Die französische Schauspielerin Melanie Laurent posiert mit den Kinder-Darstellern Zen McGrath (l) und Winta McGrath (Quelle: dpa/Carstensen)
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Tipps und Tricks - Berlinale für Anfänger

Hunderte Filme, aufgebrezelte Hollywoodstars, Journalisten am Rande des Wahnsinns - die Berlinale kann überwältigend anmuten. Lassen Sie sich davon aber nicht einschüchtern! Innerhalb von zehn Tagen kann jeder zum Festival-Experten werden. Von Oliver Noffke

Warum ist die Berlinale wichtig?

Die Internationalen Filmfestspiele Berlin sind eine gigantische Veranstaltung. Etwa 400 Filme werden gezeigt, es gibt Dutzende Spielstätten in der ganzen Stadt, interessante sowie etwas weniger interessante Podiumsdiskussionen. Zudem kommen immer wieder Filmgrößen aus der ganzen Welt nach Berlin, um ihre neuesten Werke vorzustellen. Das war von Anfang an so. Die erste Berlinale wurde 1951 mit Alfred Hitchcocks Film "Rebecca" eröffnet. Hauptdarstellerin und Stargast Joan Fontaine erlebte eine in Trümmer liegende Stadt, in die langsam das Leben zurückkehrte.

Dass mittlerweile Hunderte Filme gezeigt werden und es teils spektakuläre Premierenfeiern am Potsdamer Platz gibt, ist  auch Dieter Kosslick zu verdanken, der seit 2001 als Direktor agiert. Heute gehört die Berlinale neben den Filmfestspielen von Cannes und Venedig zu den drei wichtigsten der Welt. Da im Mai 2019 der Vertrag des Berlinale-Chefs ausläuft, wird derzeit ein Nachfolger gesucht. Kritiker fordern, die Neubesetzung des Chef-Postens zu nutzen, um das Festival programmatisch zu erneuern und zu entschlacken.

Auf der Berlinale werden aber auch Geschäfte gemacht: Es gibt eine Reihe von Terminen, bei denen Produktionsstudios und Filmschaffende bei Häppchen auf Verleihfirmen und Streaming-Portale treffen können. Bei Fachkongressen werden oft millionenschwere Verträge verhandelt. Dass Berlin als Drehort so beliebt ist und die deutsche Filmwirtschaft volle Auftragsbücher hat, ist ohne das tobende Fest Berlinale nur schwer vorstellbar.

Zudem finden während der Festtage die Berlinale Talents statt, ein Programm aus Workshops und Diskussionen, bei dem sich deutsche und internationale Nachwuchsfilmemacher mit profilierten Experten austauschen können.

Was wird gezeigt?

Zumindest mit der Unübersichtlichkeit haben Kosslicks Kritiker nicht ganz Unrecht. Das Festival ist in neun Sektionen unterteilt, die teilweise auch Unterkategorien beherbergen. Zudem gibt es in diesem Jahr drei Sonderreihen.

In den Sektionen Generation Kplus und Generation 14plus [berlinale.de] werden zum Beispiel Filme gezeigt, die sich mit den Schicksalen von Kindern oder Jugendlichen beschäftigen. Da die Berlinale auch hier ihren politischen Anspruch demonstriert, sind diese Filme oft keine leichte Kost. Flucht, Verlust oder Armut sind immer wieder Themen. Für ältere Kinder sind die meisten Filme durchaus geeignet; achten Sie deshalb unbedingt auf die Altersempfehlungen.

Wer Überraschungen mag, dem sei die Sektion Perspektive Deutsches Kino [berlinale.de] empfohlen, zu der Absolventen deutscher Filmhochschulen eingeladen sind. Alle Genres sind erlaubt und alle Themen möglich. Hauptsache der Film ist länger als 20 Minuten.

In der Sektion Hommage [berlinale.de] werden in diesem Jahr Filme mit Willem Dafoe gezeigt, der den Goldenen Ehrenbären bekommt. In der Sektion Retrospektive [berlinale.de] werden teilweise 100 Jahre alte Filme aus der Zeit der Weimarer Republik zu sehen sein.

Was ist der Wettbewerb?

Das Herz der Kinosause ist seit Anbeginn der Wettbewerb [berlinale.de]. Etwa 20 Filme gehen jedes Jahr ins Rennen, um den einen Goldenen Bär (für den besten Film) und die sieben Silbernen Bären (unter anderem für Regie, Darstellerin, Darsteller und Drehbuch). Bei der Auswahl dieser Filme hat Berlinale-Chef Dieter Kosslick das letzte Wort. 

Wer welchen Preis erhält, entscheidet eine sechsköpfige Jury, die jedes Jahr neu zusammengesetzt wird. In diesem Jahr ist der deutsche Regisseur Tom Tykwer ("Lola rennt!", "Das Parfum - Die Geschichte eines Mörders") der Jury-Präsident.

Etwas kurios mutet immer wieder an, dass es Filme gibt, die zwar Teil des Wettbewerbs sind, aber außerhalb der Konkurrenz laufen. Die Jury darf diesen Filmen also keinen Preis zusprechen. Dies werde gemacht, weil die Veranstalter das "Augenmerk auf sie lenken wollen", sagte eine Sprecherin des Festivals dem rbb vor einigen Jahren. Als internationales Filmfestival wolle die Berlinale alle derzeit wichtigen Filme repräsentieren, hieß es. Und die Filme im Wettbewerb bekämen naturgemäß die meiste Aufmerksamkeit. Warum sie dann aber nicht preiswürdig sein dürften, erklärt dieses Statement allerdings nicht.

Wo gibt es die Tickets und was lohnt sich?

Natürlich ist es etwas bekloppt, mitten im Winter in einer Einkaufspassage auf dem Fußboden zu übernachten, um an Kinokarten zu bekommen. Dass trotzdem jedes Jahr Dutzende mit Schlafsack und Klappstuhl zum Potsdamer Platz tingeln, zeigt aber auch, welch innige Liebe einige Fans für die Berlinale entwickeln. Während in Venedig, wo keiner wohnt, und in Cannes, das keiner bezahlen kann, das gemeine Volk lediglich an den Absperrungen zusehen darf, wie die Clooneys, Streeps und Spielbergs an ihnen vorbeihuschen, sind in Berlin die Kinos für jeden offen. Nach den Vorstellungen dürfen Sie klatschen, jubeln, buhen und oft auch Fragen an die Macher richten. Mehr als 300.000 verkaufte Kinotickets machen die Berlinale zum öffentlichsten Filmfest der Welt.

Bei der großen Auswahl den richtigen Film zu finden, ist nicht ganz einfach. Eine gute Strategie ist, im Programm nach Schauspielern, Regisseuren, Ländern oder Themen zu forschen, die Sie interessieren. Erstellen Sie eine Rangliste von drei bis fünf Filmen. Anschließend können Sie natürlich probieren, die Karten dafür von ihrem Computer zu Hause aus zu ergattern. Das klappt aber nur in den seltensten Fällen. Gehen Sie lieber früh morgens zu den Campern am Potsdamer Platz oder zum Kino International. Dem Direktverkauf stehen größere Kontingente offen. An großen Anzeigetafeln können Sie beobachten, wie viele Plätze noch verfügbar sind. Falls ihr Favorit ausverkauft ist, müssen Sie dank Ihrer Rangliste nicht in Panik verfallen.

Vor ein paar Jahren sorgte ein Tipp von Tom Tykwer für herzhafte Lacher aus dem Publikum einer Podiumsdiskussion. Ein paar Tage später stand die Weltpremiere seines Films "The International" auf dem Programm. Filmfan Tykwer empfahl jedoch, sich nicht für solche Hochglanzproduktionen anzustellen, die kurze Zeit später in jedem Kino zu sehen seien. Die Berlinale sei für ihn vielmehr eine Möglichkeit, Filme auf einer großen Leinwand zu erleben, die man später allenfalls noch im Fernsehen zu sehen bekommt.

Wo sind die Kinos?

Ob der liebevoll renovierte Zoopalast in Mitte, der herrlich schrullige KinoToni in Weißensee, das Zeughaus an der Museumsinsel oder die Botschaft von Kanada - die kommenden Tage bieten zahlreiche Gelegenheiten, die wunderbaren Originale der Berliner Kinowelt aufzusuchen oder einen Film in historischer oder außergewöhnlicher Kulisse zu erleben.

Eine umfassende Auflistung finden Sie auf berlinale.de.

Sendung: radioBerlin, 13.02.2018, 6.00 Uhr

Beitrag von Oliver Noffke

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