"Carbon Negative" an den Sophiensälen - Ablasshandel fürs Klima
Einfach ein Zertifikat kaufen fürs Aufforsten von Bäumen in Kenia – und dafür guten Gewissens die Flugreise nach Neuseeland antreten? Flinn Works zeigen in "Carbon Negative", warum das eine klima-kolonialistische Farce ist. Von Barbara Behrendt
Stellen Sie sich vor, Sie würden mit einem Theaterbesuch Ihre persönliche Klimabilanz verbessern. Das wäre doch ein guter Grund, eine Karte zu kaufen, oder? Genau das versprechen die Künstler:innen der Recherchetheater-Gruppe Flinn Works. Ihre neue Performance, werben sie, soll nicht nur klimaneutral sein, sondern klimapositiv – also sogar das Klima verbessern.
Damit dieser Abend an den Sophiensälen aber tatsächlich "Carbon Negative" (so der Titel) werden kann, müssen Daten vom Publikum gesammelt werden: Wer mit dem Fahrrad oder zu Fuß da ist, hat keine Emissionen verursacht, der Verbrauch der Bahnreisenden und Autofahrer:innen wird in einer Tabelle berechnet und zu den Reisen, Übernachtungen, dem Material- und Stromverbrauch des Teams addiert.
In welches schöne Projekt möchten wir investieren?
315 kg CO2 hat die Produktion mit dem Publikum dieses Abends verursacht. In etwa so viel wie ein Flugticket von Berlin nach München. Statt vorzugeben, wie dieser Verbrauch nun kompensiert wird, fragen die Performer Konradin Kunze und Andi Otto ins Publikum: Wer kennt Anbieter für Zertifikat-Handel? Wer möchte ein schönes Projekt suchen, in das wir die von Flinn Works bereitgestellten 100 Euro investieren können? Zwei Frauen finden sich, die am Laptop auf der Bühne nach möglichen Projekten googeln. Irgendetwas mit Moor- und Waldaufbau wird es schließlich – und weg sind die 100 Euro.
Derweil erzählen Kunze und Otto von den Anfängen des CO2-Kompensationshandels mit Zertifikaten. 2006 gründete der Schweizer Renat Heuberger die Firma „South Pole“ mit der Idee, CO2 durch Klimaprojekte auszugleichen. Damit wurde er Millionär. Bei der Vorstellung einiger Projekte von South Pole wird es dann interessant. Denn „Verra“, das Unternehmen, das die Projekte beglaubigt, arbeitet gewissermaßen mit philosophischen Gedankenspielen statt mit exakten Berechnungen. Zum Beispiel: Ein millionenschweres Projekt in Zimbabwe hat nichts weiter getan, als einen Wald nicht abzuholzen. Im Vergleich zu einer Fläche, die abgeholzt werden sollte, machte man dann theoretisch CO2 gut.

Mit Konsum den Planeten retten: ein Wunschtraum
Auch die Biologin Jutta Kill kommt zu Wort, die das hübsche Konzept des Bäume Aufforstens kritisiert. Es gebe, sagt sie, in Deutschland längst nicht so viel Land, wie es Bäume für den Ausgleich des deutschen Flugverkehrs bräuchte. Wie viel CO2 damit langfristig kompensiert werden kann, sei zudem überhaupt nicht zu berechnen.
Flinn Works legen also offen, dass die kapitalistische Idee, weiter zu konsumieren und sich mit genügend Kapital vom Klimawandel freikaufen zu können, ein Wunschtraum ist. Und Green-Washing von Firmen wie Gucci, die durch den Erwerb von CO2-Zertifikaten angeblich klimaneutral produzieren, eine Farce.
Lustiger und konstruktiver als gedacht
Doch wie immer in ihren globalen Recherche-Stücken, blicken Flinn Works auch über den europäischen Tellerrand. Der umstrittene, weil höchst kritische Biologe Mordecai Ogada aus Kenia nennt es Klima-Kolonialismus, was beim Zertifikationshandel stattfindet. Man kann das nachvollziehen. Denn unser Leben in Deutschland soll beim Zertifikate-Handel ja bleiben, wie es ist. In Kenia oder Zimbabwe dagegen werden ganze Dörfer aus sogenannten Klimaschutz-Zonen verlegt oder Frauen animiert, auf Solarkocher umzusteigen. Dabei liegt der höchste CO2-Verbrauch natürlich bei Menschen in Mitteleuropa, nicht in Afrika.
Flinn Works machen aus diesem Thema kein staubtrockenes, gut gemeintes Aufklärungstheater, sondern arbeiten mit visuellen Elementen, mit elektronischer Musik, mit Videos – und Humor. Die Bühne ist aufgebaut wie ein Labor, wo Algen und kleine Moosballen gezüchtet und hernach abgefackelt werden oder auch mal der Solarkocher aufgesetzt. Bitter wird es, als Konradin Kunze bei einer gemeinsamen Atemübung vorrechnet, wie viel CO2 wir beim Ausatmen produzieren – unser aller Klima-Suizid wäre da natürlich das Wirkungsvollste. Und wie wertvoll wären dafür erst die Klima-Zertifikate!
Dieses kurzweilige, erhellende, aber auch aktivistische Dokumentar-Theater mit klarem Anliegen endet dann übrigens lustiger und konstruktiver, als man erwarten würde: Flinn Works suchen Zuschauer:innen, die sich auf 20 Jahre zum Solarkochen verpflichten oder zur veganen Ernährung – gegen Aufwandsentschädigung, versteht sich…

Sendung: rbb24 Inforadio, 07.06.2025, 9:55 Uhr












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