Das Team of 'Touch me not' (Qulle: AP/Markus Schreiber)
Video: rbb Aktuell | 24.02.2018 | Petra Gute | Bild: AP/Markus Schreiber

Berlinale-Preisverleihung - Kontroverser Film über Sexualität gewinnt den Goldenen Bären

Überraschung bei der Berlinale Preisverleihung: Der Goldene Bär geht an "Touch Me Not" - ein Film, der für Kontroversen sorgt. Die rumänische Regisseurin Adina Pintilie erkundet in dem halbdokumentarischen Film menschliche Intimität - mit teils expliziten Szenen.

"Menschen im Schock" – gewohnt schlagfertig kommentierte Moderatorin Anke Engelke die Entscheidungen der diesjährigen Jury um Tom Tykwer. Für die größte Überraschung sorgte sicher der Goldene Bär für "Touch Me Not". In Spiel- und Dokumentarszenen lässt die rumänische Regisseurin Adina Pintilie Menschen über Körperlichkeit und Intimität sprechen und beobachtet sie bei ihren sexuellen Praktiken. Bei den Kinovorführungen wurde der Film sehr kontrovers aufgenommen.

Regisseurin Adina Pintilie, die trotz einer fiebrigen Erkältung auf der Bühne stand, war sichtlich berührt von der Ehrung: "Wir laden Euch alle zum Dialog ein. Die Schauspieler haben Fantastisches geleistet." Ihr Film wurde an diesem Abend auch mit dem Preis für das beste Erstlingswerk ausgezeichnet.

Verleihung der Berlinale Bären, Berlinale-Palast: Die rumänische Regisseurin Adina Pintilie hält den gewonnen Goldenen Bären für den Besten Film "Touch Me Not" in der Hand (Quelle: dpa/Ralf Hirschberger)
"Touch Me Not"-Regisseurin Adina Pintilie mit dem Goldenen Bären. | Bild: dpa/Ralf Hirschberger

Großer Preis der Jury für polnischen Film "Twarz"

Der Große Preis der Jury für den zweitbesten Langfilm ging an "Twarz" (Mug) von Małgorzata Szumowska. Die polnische Regisseurin war bereits zum vierten Mal im Wettbewerb. 2015 gewann sie mit ihrem irritierenden Werk "Body" (Körper) über eine magersüchtige Frau den Silbernen Bären für die beste Regie.

"Twarz" ist eine schwarze Komödie über einen jungen Mann, der nach einer Gesichtstransplantation von der Dorfgemeinschaft abgelehnt wird. Das bildstarke Werk kreist um Fragen nach Identität und Integration. "Dieser Film ist heute so wichtig, denn er zeigt nicht nur die Probleme in meinem Land, sondern in der ganzen Welt", erklärte Małgorzata Szumowska, als sie den Silbernen Bären entgegennahm.

Monika Szumowska hat bei der 68. Berlinale den Großen Preis der Jury für den zweitbesten Langfilm gewonnen. (Quelle: dpa/Markus Schreiber)
Regisseurin Małgorzata Szumowska freut sich über den Silbernen Bären für "Twarz". | Bild: AP/dpa/Markus Schreiber

Bill Murray: "Ich bin ein Berliner Hund"

Über den Silbernen Bären für die Beste Regie kann sich Wes Anderson freuen – auch wenn er sich bei der Gala von Bill Murray vertreten ließ. Seine liebevolle Stop-Motion-Animation "Isle of Dogs" hatte den Berlinale-Wettbewerb eröffnet. Anderson siedelt seine Trickfilm-Fabel im Japan der Zukunft an, wo alle Hunde auf eine riesige Mülldeponie verbannt wurden. "Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal als Hund arbeite und dann mit einem Bären herauskomme", erklärte Bill Murray, der neben Stars wie Tilda Swinton, Jeff Goldblum und Bryan Cranston, für den Film als Sprecher fungierte. "Ich bin ein Berliner Hund."

24.02.2018, Berlin, Berlinale, Verleihung der Berlinale Bären, Berlinale-Palast: Schauspieler Bill Murray hält den Preis "Silberner Bär für den besten Regisseur" den er für Wes Anderson für den Film "Isle of Dogs" in Empfang genommen hatte (Quelle: dpa/Axel Schmidt)
Bill Murray mit dem Silbernen Bären von Wes Anderson. | Bild: dpa/Axel Schmidt

Schauspieler-Bären für Anthony Bajon und Ana Brun

Der Preis für den Besten Darsteller ging an Anthony Bajon. Mit beeindruckender Präsenz spielt er in Cédric Kahns französischem Drama "La Prière" (The Prayer) einen jungen Mann, der in einer religiösen Gemeinschaft von seiner Heroinsucht loskommt und neue Perspektiven sucht. Bajon, Jahrgang 1994, hat unter anderem in Jacques Doillons "Rodin" mitgewirkt. Die Figur des Thomas in Kahns Film ist seine erste Hauptrolle. Sein Dank galt vor allem seinem Regisseur: "Cédric Kahn hat mir vom ersten Moment an vertraut." Der hochgehandelte deutsche Schauspieler Franz Rogowski, der in zwei Wettbewerbsfilmen zu sehen war, ging leer aus.

Der französische Schauspieler Anthony Bajon küsst seinen gewonnenen Silbernen Bären als "Bester Darsteller" für "Das Gebet". (Quelle: dpa/jens Kalaene)
Der französische Nachwuchsstar Anthony Bajon wurde Bester Darsteller. | Bild: dpa/Jens Kalaene

"Für die Frauen meines Landes, die kämpfen."

Als beste Darstellerin wurde die 68-jährige paraguayische Schauspielerin Ana Brun geehrt. Sie spielt die Hauptrolle in Marcelo Martinessis "Las Herederas" (The Heiresses). Sowohl für Brun als auch für Regisseur Martinessi ist es das Spielfilmdebüt. Mit feiner Eindringlichkeit verkörpert sie eine zurückhaltende Frau, deren Leben sich verändert, als ihre Lebensgefährtin ins Gefängnis muss. Sie widme den Preis "den Frauen meines Landes, die kämpfen", sagte Brun. "Las Herederas" wurde außerdem mit dem Silbernen Bären des Alfred-Bauer-Preises für neue Perspektiven in der Filmkunst ausgezeichnet.

24.02.2018, Berlin, Berlinale, Verleihung der Berlinale Bären, Berlinale-Palast: Die paraguayische Schauspielerin Ana Brun zeigt ihren gewonnenen Silbernen Bären für ihre Leistung als "beste Darstellerin" in dem Film "Die Erbinnen" (Quelle:dpa/Jens Kalaene)
Ana Brun bekam einen Bären als beste Darstellerin. | Bild: dpa/Jens Kalaene

Silberner Bär für bestes Drehbuch geht an "Museo"

Manuel Alcalá und Alonso Ruizpalacios wurden für das Originaldrehbuch von "Museo" (Museum) ausgezeichnet. Der Mix aus Thriller und Roadmovie, in dem Ruizpalacios auch Regie führte, basiert auf einem wahren Fall: 1985 stahlen zwei Studenten mesoamerikanische Heiligtümer aus dem Nationalmuseum in Mexiko City.  

Für die Ausstattung des historischen Biopics "Dovlatov" wurde Elena Okopnaya geehrt. Das Künstlerporträt, in dem ihr Mann Alexey German Jr. Regie führte, gibt Einblicke in das Leben des Schriftstellers Sergei Dovlatov. Bereits bei Germans "Under Electric Clouds", der 2015 einen Silbernen Bären erhielt, hatte Okopnaya Produktionsdesign und Kostüme gestaltet.

Produktionsdesignerin Elena Okopnaya auf der Berlinale (Quelle: AP/Markus Schreiber)
Elena Okopnaya | Bild: AP/Markus Schreiber

Dokumentarfilmpreis geht an Ruth Beckermann und "Waldheims Walzer"

Der Dokumentarfilmpreis ging nach Österreich. Regisseurin Ruth Beckermann erhielt die Auszeichnung für "Waldheims Walzer". Der Forum-Beitrag dreht sich um die Auseinandersetzung um Kurt Waldheim. Vor seiner Wahl zum österreichischen Bundespräsidenten 1985 war Waldheims Rolle als Wehrmachtsoffizier im Zweiten Weltkrieg bekannt geworden. Als die Wahrheit ans Licht kam, löste das die erste große Auseinandersetzung um die Rolle Österreichs im Nationalsozialismus aus. "Unser Film zeigt, wie man mit Populismus und Rassismus Wahlen gewinnen kann", erklärte Beckermann. Es sei traurig, dass das auch heute noch aktuell sei.

Der mit 50.000 Euro dotierte Dokumentarfilmpreis wird erst seit 2017 verliehen. Die Entscheidung über den Preisträger trifft eine eigene Jury, in der in diesem Jahr unter anderen die Filmemacherin Ulrike Ottinger saß.

Vier deutsche Filme gingen leer aus im Bären-Rennen

19 Filme konkurrierten um die Bären, darunter vier deutsche Filme: Die Adaption "Transit" von Christian Petzold, Philip Grönings Zwillingsdrama "Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot", "In den Gängen" von Thomas Stuber und Emily Atefs "3 Tage in Quiberon", der vom letzten Interview mit Weltstar Romy Schneider handelt. Sie gingen bei der Bären-Verleihung leer aus. "In den Gängen" erhielt allerdings den Preis der Ökumenischen Jury.

Die 68. Berlinale zeigte in diesem Jahr 385 Filme aus 78 Ländern, darunter fünf rbb-Koproduktionen. Mit mehr als 300.000 verkauften Tickets gilt die Berlinale als das weltweit größte Publikumsfestival. Das Festival endet am Sonntag mit einem Publikumstag.

Viele starke Frauen und eine Überraschung

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7 Kommentare

  1. 7.

    Lieber Anonymer-User, die Reporterin hat lediglich gesagt, dass ihr der Film persönlich zu intim, nah und distanzlos war. Zugleich bezeichnet sie den Film aber auch als "ein interessantes filmisches Experiment, quasi ein Therapiefilm."

  2. 6.

    Selbst die Journalistin des RBB im obigen Video kann die Entscheidung der Jury überhaupt nicht nachvollziehen und bringt ihr Unverständnis und ihre Abscheu gegenüber dem Film deutlich zum Ausdruck; warum ausgerechnet - Zitat: "ein therapeutischer Porno" mit Szenen und Dingen sie lieber nicht gesehen hätte und: "die Hälfte(!) der Zuschauer hat den Saal während der Filmvorführung verlassen", viel aussichtsreicheren (u.a. deutschen) Filmen vorgezogen wurde... (Nacktheit und) Sex sells! Mehr ist dazu nicht zu sagen. Hauptsache Nacktheit und/oder (explizite) Sexszenen; Handlung, Dramaturgie und Schauspielleistungen sind anscheinend den v.a. männlichen Juroren weniger wichtig, sonst hätte ein anderer, v.a. besserer Film den goldenen Bären gewonnen als dieser umstrittene fragwürdige und pseudo-intelektuelle Kunstporno mit Ekelfaktor!

  3. 4.

    Keine Überraschung - immer Außenseiter, das scheint das Kriterium für die Preise zu sein - schade

  4. 3.

    Und wann geht se jetzt los, die Berlinale?

  5. 2.

    Vielleicht sollte mal jemand einen Film darüber drehen, warum es 'expliziteSzenen' braucht, um menschliche Intimität zu 'erforschen', zumal in einer ohnehin schon so übersexualisierten Gesellschaft wie der unsrigen.
    Aber bei einer Filmlandschaft, bei der selbst in eine Doku über die Spiegelaffäre noch eine Sexszene geschoben muss, überrascht mich diese Juryentscheidung nun so gar nicht. Ist ja alles hohe Kunst, wenn man nur ganz fest dran glaubt...

  6. 1.

    Oh - ähm - ja - Überraschung
    aber nachdem etliche Schattierungen des Grauen schon so einen Hype hervorriefen (warum?) überrascht mich das eher nicht so sehr.
    Glückwunsch also allen Gewinnern!