Ein Kinosaal in Berlin (Quelle:imago/Gerhard Leber)
Bild: imago/Gerhard Leber

Vor der Preisverleihung - Das sind unsere Bären-Favoriten der Berlinale 2018

Alle Wettbewerbsfilme der Berlinale sind gelaufen, jetzt entscheidet die Jury. Unsere Kritiker Ula Brunner und Fabian Wallmeier sprechen im Interview darüber, welche Favoriten sie auf dem Zettel haben. Gute Chancen räumen sie auch den deutschen Beiträgen ein.

rbb|24: Wie war der Wettbewerb in diesem Jahr für Euch – mitreißend oder eher durchwachsen?

Fabian Wallmeier: Vor ein paar Tagen hätte ich noch gesagt, der Wettbewerb ist in diesem Jahr eine totale Katastrophe. In den letzten Tagen kamen aber noch ein paar interessante und tolle Filme dazu, das hat das Niveau insgesamt nochmal deutlich gehoben. Nach meinem Empfinden war es dennoch kein starker Jahrgang, er war einigermaßen solide, würde ich sagen.

Ula Brunner: Ich habe den Wettbewerb als strategisch gute Mischung empfunden aus Autorenfilm, Arthouse, Mainstream, viel europäischem Kino, aber auch US-amerikanischen Filmen - damit die Stars kommen - mit durchaus interessanten, vielseitigen Themen. Aber ich finde auch, dass es kein megastarker Jahrgang ist. Bis auf wenige Ausnahmen waren das keine Filme, die mich aus dem Kinosessel gekickt haben.

Filmkritiker und rbb-Redakteure Fabian Wallmeier und Ula Brunner im Kino. (Quelle: rbb/Wallmeier)
Fabian Wallmeier und Ula Brunner im Kinosaal. | Bild: rbb/Wallmeier

Habt Ihr denn klare Favoriten unter den Wettbewerbsbeiträgen?

Ula Brunner: Ich habe zwei Favoriten: Den polnischen Spielfilm "Twarz" und die Romy-Schneider-Biografie von Emily Atef mit Marie Bäumer, "Drei Tage in Quiberon".

Fabian Wallmeier: Ich finde diese beiden Filme auch gut, obwohl wir beide uns häufig nicht einig sind. Mein Favoriten sind aber zwei andere Filme: Da ist um einen der Film von Lav Diaz, "Ang Panahon ng Halimaw". Dieser vierstündige Film, den er selbst als Rockoper bezeichnet und in dem die philippinische Geschichte der 1970er Jahre mitbehandelt wird, ist großartig. Noch ein bisschen stärker finde ich mittlerweile den Film von Philip Gröning, "Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot". Den haben viele sehr abgelehnt, da wurde nach der Vorstellung auch laut gebuht. Es ist ein sehr kontroverser, spaltender Film, den ich jedoch herausragend finde.

Was denkt Ihr, wie die Jury sich entscheidet – wer hat Chancen auf den Goldenen Bären?

Fabian Wallmeier: Ich fürchte, meine beiden Favoriten werden nicht den Goldenen Bären bekommen. Aber was ich mir vorstellen könnte, ist ein anderer Film, der auch in unserem Kritikerspiegel sehr weit oben steht: "In den Gängen" von Thomas Stuber. Das ist eine angedeutete Liebesgeschichte, mit Franz Rogowski und Sandra Hüller, die sich in einem Großmarkt kennenlernen. Es ist ganz einfach stimmiges Kino, das glaube ich ganz konsensfähig ist.

Ula Brunner: "Transit" von Christian Petzold hat vielleicht ebenfalls gute Chancen oder "Twarz". Viele haben auch von "Dovlatov" geschwärmt. Mal schauen.  

Fabian Wallmeier: Bei "Twarz" kann ich mir das auch gut vorstellen. Der hat eine gute Mischung, zum Beispiel aus satirischen Elementen - und er hat etwas rührend Märchenhaftes an sich. Gleichzeitig wirft er den Blick auf die Zustände in Polen. Er ist damit auch ein gesellschaftlicher Kommentar, das kommt bei Festival-Jurys oft gut an. Wenn hingegen "Transit" den Goldenen Bären gewinnen würde, wäre ich wirklich empört.

Insgesamt werden ja zudem sieben Silberne Bären verliehen, darunter jeweils ein Silberner Bär für die beste Darstellerin und den besten Darsteller. Habt ihr Vermutungen, wer da die Favoriten sein könnten?

Ula Brunner: Ich hoffe, dass Marie Bäumer den Silbernen Bären als beste Darstellerin mit nach Hause nimmt. Sie war als Romy Schneider in "Drei Tage in Quiberon" so herausragend, dass man teilweise dachte, sie sei Romy Schneider. Das ist eine sehr starke darstellerische Leistung. Bei den Hauptdarstellern hat mich Damien Chapelle in "La Prière" überzeugt als junger Mensch auf der Suche nach sich selbst, obwohl ich den Film gar nicht so gut fand. Auch Joaquin Phoenix war großartig in "Don’t Worry, He Don’t Get Far on Foot" von Gus Van Sant.

Fabian Wallmeier: Ich halte beides auch für möglich, gerade bei Marie Bäumer denke ich, dass sie gute Chancen haben könnte. Bei den Frauen sehe ich noch eine zweite Favoritin: Andrea Berntzen, die in "Utoya 22. Juli" die Jugendliche spielt, die bei dem Attentat im Fokus des Films steht. Den Film finde ich ekelhaft, aber sie könnte für ihre Darstellung ausgezeichnet werden. Bei den Männern sehe ich noch den Hauptdarsteller aus dem iranischen Film "Khook", Hasan Majuni, als Favoriten. Er spielt einen passiven Typen, der eigentlich keinen Ärger haben will - und im Laufe der überdrehten Ereignisse des Films dann aber eine Wandlung durchmacht. Das spielt er unheimlich stark und auch sehr witzig, was ja nicht so einfach ist.

Der Silberne Bär für die beste Regie: Was ist da euer Favorit?

Ula Brunner:  Małgorzata Szumowska hätte einen Preis verdient für "Twarz" oder auch Mani Haghighi, der Regisseur von "Khook".

Fabian Wallmeier: Ich kann mir auch Małgorzata Szumowska für "Twarz" vorstellen - aber auch, dass Lav Diaz hier geehrt wird - und zwar für seine sehr ungewöhnliche Mischung aus Musik, Geschichtlichem und Märchenelementen. Das ist in jedem Fall preiswürdig.

Und die weiteren Bären?

Fabian Wallmeier: Da fällt mir als Erstes die Kameraarbeit ein – und zwar wieder in "Twarz". Hier gab es eine interessante Fokussierung auf Teile des Bildes, während der Rest des Bildes unscharf bleibt. Das war sehr interessant gemacht.

Ula Brunner: Das sehe ich ähnlich, aber auch der Kameramann von "The Real Estate" könnte ein Kandidat sein. Der Film hat einen Handylook, unheimlich viele Nahaufnahmen - und das mit einer Darstellerin, die nicht mehr ganz so jung ist, das fand ich sehr interessant.

Gab es für euch ein emotionales Highlight in diesem Jahr? Welcher Film, welcher Moment war das?

Ula Brunner: Mich hat "Drei Tage in Quiberon" sehr berührt. Ich mag die Schauspielerin Romy Schneider sehr gern, aber auch wenn man sie nicht unbedingt so gut kennt – der Film erzählt auf ganz beeindruckende Weise, wie schutzlos ein Mensch sein kann, wie sehr er sich entblößt. Das nimmt man mit, wenn man aus dem Kino geht.

Fabian Wallmeier: Für mich war das emotionale Highlight eine späte Szene in "Ang Panafon ng Halimaw" von Lav Diaz: Da wird gegen Ende ein Lied, das im Film immer wieder gesungen wird, geradezu geschrien und entwickelt dabei eine Brutalität, die einem wirklich den Atem raubt. Und ein negatives Highlight war für mich ganz klar "Utoya 22.Juli", am Ende des Films habe ich, was sonst gar nicht meine Art ist, laut gebuht, weil mich das so angeekelt hat.

Das Gespräch führte Daniela Sting

Die internationale Berlinale-Jury

Sendung: Inforadio, 24.02.2018, 6.00 Uhr

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereNetiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

1 Kommentar

  1. 1.

    Ich fand den Berlinale-Wettbewerb (bin seit 2001 akkreditierter Fachbesucher) in diesem Jahr besonders schlimm. Ausgerchnet nach der Petition der Filmschaffenden für eine Aufwertung der Berlinale durch einen Kosslick-Nachfolger, so viel Belanglosigkeit, Langeweile und ja, auch Dummheit zu zeigen, macht es alles noch viel schlimmer.
    Gute Filme waren aus meiner Sicht "Dovlatov", "Twarz" und leider außer Konkurrenz "Unsane". Unglaubich schlecht fand ich "Damsel", "Figlia mia", "Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot". Letzteren erachte ich als Folge absoluter Hybris. Auch "Entebbe", "Quiberon", "Eva", "In den Gängen", "Utøya" oder "Las Herederas" waren langweilig, unispiriert, unglaubwürdig, politisch fahrlässig und aus vielen anderen Gründen der Hauptsektion des größten Filmfestivals der Welt absolut unwürdig. Christian Petzolds Filme sprechen wohl nicht meine Sprache. "Transit" ist nach meiner Auffassung voll von Fehlern. Lasst ihn in den Wettbewerb, kluges Kino ist es wohl nicht.