Marina (l) und India aus Rom (Italien) warten zur Berlinale vor dem Zoo-Palast in Berlin. (Quelle: dpa/Bernd von Jutrczenka)
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Vorschau auf das Programm - Berlin ist Berlinale-bereit – und nun?

Der Teppich wird ausgerollt, das Publikum drängelt sich an den Ticket-Countern und der rote Bär hebt am Berlinale-Palast erwartungsvoll die Tatzen. Es kann losgehen! Bleibt nur die Frage: Wird der diesjährige Wettbewerb den Laden aufmischen? Von Ula Brunner

Ja, richtig. George Clooney fehlt, auch Leonardo diCaprio lässt sich nicht blicken. Aber Robert Pattinson kommt, Isabelle Huppert hat zugesagt, Tilda Swinton, Franz Rogowski, Marie Bäumer, der Hommage-Preisträger Willem Dafoe, Bryan Cranston und Gael Garcia Bernal sind dabei. Das Starangebot ist nicht völlig überwältigend, doch immerhin vorhanden. Wir sind bereit.

Die Causa Kosslick

Bei dieser Berlinale wurde schon im Vorfeld reichlich diskutiert. Es ist der 68. Jahrgang des wichtigsten deutschen Filmevents und der vorletzte von Festivalleiter Dieter Kosslick. Seit einer gefühlten Ewigkeit, genau seit 2001, leitet der Mann mit Hut die Berlinale. Im Mai 2019 wird seine Ära definitiv enden. Der Thronfolgerstreit führte bereits vorab zu einiger Verwirrung, als 79 deutsche Filmschaffende zu Recht forderten, den Führungswechsel für einen kuratorischen und organisatorischen Neuanfang zu nutzen. Dem nüchternen Appell folgte eine nicht immer ganz faire Debatte, in deren Verlauf Dieter Kosslick quasi die Eignung zum Festivalleiter abgesprochen wurde. Die Hauptkritikpunkte: zu viele Sektionen mit unscharfem Profil, vor allem jedoch - nachlassender Wettbewerb.  

Die Kontroverse im Blick behalten

Wir wollen die Kontroverse an dieser Stelle nicht weiter aufrollen, aufdröseln oder anheizen. Nur soviel: Natürlich ist die Vielfalt des Festivals auch sein Trumpf – von Generation, Retrospektive, Panorama bis hin zum Kulinarischen Kino, Native und dem Forum Expanded. Selbst wenn es die zahlreichen Sektionen, Sonderreihen und Extraprogramme den Besuchern schwer machen, den Überblick zu behalten und die eigentlichen Highlights für sich zu entdecken.

Doch dieses Jahr wird der Wettbewerb unter extra-kritischer Beobachtung stehen. Stellt sich also die Frage, ob die vorangegangene Debatte die Filmauswahl beflügelt hat?

Was ist real, was ist normal? "Unsane" von Steven Soderbergh

Subtiler Horror, Überlebensfantasien und Sehnsüchte

7.991 Filme wurden für die 68. Berlinale eingereicht, davon haben es 24 Filme in die Königsdisziplin, geschafft, 19 davon sind im Rennen um die Goldenen und Silbernen Bären. Was erwartet uns also 2018? Besseres, Anderes, Wilderes? Nun: Inhaltlich präsentiert das Kuratorium ein Programm, das mit Fragen nach Selbstbestimmung, Lebensentwürfen und surrealen Existenzphilosophien zunächst einmal klassische Festivalthemen besetzt.

Steven Soderberghs subtiler Horror-Thriller "Unsane" etwa stellt mit der Geschichte einer jungen Frau, die gegen ihren Willen in der Psychiatrie festgehalten wird, unseren eigenen Blick auf die Realität in Frage. In seinem Spielfilmdebüt "Las Herederas” lotet Regisseur Marcelo Martinessi die Sehnsüchte seiner älteren Heldin und die gesellschaftliche Befindlichkeit seines Heimatlandes Paraguay aus. Und für Thomas, den jungen Protagonisten in Cédric Kahns "La Prière” wird ein abgelegenes Haus in den französischen Bergen zur letzten Chance, seine Drogenabhängigkeit zu überwinden.

Mythisches Geschichtsmusical: "Season of the devil" von Lav Diaz

Der Marathonfilmer ist wieder dabei

Die filmische Auseinandersetzung mit Krieg, Diktatur, Terror, Flucht aber auch die Hoffnung auf Menschlichkeit bestimmen eine weitere Facette der Themenskala. José Padilha, der 2008 einen Goldenen Bären für "The Elite Squad" gewonnen hat, präsentiert in "7 Days in Entebbe" eine eigene Version der Flugzeugentführung von 1976, bei der die Kidnapper über 100 Israelis als Geiseln in ihre Gewalt nahmen. Gespannt sein darf man auch auf den philippinischen Beitrag von Lav Diaz. Mit "A Lullaby to the Sorrowful Mystery" knackte der Autorenfilmer 2016 im Wettbewerb erstmals die Achtstundengrenze. Sein aktuelles Epos "Season of the devil" über den Militärterror gegen ein kleines Urwalddorf ist eine vierstündige Rockoper in Schwarzweiß mit politischen und surrealen Elementen. Wie in den meisten seiner Filme hat Diaz fast alles selbst gemacht: Drehbuch, Regie, Montage und Musik.

Der Künstler als Protagonist

Viele Stoffe kreisen um fiktive und reale Künstlerschicksale. So versucht sich Benoit Jacquot an einem Remake von "Eva". In dem bourgeoisen Künstlerdrama spielt Isabelle Huppert den enigmatischen Vamp, eine Rolle, die ihrer Vorgängerin Jeanne Moreau vor gut 50 Jahren auf den Leib geschrieben schien. Alexey German Jr. porträtiert in "Dovlatov" den gleichnamigen russisch-jüdischen Schriftsteller, der unter Breschnew nicht gedruckt werden durfte. Und in der iranischen Satire "Khook" von Mani Haghighi ärgert sich ein Künstler darüber, dass ihn ein Serienmörder verschont und greift aus verletzter Eitelkeit zu einem drastischen Plan.

Das deutsche Quartett im Wettbewerb

Mit vier sehr unterschiedlichen Filmen ist Deutschland stark im Wettbewerb präsent. Der großen Charakterdarstellerin Romy Schneider widmet sich der deutsche Beitrag "3 Tage in Quiberon" von Emily Atef. Marie Bäumer spielt den Weltstar, der 1981 in einem Interview eine schonungslose Bilanz der eigenen Karriere zieht.  Christian Petzold verarbeitet in "Transit" Motive des gleichnamigen Romans von Anna Seghers zu einer zeitlosen Geschichte über Flucht und Exil an Originalschauplätzen in Marseille. Franz Rogowski, der diesjährige Shooting-Star der Berlinale, spielt die männliche Hauptrolle und ist noch in einem weiteren deutschen Wettbewerbsbeitrag zu sehen, nämlich in Thomas Stubers Liebesgeschichte "In den Gängen". Philip Gröning schließlich erzählt in "Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot" eine ungewöhnliche Coming-of-Age-Geschichte.  

Hundephilosophie: "Isle of Dogs" von Wes Anderson

Gewünscht sind: Kontroversen

Hat das Wettbewerbskuratorium in diesem vorletzten Kosslick-Jahrgang einiges anders gemacht? Oder bestätigt das Programm die Kritik? Nun - zahlreiche Berlinale-Stammregisseure sind dabei, ein bisschen Mainstream, viel internationales Arthouse-Kino. Hier sucht man wohl auch viel Bestätigung durch den Rückgriff auf Bewährtes. Doch letztlich lassen sich Qualitätsprognosen aus Filmbeschreibungen schlecht ablesen. Lassen Sie uns also den Kinobesuch abwarten! Am 24. entscheidet die Jury unter dem Vorsitz von Tom Tykwer, wer den Goldenen und die Silbernen Bären in den Händen halten wird. Tykwer selbst hatte kürzlich mehr Mut im deutschen Film gefordert, denn "letztlich sind es wir Filmemacher, die den Laden aufzumischen haben".

"Wer sind wir? Und wer wollen wir sein?"

Seit ihrer Jungfernfahrt 1951 hat die Berlinale diesbezüglich einiges erlebt: eine Premiere etwa, bei der die Staatsanwaltschaft das Werk bei laufender Vorstellung konfisziert ("Im Reich der Sinne" von Nagisa Oshima, 1976), einen abgebrochenen Wettbewerb, weil ein Film so viele Proteste evoziert, dass die Jury resigniert abdankt ("o.k." von Michael Verhoeven, 1970) und immer wieder Kritik an Ausrichtung, Konzept und Leitung. Sicherlich wird es auch jetzt zu Debatten kommen, die sich hoffentlich nicht an der Demontage der Festivalleitung festhaken, sondern den längst überfälligen Diskurs über das Kino an sich eröffnen. Gerade zu Zeiten wachsender Konkurrenz durch die Streamingdienste und der Umbrüche in der Film- und Kinoszene braucht ein Festival Impulse für einen Perspektivwechsel.

In diesem Jahrgang eröffnet übrigens erstmals ein Animationsfilm die Berlinale: "Isle of Dogs" von Wes Anderson. Vielleicht, wie Festivalleiter Dieter Kosslick in seinem Grußwort schreibt, weil dort ein Hund das Ganze auf den Punkt bringt: "Wer sind wir? Und wer wollen wir sein?

So viel Star-Faktor hat die Berlinale 2018

Sendung: zibb, 13.02.2018, 18.30 Uhr

Kommentar

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2 Kommentare

  1. 1.

    Auch wenn ich Fan von den Leistungen des Hommage-Preisträger bin: Er hat nicht Robinson Crusoe verfasst ;) Ich denke, es handelt sich um Willem Dafoe!

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