ist, das ist allerdings nicht nur ein kapitalistisches, sondern ein systemübergreifendes materialistisches Missverständnis.

  5. 4.

    Am schlimmsten sind Konzerne die suggerieren ihre Produkte seien Klimaneutral. Noch verlogener geht es kaum.
    Der ÖRR ist da auch keine Ausnahme "Serie klimaneutral produziert ".....weil BMW den Kommissaren ein Elektroauto stellt?

  6. 3.

    Im ersten Versuch schrieb ich folgende Gedanken nieder: Man muss bei einer derartigen Aktion aufpassen, nicht in den Klamauk abzurutschen. Wenn sich Künstle hier so derart entschließen kann es höchstens ein Mosaiksteinchen aller MN überall auf der Welt sein. Ich glaube, dass sich die Menschen nur als lernfähig erweisen, inden sie selbst das Ausmaß der Katstrophen dieser oder jenen Art selbser durchmachen ("Begreifen"). Wer denkzt an die zahlreichen Inselstaaten, deren Lebensraum nur wenige Meter über der Wasseroberfläche des Paziks liegen??? Zuerst sind diese "dran". Interessiert uns da so wenig? Was machen wir, wenn es heißt, alle MN zum Küstenschutz sind ausgereizt? Die verheißungsvolle Idee Textileine, Möbel, Hausrat u.a. gebraucht zu kaufen, kann doch nur der Anfang sein. Das Recycling und Upcycling auf den höheren Stand einer immerhin noch Industrienation zu bringen, wäre für mich der nächste Schritt! Die Angaben sind sehr differenziert: Zw. 7 - 11% - das ist einfach zu wenig!

  7. 2.

    "klima-kolonialistische" - was für eine Wortgewalt.
    Beim Lesen dieses Artikel beschleicht mich der Wunsch, eine Kreuzfahrt zu machen.

  8. 1.

    Das kann man in vielen Bereichen beobachten. Selbst in der Sprache, beim verwenden des falschen Deutsch („Künstler:innen“ gibt es nicht wenn es „Mörder:innen“ auch nicht gibt).

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